Schmerzen bis zum Anschlag

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Lesen Sie auch die Artikel  Langsam verzweifelt - diffuse Schmerzen   und  Es kann auch ein Zahn schuld sein   aus der Rubrik Chronische Schmerzen

ous1.jpgWieder ein Fall aus dem wirklichen Leben: die 22- jährige Frau O. hat Zahnschmerzen am linken unteren 6er. Das ist kein Wunder, denn die Füllung ist praktisch schon in der Pulpa drin. Für Nichtzahnmediziner: Der mittlere Zahn hat eine helle Füllung und diese berührt an einer Stelle das dunkle Innere des Zahns. Das genau ist die Problemstelle. Wenn Füllungen sich dem Zahnnerv (=der Pulpa) auf weniger als 0,5 mm nähern - und hier ist der Abstand geringer - gibt es gehäuft Stress in Form von Entzündungen der Pulpa. Diese sind oft mit Schmerzen verbunden, aber keineswegs immer.

Unsere Vorbereitungsassistentin führt deshalb zielgerichtet und auch vollkommen berechtigt eine Wurzelbehandlung dieses Zahns 36 durch. Weil ous2.jpgdie Pulpa noch lebend angetroffen wird, handelt es sich bei dieser Behandlung um eine Vitalexstirpation (Lebendentfernung). Das ist insofern von Bedeutung, weil bis dahin noch keine starke bakterielle Besiedlung der Wurzel stattgefunden hat. Das erlaubt es normalerweise auch, solche Zähne direkt in einer Sitzung mit einer Wurzelfüllung zu versehen.

Wegen starker Schmerzen beim Entfernen der Pulpa trotz intensiver Anästhesie bekommt die Patient zunächst - korrekterweise - eine Einlage mit Ledermix Paste (Cortison /Antibiotikum Mischung) in die Wurzel und darüber eine provisorische Füllung.

 

 

Jetzt beginnt der Höllenritt:

Zwischenfall 1: Der Schmerz wird nur 2 Tage etwas weniger, und kommt dann mit voller Härte, das heißt mit einer Stärke von VAS 9 von 10 (auf der Skala 0 bis 10) wieder. Meine Assistentin greift zuerst zu Ibuprofen, dann zu Dolomo, dann zu Novalgin, dann zu Tilidin (Valoron).

Zwischenfall 2: Am Tag 3 bricht unsere Patientin O. in der Praxis zusammen, krampft, verliert die Orientierung, was einen Anruf beim Notruf erforderlich macht und wird von hier mit Tatü Tata in das städtische Krankenhaus befördert. Die augenscheinliche Diagnose lautet: Krampfanfall durch eine Überdosierung von Tilidin, was bekanntermaßen ein Opioid ist und natürlich auch zentrale Nebenwirkungen hat. Einen Tag später geht es Frau O. den Umständen entsprechend wieder gut, aber der Zahnschmerz ist längst nicht weg, sondern immer noch in heftiger Stärke vorhanden.

Zwischenfall 3: Beim Wechsel der medizinischen Einlage von Ledermix auf Ledermix hat die Patientin allerstärkste Schmerzen beim Tiefergehen VAS 10/10 in einem Kanal. Dazu noch die Dauerschmerzen.



Schnitt, jetzt kommt der Schmerztherapeut. Unsere Patientin erhält daraufhin folgende Anweisung: Jeden Abend bitte 10mg Amitriptylin bis entweder der Schmerz nachläßt, oder 3 Wochen vergangen sind und sich außer Nebenwirkungen nichts tut.

Was denken Sie, ist passiert? Nach 2 oder 3 Tagen ist der Schmerz weg. Ich übertreibe nicht, das sind die Worte der Patientin. Und dann entscheide ich (der Schmerztherapeut), dass in diesem schmerzfreien Intervall auch sofort die Wurzelfüllung passieren muss. 

ous3.jpgGenau so wird es auch durchgezogen. Eine Woche nach Beginn der 10mg Amitriptylin Kur bringe ich diese Wurzelfüllung aus Endomethasone und Guttapercha-Spitzen in den 36 ein. Für die mitlesenden Kollegen: die mesialen Kanäle sind zu kurz. Dazu sage ich: falls es tatsächlich zu einem apikalen Problem deshalb kommen sollte, gibt es einfach eine Revision der mesialen Kanäle zu gegebener Zeit. Tipp: Endomethasone läßt sich im Gegensatz zu AH26 ganz gut entfernen. 

Jetzt sind 3 Wochen seit der Wurzelfüllung vergangen. Die Patientin hat direkt nach der Wurzelfüllung die Amitriptylin langsam ausschleichend abgesetzt (über 4 Tage). Es kam zu leichten Schmerzen auf der linken Seite nach 1 Woche, die die Patientin als "Nichtzahnschmerz" beschreibt. 

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