Unverstanden und alleinegelassen leiden sie Höllenqualen - Kinder mit Migräne

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kinder.gif Sehr kleingedruckt und auch noch auf englisch ist diese Tabelle eine mittlere Zumutung. Aber hier geht es um schwere Schicksale von ganz jungen Menschen, mit denen alle überfordert sind. Diese Patienten können sich im akuten Stadium nur schwer verständlich machen, weil der Kopfschmerz so furchtbar ist und sie so licht- und lautempfindlich sind, dass die kleinste Unterhaltung zur Tortur wird.

Ich - der Autor Joachim Wagner - kann hier mitreden, denn ich selbst wurde als Kind häufig von Migräneanfällen heimgesucht. Überfordert sind die Eltern, denn sie können den gravierenden Zustand des Kindes schlecht erkennen. Der überstarke Kopfschmerz ist von außen nicht direkt zu sehen. Dazu kommt, dass Kinderärzte a) sich oft über die Häufigkeit der Migräne bei Kindern täuschen, diese also unterschätzen, b) das Kind im Akutstadium selten zu Gesicht bekommen und c) dann nicht genau wissen, was am effektivsten hilft.

  Darum geht es in der obigen Tabelle.  Wichtig ist hier die Spalte 2 mit der Überschrift "Headache Duration (Hours)" = Kopfschmerz Dauer in Stunden und die Spalte 5 "Severity at Time Zero" = Stärke der Schmerzen vor Behandlungsbeginn auf der Skala 0 bis 10, wobei 10 gleichbedeutend mit dem Schmerz beim Abreißen eines Arms ohne Betäubung sein soll.

Die Dauer der Kopfschmerzen geht von einer halben Stunde bis 336 Stunden, was volle 14 Tage am Stück sind, im Durchschnitt (="Mean") werden 54 Stunden angegeben. Die Stärke der Kopfschmerzen vor der Behandlung liegt praktisch bei allen 20 Kindern im unerträglichen Bereich um den Wert 8 bis 9, im Durchschnitt 8,4 herum. Das Kind Nummer 8 leidet demnach seit 14 Tagen ununterbrochen (!) unter einer Migräne der Stärke 8 von 10 möglichen Punkten. Wer kann das ertragen? Als Erwachsener würde man Himmel und Hölle in Bewegung setzen.

Alle diese 20 Kinder in einem Durchschnittsalter von 12,9 Jahren erhalten als Akutbehandlung der Schmerzen eine Spritze mit  Prochlorperazin , *) deutsche Bezeichnung = Perazin in der Standarddosierung von 0,13 mg/kg Körpergewicht intravenös. Nach einer Stunde sind die Schmerzen bei etwa 80% der Kinder (Spalte 6) so gut wie  verschwunden und nach 3 Stunden sind 90% aller Kinder (Spalte 10) schmerzfrei, wohlgemerkt: nach einer einmaligen Anwendung dieses Neuroleptikums . Die Details des Versuchs gibt es im Volltext hier.

 


Kommentar: Es kommt so gut wie nie vor, dass ein einzelnes Medikament eine derartig durchschlagende Wirkung entfaltet. Leider wissen das aber weder die Eltern der betroffenen Kinder, noch die Mehrheit der Kinderärzte. Das muss sich dringend ändern, denn das sind wir den Leidenden schuldig.

 

Ganz nebenbei gewinnen wir Zahnärzte mit Prochlorperazin auch ein wichtiges diagnostisches und akutmedizinisches Hilfsmittel. Zum einen können wir damit eine vermutete Migräne als eigentliche Ursache von Kieferschmerzen endlich gezielt behandeln und können aber gleichzeitig bei einer beobachteten starken Wirkung auf den Schmerz dem Patienten weitere unnötige zahnärztliche Eingriffe ersparen.

*) in der englischsprachigen Ausgabe von Wikipedia zu Prochlorperazin findet sich folgender bemerkenswerter Satz: Quite recently, in the UK prochlorperazine maleate has been made available as Buccastem M in buccal form as an over-the-counter treatment for migraine. In this indication it blocks the chemoreceptor trigger zone (CTZ) in the brain, which is responsible for causing severe nausea and vomiting. Its OTC use is strictly restricted to a maximum of 2 days, because of the potentially severe side effects of prochlorperazine, which mandate supervision by a health care provider.

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