Die Funktionsanalyse hat es hinter sich

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Themenverwandte Artikel sind:Wenn der Kieferorthopäde an die Gnathologie glaubt und Warum man bei CMD Schmerzen genauer in das Hirn schauen sollte aus der Rubrik Biss, Knirschen und 'Funktion

sany0036.jpg Da fragt mich doch unlängst ein Kollege aus der Logies Mailgruppe (Zahnarzt Emailtruppe), nachdem ich mich wiederholt abschätzig zur Funktionsanalyse geäußert hatte, ob ich denn meine Meinung auch wissenschaftlich unterstützen könne.

Klar kann ich. Und damit es nicht zu langweilig wird, habe ich gestern eine Fingerübung gestartet und die Datenbank Medline zu Hilfe gebeten. In einer halben Stunden waren 3 recht brauchbare Studien gefunden, die ich bisher hier nicht präsentiert habe:

1. Insbrucker Forscher finden 2002 mit Hilfe des Kernspin Tomografen heraus, dass es keine statistische Beziehung zwischen Schmerzen im Bereich Ohr/Kiefer/Kiefergelenk und sichtbaren Veränderungen im Kiefergelenk ("internal derangement) gibt. Ungefähr die Hälfte (55,9%) aller untersuchten 109 Patienten hatten eine sichtbare Veränderung im Kiefergelenk, aber die statistische Beziehung zwischen Schmerzen und dem Befund war praktisch Null. Die Untersuchung bestätigt wiederholt, dass die klinische Untersuchung nicht geeignet ist, den MRT Befund des Kiefergelenks vorherzusagen. 

Zitat: "The purpose of this study was to assess the prevalences of magnetic resonance (MR) imaging findings of internal derangement (ID) in temporomandibular joints (TMJs) without a specific clinical diagnosis of temporomandibular disorder (TMD), and to investigate whether in this TMJ group the variable of pain may be linked to MR imaging findings of ID. The study comprised 109 patients, who were assigned a clinical uni- or bilateral TMJ-related diagnosis of 'absence of TMD'. Bilateral sagittal and coronal MR images were obtained subsequently to establish the prevalence of TMJ ID. An MR imaging diagnosis of ID was found in 99 (55.9%) of the 177 TMJs investigated. About 30.3% of the closed mouth-related TMJ positions characterized by disc displacement presented with anterior disc displacement, while 27.3% had anterolateral and 25.3% anteromedial disc displacement. Analysis of the data revealed the presence of TMJ pain to be associated with significantly more MR imaging diagnoses of disc displacement without reduction than disc displacement with reduction (P 0.05). Using chi-square analysis, no significant relationship was found between the presence of TMJ pain and the MR imaging diagnosis of TMJ ID (P=0.93). Use of the kappa statistical test indicated poor diagnostic agreement between the presence of TMJ pain and the MR imaging diagnosis of ID (kappa=0.01). The results suggest TMJs with a clinical diagnosis of 'absence of TMD' to be associated with a high rate of IDs, while in these instances the clinical variable of TMJ pain may have no effect on prevalences of MR imaging diagnoses TMJ ID. The data confirm the aspect of clinical diagnostic criteria as an unreliable instrument in predicting MR imaging diagnoses of TMJ ID."

 

2. Brasilianische Forscher haben sich 2006 mit der Frage beschäftigt, ob ein einseitiger Kreuzbiss (siehe auch Foto) Auswirkungen auf das Kiefergelenk hat, so wie die Theorie das vorsieht. Dazu wurden 31 Kinder im Alter von 9 bis 10 Jahren rekrutiert, 15 davon mit einseitigem Kreuzbiss und 16 mit "normaler" Verzahnung. Durch Kernspinbilder der Kiefergelnke sollte herausgefunden werden, ob es einen Unterschied zwischen den Gelenken der beiden Gruppen gibt. Ergebnis: Die interne Umordnung (englisch: internal derangement) im Kiefergelenk und der einseitige Kreuzbiss sind von einander unabhängige Ereignisse. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. 

Zitat: "INTRODUCTION: Epidemiological studies have suggested an association between unilateral posterior crossbite (UPXB) and temporomandibular joint disc displacement. The purpose of this prospective study was to investigate articular disc positioning and its configuration in children with functional UPXB malocclusions and their counterparts with normal occlusions by using magnetic resonance imaging. METHODS: The study sample included 9 girls and 6 boys (mean age, 9.3 years; SD, 2.1) with complete UPXB involving 3 or more posterior teeth and functional shift from centric relation to intercuspal position (patient group). The control group consisted of 10 girls and 6 boys (mean age, 9.6 years; SD, 2.1) with normal occlusion. All participants had no signs or symptoms of temporomandibular disorder. Sagittal and frontal magnetic resonance images of the temporomandibular joint with the jaw in closed and open positions were made bilaterally. Three investigators independently interpreted the magnetic resonance images. RESULTS: No intergroup or intragroup differences regarding sex were found, and only 1 subject with articular derangement (disc displacement without reduction associated with disc distortion-folded disc) was found (patient group, same side of crossbite). CONCLUSIONS: These findings suggest that temporomandibular joint derangements and functional UPXB are independent occurrences, or that the magnitude of such derangements is still not normally detected by magnetic resonance imaging in children in this age range. Another explanation for posterior crossbite not being reflected in disc displacement is the potential compensatory asymmetrical condyle growth or articular fossa remodeling that can hold the articular disc in position."

 

3. US-amerikanische Forscher haben 2007 in Kansas City eine sehr interessante Forschung über TMD (für Deutsche ist das ungefähr vergleichbar mit CMD) und Kopfschmerzen angestellt: Von der allgemeinen Bevölkerung wurden Versuchspersonen mit selbstdiagnostizierten Kopfschmerzen ausgewählt und dazu Kontrollpersonen ohne Kopfschmerzen gefunden. Diese wurden einem Zahnarzt vorgestellt, der auf TMD untersuchen sollte, der aber die Gruppenzugehörigkeit der Personen nicht kannte und nicht erfragen sollte. Nach der klinischen Untersuchung folgten Tests zur Datengewinnung über Schmerzen, Zahnkontakte, Muskelspannung, emotionale Zustände und Stress. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Kopfschmerz Patienten erheblich öfter eine TMD Diagnose für myofasziale Schmerzen bekommen hatten als nicht Kopfschmerz Kontrollpersonen. Dazu haben Kopfschmerz Menschen häufiger stärkeren Zahnkontakt, mehr Muskelspannung, mehr Stress und - wer hätte es gedacht - stärkere Schmerzen im Gesicht und Kopf und anderen Stellen des Körpers als die Kontrollpersonen. Dieses Ergebnis ist ähnlich wie bei "normalen" TMD Untersuchungen und läßt vermuten, dass es erhebliche Überlappungen der Diagnose TMD mit der von Kopfschmerzen gibt.

Zitat: "To assess the diagnostic and behavioural overlap of headache patients with temporomandibular disorders (TMD), individuals recruited from the general population with self-described headaches were compared with non-headache controls. The examination and diagnostic procedures in the Research Diagnostic Criteria (RDC) for TMD were applied to both sets of subjects by a blinded examiner. Following their examination, subjects used experience sampling methods to obtain data on pain, tooth contact, masticatory muscle tension, emotional states and stress. Results showed that a significantly higher proportion of the headache patients received an RDC/TMD diagnosis of myofascial pain than non-headache controls. Headache patients also reported significantly more frequent and intense tooth contact, more masticatory muscle tension, more stress and more pain in the face/head and other parts of the body than non-headache controls. These results are similar to those reported for TMD patients and they suggest that headache patients and TMD patients overlap considerably in diagnosis and oral parafunctional behaviours."

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Kommentar: Die Okklusion ist auf der internationalen wissenschaftlichen Bühne als Ursache für TMD schon lange abgehakt. Nur in Deutschland und Österreich hält sich der Spuk noch ein Weilchen ....  Der Ansatz aus Kansas City ist ganz neu. Bisher wurde wissenschaftlich im Bereich von RDC/TMD (Research Diagnostic Criteria TMD) viel um die Achse 2 geforscht, also speziell die  psychiatrischen Komorbiditäten wie Angststörungen und Depressionen, die auffällig oft mit einer TMD auftreten, untersucht. Die Komponente Kopfschmerz und damit letztlich auch das große Gebiet der Cephalalgien (Kopfschmerzen im weitesten = neurologischen Sinne) in die Zahnmedizin und die TMD einzubringen, das ist neu und eine vielversprechende Idee, wie schon gezeigt werden konnte.

Hier sollten sich unsere deutschen Strategen tummeln, statt immer noch einen auf Funktionsanalyse zu machen. 

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