Glas Ionomer Zement kann ein Kunststück

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Dazu passt der Artikel Super/Hyper/Extraempfindliche Zähne überkronen und Glas Ionomer Zement verhindert Karies aus der Rubrik Welches Füllungsmaterial

chemicalfusion2.jpgDas Elektronenmikroskopbild in schwarz/weiß zeigt bei den weißen Pfeilen etwas, das 98% aller Zahnärzte unbekannt sein dürfte: die sogenannte "Chemical Fusion Zone" = die chemische Verbundzone. Lassen Sie mich zur Erklärung aber weiter ausholen. Dr. Graeme Milicich, Hamilton, New Zealand ist ein verdienstvoller zahnärztlicher Kollege, der seit Jahrzehnten - wie übrigens viele australische und neuseeländische Zahnmediziner - über reichlich Erfahrung mit Glasionomerzement (GIZ) als Füllungsmaterial verfügt. Dr. Milicich hat seine Kenntnisse früh in Form von Video- und gedrucktem Material zur Verfügung gestellt und die Bilder hier entstammen der Veröffentlichung im Journal of Microscopy, Vol. 217, Pt 1 January 2005, pp. 44–48. 

Diese Elektronenmikroskop Aufnahme ist weltweit deshalb ziemlich einmalig, weil das Aufbereiten der Proben von Dentin mit Glasionomerzement (oder auch einfach mit GIZ gefüllte Zähne) für das Elektronenmikroskop (SEM) gerade keine Aufgabe für Anfänger ist. Elektronenmikroskope funktionieren nur mit Vakuum in der Probenkammer, dafür muss die Probe aber trocken sein. Bei der Trocknung der Proben zerreißt der Zement, weil er nur im wässrigen Milieu formstabil ist. Das hat zur Folge, dass es zwar viele SEM Aufnahmen von GIZ gibt, die meisten davon aber viele Artefakte zeigen, also Unsinn darstellen. Darauf kann man Risse, Hohlräume, Spalten und Brüche bewundern, die im Mund so nicht auftreten oder vorhanden sind. Dr. Milicich hat nun ein Verfahren entwickelt, wie man trotzdem zu genauen Bildern kommen kann. Im Prinzip klebt Dr. Milicich mit Dentinadhäsiven und Bondern eine Lage Komposite (Füllungskunststoff) auf die zu mikroskopierende Fläche und ätzt den Zahn und den GIZ anschließend mit Salzsäure weg. Damit hat er dann das Negativ in Kunststoff vorliegen, das ohne Probleme getrocknet werden kann.

Nun zum entscheidenden Punkt: die chemische Verbundzone. GIZ wird bekanntlich nicht chemicalfusion3.jpg mit irgendeinem Adhäsiv oder Bonder oder sonstigem Klebevermittler am Zahnmaterial verankert, sondern klebt von alleine. Die GIZ Hersteller empfehlen teilweise (z.B. Espe) die Verwendung einer ca. 10% Polyacrylsäure zum Säubern der Oberfläche. Diese wird aber wieder mit Wasser abgespült. Schaut man sich das 1. Bild genau an, sieht man unten Dentin (hat diese länglichen Kanälchen), ganz oben im Bild erscheint grobporiger Beton, was nichts anderes als GIZ ist. Und dazwischen liegt eine helle Zone, wo kein Dentinkanälchen hineinreicht, aber auch kein Kieselstein aus dem Beton vorkommt. 1) Was ist das für ein Material und 2) wie kommt es dahin?

Die Antwort lautet: zu 1) das ist nicht wirklich erforscht und 2) Dr. Milicich behauptet, dass es sowohl aus dem Zahnmaterial als auch dem Füllungsmaterial entstammt. Wenn man sich die 2. Aufnahme unten anschaut, in der die Vergrößerung noch einmal um das 5-fache gesteigert ist, dann sieht man sehr deutlich, dass es zwischen dem Enamel (= Zahnschmelz) und der Fusion Zone gar keinen Spalt gibt. Man kann nur erkennen, dass die Salzsäure leichteres Spiel mit dem Schmelz hat und deshalb ein kleiner Höhenabsatz zu Stande kommt. Insofern ist die Behauptung, dass auch Material vom Schmelz bzw. Dentin dabei ist, plausibel. 

 

Kommentar: Ein Kollege aus der www.logies.de Zahnarzt Mailgruppe hat mich auf den Neuseeländer Dr. Milicich aufmerksam gemacht. Sonst hätte ich selbst auch noch immer keine Ahnung von der "chemical fusion zone". Und das ist schlichtweg skandalös. GIZ ist ein immens unterschätztes Material im Mund. Hier zeigt sich eine weitere entscheidende Komponente: ganz ohne jeden extra Klebevorgang sorgt das Material für einen absolut pottdichten Verschluss unter sich selbst. Und wer hat das herausgefunden? Ein kleiner Neuseeländer. Wahrscheinlich gibt es dafür in 25 Jahren den Zahnmedizin Nobelpreis - wenn auch der letzte bezahlte Akademiker unserer Zunft überzeugt wurde, dass Kunststoff dieses Kunststück nie lernen wird.

PS: Andere Länder, andere Werbung. Die Firma Fuji wirbt in ihrer Broschüre für ihre GIZ Produkte für den australischen Markt völlig anders als hierzulande. Auch die Bilder unterscheiden sich elementar. Schauen Sie hier. 

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