Der Kältetest und andere Lügen

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Lesen Sie auch Lowtech Diagnose-Werkzeuge für Zähne und  Diagnose Werkzeug für die Kiefergelenkskranken aus der Rubrik Chronische Schmerzen

 

Bevor es mit dem Artikel losgeht, sollten Sie, liebe Leser/innen, zunächst eine Geschichte aus dem wahrem Leben lesen. Es geht der betroffenen Patientin in der Hauptsache natürlich darum, dass ihre sehr hartnäckigen Schmerzen a) halbwegs erklärt und b) vielleicht auch behandelt werden können. Die Details darüber sind in den Antworten zum Beitrag der Patientin enthalten und da auch nachzuschauen.

 

Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Thema: wie Zahnärzte (auch die weiblichen) sich ihre Wahrnehmung zurecht dengeln, damit sie die ihrem Weltbild widersprechenden Fakten passend gebogen bekommen. Zitat 1 aus dem o.a. Forumsbeitrag: "- und siehe da- ein Backenzahn im linken Unterkiefer reagierte sowohl auf den Kältetest, als auch auf den Stromreiztest, fast nicht mehr. Der Zahn wurde aufgemacht- keine Karies als Ursache der Nervreizung war zu erkennen-dann folgte eine Wurzelbehandlung. Daran schlossen sich mehrwöchige Behandlungen an, weil der Zahn einfach keine Ruhe gab. Nach mehreren Monaten wurde dann die endgültige Füllung gesetzt. Bis heute habe ich aber das Gefühl (keine Schmerzen), dass da etwas nicht stimmt. Eine Ursache für das Absterben des Nervs wurde, wie schon erwähnt, nicht gefunden." Halten wir zunächst fest, dass die Behandlerin hier ausschließlich aufgrund eines Kälte- und Stromtests eine Wurzelbehandlung angefangen hat, obwohl alle anderen Anzeichen, also Röntgenbild,klinischer Befund, Kariesfreiheit, nicht vorhandene Klopfempfindlichkeit etc. dagegen sprachen.

Zitat 2 "Daraufhin wurde ein Backenzahn (der neben dem wurzelbehandelten Zahn mit der "Schlupfwinkelkaries)aufgebohrt- unter der bereits vorhandenen Füllung hatte sich wieder Karies entwickelt- ziemlich tief sogar. Als auch dieser Zahn vor dem Aufbohren nicht auf den Kältetest reagiert hat, hat die ZÄ lange überlegt, was sie nun tun solle. Sie bohrte dann, ohne Betäubung, in den Zahn, um zu sehen, ob noch "Leben darin ist" -da sich Schmerzen einstellten und die ZÄ meinte, dass die ein Zeichen sei, dass der Nerv noch nicht völlig abgestorben sei, beschloss sie dann, die Karies herauszubohren und der Zahn mit Kunststoff zu füllen. Die neuralgischen Schmerzen in dieser Region hatte ich dann noch einige Wochen (oder waren es Monate?)"  Was gefällt mir an dieser Schilderung am allerwenigsten?

"dass der Nerv noch nicht völlig abgestorben sei". Dieser Satz aus einem Zahnmediziner Mund ist einfach lächerlich. Er legt nahe, dass die Empfindlichkeit eines Zahns auf Kälte vom Grad des Lebens abhängt. Dahinter steckt die Vorstellung, dass ein nur noch halb auf Kälte empfindlicher Zahn -  wie beispielsweise sein Nachbarzahn - nur noch halb lebt. In der Zahnmedizin gibt es nicht gar so viele Gewissheiten, aber eines ist gewiss: auf den Kältetest als Maßstab für die Gesundheit des Zahnmarks = Pulpa ist kein Verlass. Das müßte die Kollegin in unserem Beispiel eigentlich wissen - und weiß es auch. Warum bindet diese Kollegin sich selbst und ihrer Patientin gegen ihr besseres Wissen nun diesen Bären auf? Ganz einfach. Weil ihr persönliches zahnmedizinisches Weltbild sonst in Gefahr gerät. Die Erschütterung ihres Weltbildes besteht darin, dass hier ein Riesenschmerz die Patientin ständig in die Praxis führt und die Zahnmedizinerin jeglichen kleinen Hinweis auf eine Unregelmäßigkeit an den Zähnen sofort in Bohraktionen ummünzt, was vorhersagbar und immer wieder schief geht. Also frickelt sich Frau Doktor ihre Spezial Zahnmedizin Marke Eigenbau zurecht, ungefähr nach dem Motto: "der Zahn hat nicht korrekt auf Kälte reagiert, da mußte ich eingreifen. Dass der dann beim Aufbohren doch eigentlich nichts hatte und auch am Leben war, fällt unter natürlichen Schwund ... "

Und in diesem Stil geht es weiter. Offensichtlich erhält unsere Patientin mehrere Wurzelbehandlungen "weil die Zähne nicht auf Kälte reagiert haben". Das Ganze gipfelt in der Extraktion eines dieser wurzelbehandelten Zähne, denn der habe eine "Verschattung" im Röntgenbild gehabt. Mein lieber Scholli. Zahnmedizinisch betrachtet ist das die echte Glanzleistung: Erstens eine überflüssige Wurzelbehandlung an einem völlig intakten Backenzahn, der nur das Pech hatte, nicht rechtzeitig auf Kälte "Aua" zu sagen.  Und Zweitens dazu eine arztverursachte (= iatrogene) Keimverschleppung aus der Mundhöhle in die Wurzel mit nachfolgender Entzündung des Knochens an der Wurzelspitze.

Genug der Kollegenschelte. Die Empörung über die Geschichte ist zwar naheliegend, soll aber hier nicht der Punkt sein. Der Punkt, um den es geht, ist die häufig anzutreffende Eigenschaft von Behandlern, sich die beobachteten Ereignisse im Patientenmund passend zu eigenen Überzeugungen umzudeuten. Wesentlich besser wäre es, gerade die Dinge, die so gar nicht passen wollen, genau so zu lassen wie sie sind und so widerspenstig auch zu ertragen. Wie z.B. starke Schmerzen und im Grunde null Befund. 

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