3 Neuropathikerinnen in kurzer Folge

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Sehen Sie sich auch die Artikel an Amitryptilin wirkt gegen neuropathischen Schmerz und  Neuropathiker : so sind sie zu erkennen aus der Rubrik Chronische Schmerzen

 

Von wegen Neuropathiker seien in der Praxis selten anzutreffen:

Montag 15.09.2008, 10:10.

Frau M.S. (49)  hat einen Schmerztermin erbeten, weil sie seit 4 Tagen, genauer gesagt 4 Nächten Zahnschmerzen links oben versucht mit Novalgin zu bekämpfen. Pünktlich am Freitag abend hat es angefangen und wird durch kalte Sachen verschlimmert. Und seit gestern kommt auch ein Schmerz rechts unten dazu. Ich schaue mir unter zuhilfenahme einer Hakensonde alle Zähne im gesamten Mund an, klopfe die Seitenzähne auf der linken Seite oben und unten ab, ohne erkennbare Besonderheit, teste auf Kälte und ermittle dabei, dass 24 und 25 sehr empfindlich auf Kälte reagieren, alle anderen aber auch relativ schnell. Das Beissholz erbringt bei voller Belastung = richtige Bissspuren im Holz keinen Hinweis auf einen Riss bzw. Belastungsschmerz. Auch ein neues Röntgenbild zeigt bis auf eine tiefe, aber alte Amalgamfüllung nichts Beunruhigendes. Ein Blick in die Karteikarte fördert zu Tage, dass eine ähnliche starke Überempfindlichkeit auf Kälte mit spontanen Schmerzen auch im Dezember 2007 vorlag und zwar ebenfalls beidseits, damals aber die Zähne 17 und 26 als besonders herausragend überempfindlich ermittelt wurden und im Röntgenbild kein Anlass zum Tätigwerden gefunden werden konnte.

neuro7.jpgBeim Nachhaken stellt sich auch heraus, dass Frau S. Schlafstörungen hat, die Zahnschmerzen nachts sie also nicht notwendigerweise am Einschlafen und Durchschlafen hindern und dass die berufstätige Arzthelferin sich mit Novalgin (Metamizol) schon selbst mediziert hat, aber erstaunlicherweise trotz ausreichender Dosierung kaum Wirkung erzielen konnte.  Daraus stelle ich die Verdachtsdiagnose: Zahnmigräne, die nichts mit den Zähnen, aber alles mit dem Trigeminus zu tun hat. Dafür sprechen a) das Auftreten der Schmerzen links und rechts, b) das wiederholte Auftreten links und rechts, c) das ausgesprochen schlechte Ansprechen auf Novalgin und d) alle Negativ Befunde s.o.. Die Patientin erhält ein Rezept mit Diclofenac 100 Tabl. 50mg und Omeprazol 25 zum Magenschutz. Wenn das nicht ausreichend hilft, kommt Katadolon und/oder Amitriptylin.

Dienstag 16.09.2008, 8:00.

Frau A.H. (45) wartet bereits auf mich. Die Patientin ist seit Februar 2008 praktisch in Dauerbehandlung. Genau genommen noch viel weiter davor. So lange ich diese Patientin betreue, also seit 1999, benimmt sich der Zahn 16 auffällig. Er ist stark kälte- und beissempfindlich und weil die Patientin knirscht ist der Verdacht eines versteckten Risses nicht auszuschließen. Diverse Füllungen haben daran nichts verbessert, auch kein Glasionomerzement. neuro8.jpgDa auch noch der Zahn davor fehlt, wird beschlossen, eine Extentionsbrücke von 17,16 auf 15 zu bauen. Das geschieht Februar 2008. Wie fast zu erwarten war, beruhigt sich der Zahn 16 kein bißchen, sondern macht stärkere Schmerzen beim Zubeißen und auf Kälte. Am 31. Juli 2008 ist es dann soweit, Behandler und Patientin haben sich jetzt zu einer Wurzelbehandlung durchgerungen. Diese verläuft zunächst unspektakulär, auch die medizinische Einlage mit CHKM führt zu keiner besonderen Reaktion. CHKM wird zweimal gewechselt: Mitte August und Anfang September. Aber dann geht es los. Ab dem 08. Sept.läuft der Zahn plötzlich Amok. Die Patientin erscheint mehrfach zunächst bei meiner Assistentin, die von CHKM auf Ledermix als Einlage wechselt und Novalgin verschreibt. In der nur 2 Tage später erfolgenden Notsitzung teilt Frau A.H. mit, dass Novalgin nur minimal geholfen habe, woraufhin die Mitarbeiterin den Zahn offen läßt.

neuro9.jpgHeute erfahre ich, dass das Offenlassen keinen Erfolg gezeitigt hat und die verschriebenen Voltaren (Diclofenac) Tabletten sie bei der notwendigen Dosierung in ihrem Beruf soweit beeinträchtigen, dass das keine Dauerlösung sein kann. Beim Besprechen der Optionen stellt sich heraus, dass die Patientin bereits intensiven Kontakt mit vielen unserer einschlägigen Mittel hatte, u.a. Diclofenac anläßlich eines Bandscheibenvorfalls, und Flupirtin (Katadolon) wegen diverser hartnäckiger Schmerzen und auch die visuelle Analog Skala (VAS) für Schmerzen kennt. 

Auch in diesem Falle stelle ich die Verdachtsdiagnose: Schmerz vom Trigeminus. Dafür spricht a) der überaus hartnäckige Verlauf der Schmerzen am 16 über nunmehr 9 Jahre, b) das prompte Versagen jeder einzelnen zahnärztlichen Maßnahme von Füllung, zu Füllung, zu Krone und jetzt zur Wurzelbehandlung, c) der infektionstechnisch absolut unplausible Verlauf der Schmerzen ab Beginn der Wurzelbehandlung, d) das Versagen von Novalgin, e) die Wirkung von Diclofenac und f) die kaum zufällige allgemeine Schmerzgeschichte der Patientin. Die Patientin erhält ein Rezept mit Flupirtin 100mg 30 Kapseln und der Maßgabe, zum jetzt festgelegten Wurzelfüllungstermin die Dosierung der Schmerzmittel so zu gestalten, dass die VAS unter 4 (von 10) bleibt. Geht das nicht, wird kurzfristig auf Amitriptylin umgeschaltet.

Dienstag 16.09.2008, 8:35.

Die Schülerin Y.W. (19) übergibt mir eine Überweisung vom HNO. "Kiefergelenks- Otalgie -Fehlbiss" hat Meister B.D. aus Leverkusen Opladen diagnostiziert und an den Zahnarzt verwiesen. Sie erzählt dazu folgende Geschichte. Angefangen hat alles vor 2 Wochen mit sehr starken Ohrenschmerzen, größenordnungsmäßig VAS = 9 von 10 für ca. 1 Stunde. Diese Schmerzen sind danach stark zurückgegangen auf etwa 2 von 10, aber abwechselnd mal links, mal rechts aufgetreten. Die Stärke der Schmerzen hat sie sehr beunruhigt und deshalb besuchte sie den HNO-Arzt. Dieser hat in den Ohren und im Hals nichts ermitteln können und dann seine Zeigefinger in die Ohrlöcher getan. Dabei sollte die Patientin den Mund öffnen. Dann hat es wieder richtig weh getan, weshalb Dr. B.D. die o.a. Diagnose losgelassen hat. Der aktuelle Stand ist der, dass nichts mehr weh tut, aber der HNO gemeint habe, dass das Knacken in den Kiefergelenken behandelt gehört. 

Und auch diese Schülerin erhält die Diagnose Schmerz vom Trigeminus. Warum das? a) Trat der Schmerz rechts und links abwechselnd am gleichen Tag auf, b) waren Schmerzspitzen dabei, die ohne Rückgriff auf das Nervensystem kaum erklärbar sind (VAS = 9 von 10), c) handelt es sich um eine typische Risikopatientin, nämlich weiblich im Alter von 15 bis 60, d) verschwindet der Riesenschmerz ohne jede Behandlung genauso schnell, wie er gekommen ist, was mit Entzündungsprozessen überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist, e) war der ursprüngliche Schmerz nicht im Kiefergelenk, sondern im Ohr, f) ist nach 2 Wochen Nullbehandlung trotz weiter bestehendem Knacken im Kiefergelenk kein Schmerz mehr da, was eine Beziehung von Knacken zum Schmerz unwahrscheinlich macht. Die junge Frau wird mit den Worten entlassen, dass a) das Knacken vollkommen Wurst ist und b) die Schmerzen auch nicht wirklich ernste Dinge anzeigen. Wir reden also nicht von Krebs, Muskeldystrophie oder MS, um ernste Dinge anzusprechen.


Was würde ein CMD (Cranio Mandibuläre Dysfunktions)  gläubiger Zahnmediziner mit diesen 3 Patientinnen tun? Er würde 3 mal auf CMD tippen. Die Zähne sind es nicht, dann kann es nur noch CMD sein. Dass bei Frau M.S. (Erste) eine herausragende Kälteempfindlichkeit dabei ist, das ficht den geübten CMDler nicht an: da ist ein Vorkontakt, also liegt eine Überbelastung vor und deshalb ist es überempfindlich. Auf die Feinheiten z.B. der Nichtreaktion auf Novalgin braucht der CMD Mann nicht eingehen, die Chemie ist ja eh unnatürlich. Patientin Zwei Frau A.H. ist in den Augen der Bissologen ein 100% klarer Fall: das ist ein Lehrbuch Beispiel für einen falschen Biss. Seit 9 Jahren quält der Behandler J.W. die Patientin mit unzureichender Bissanalyse und muss deshalb auch so dramatisch scheitern <-- wird mancher aus dem CMD Lager sagen. Aber liebe Bissologen, noch ist nicht aller Tage Abend. Wir warten die Amitriptylin WF und danach 6 Monate ab. Beim Fall 3 könnte allerdings auch der eingefleischte CMD Vertreter ins Schwimmen kommen. Gilt es doch verständlich zu machen, wieso ein so starker Schmerz ganz schnell kommt und ganz schnell geht. Aber da ist ja noch der Schmerz beim Finger im Ohr und Mundöffnen. Nur, jetzt denkt mal ganz scharf nach: ist das Eure angeblich vom Biss abhängige CMD, oder einfach nur der Beweis, dass die Schmerzverarbeitung spinnt?

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