Wenn Neuropathiker Zahnschmerzen haben

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SchwachSuper 

Lesen Sie auch die Artikel Neuropathie Patientin Nummer 31 der Praxis  und  Mann mit hochempfindlichen Zähnen nach Weisheitszahnentfernung aus der Rubrik Chronische Schmerzen

 

zw1.jpg  Es geht um diese Baustelle, Zahn 27 (Backenzahn links oben) und das Röntgenbild hier links stammt vom Dezember 2004. Der Zahn befindet sich im Mund einer heute 56-jährigen Patientin, die ich seit 1990 betreue. Seit mindestens 8 Jahren leidet Frau Z. unter schweren neuropathischen Schmerzen des Trigeminus auf der linken und rechten Seite (doppelseitige Form) und wird neurologisch seit 7 Jahren mit Carbamazepin zwischen 600 und 1800 mg pro Tag so eingestellt, dass der Schmerz nicht über Hand nimmt. Vor der neurologischen Therapie haben sich einige Zahnärzte an einer chirurgischen/endodontischen Therapie versucht, bei der u.a. auch die Zähne, die hier durch Brückenglieder ersetzt sind, abhanden kamen. Mehrmals jedes Jahr wiederholen sich akute Schmerzschübe, darunter ist zu verstehen, dass sich die Dauerschmerzen in der Größenordnung von VAS 3 bis 5 für zwei bis vier Wochen auf Werte bis 8 verschlimmern. Das ist auch der Grund für die stark schwankenden Carbamazepin Dosierungen. Vom Neurologen hat die Patientin die Anweisung, bei steigenden Schmerzpegel die Anzahl der Pillen notfalls zu verdreifachen.

  Es begab sich 2007 im Sommer, dass besagte Frau Z. mit Tränen in den Augen meine Sprechstunde aufsuchte und mich eindringlich befragte, ob ihre Zähne links oben wirklich in Ordnung seien. Sie habe einen ganz schlimmen Schub. Und jetzt kommt das Dilemma: 

zw2.jpg

  Das hier gezeigte 2. Röntgenbild wurde an diesem Schmerztag im Sommer 2007 angefertigt. Darauf ist auch für Blinde eine relativ große Zyste in der Trifurkation (= Astgabel) zu erkennen. Zysten im Bereich von Zahnwurzeln sind gewöhnlich die biologischen Folgen einer  bakteriellen Infektion dieser Wurzeln. Sie verhalten sich immer (!) gutartig, verlaufen regelmäßig über viele Jahre, und verursachen nur bei einer Aktivierung akut für 5 Tage Schmerzen und Schwelllung. Im Mund war bei Frau Z. von einer akuten Entzündung dieser Zyste nichts zu sehen. Nachdem ich Frau Z. die Lage mit dem erkennbaren Befund im Röntgenbild und meiner Meinung über die nicht vorhandene Beziehung zwischen der Zyste und ihren Schmerz erläutert hatte, wollte die Patient trotzdem den Zahn behandelt haben. 

Für einen solchen Fall ist der Kieferchirurg am besten geeignet. Und zwar deshalb, weil für den wahrscheinlichen Fall einer weiteren Verschlimmerung der Schmerzen durch einen zahnmedizinischen Eingriff dann jemand die Verantwortung übernehmen muss, der kraft seiner höheren Ausbildung unverdächtig hinsichtlich einer Falschbehandlung ist.

Gesagt, getan. Die Patient erhält die von ihr sehnlichst erwünschte Überweisung zur chirurgischen Behandlung. Der Chirurg entscheidet sich - trotz Begleitbrief mit Hinweis auf neuropathische Schmerzen - für eine WSR. Wie zu erwarten gibt es eine mehrtägige leichte Schmerzpause und dann folgt die von mir befürchtete Schmerzorgie. Der Fall entzieht sich während meiner Ferien meiner Kontrolle und ich erfahre danach, dass auch mehrere Nacheingriffe keine Verbesserung an den riesigen Dauerschmerzen erreichen konnten. Natürlich ordne ich sofort die Beendigung jeglicher chirurgischer Behandlung im Bereich des Oberkiefers an und greife in mehreren Sitzungen zum Rezeptblock; zuerst mit Tilidin, dann zu hochdosiertem Diclofenac und mangels ausreichender Wirkung schlussendlich auch noch zu Amitriptylin. Nach 4 Wochen sinkt der Dauerschmerzpegel langsam auf ein erträgliches Niveau.

Manöverkritik: Man darf als Schmerztherapeut von Neuropathikern des Trigeminus nicht in den Urlaub fahren. Der Chirurg ist mit dem Konzept einer Trigeminus Neuropathie noch nicht bekannt gemacht worden, das ist offensichtlich. Der hätte von sich aus wahrscheinlich auch noch die Kieferhöhle operiert - und damit alles noch verschlimmert. Natürlich kennt der Mann die ganze lange Vorgeschichte und die laufende Schmerztherapie nicht und hat - wie üblich - auch nicht danach gefragt.

Umgekehrt konnte ich an dem bewußten Überweisungstag der Patientin auch nicht guten Gewissens erklären, dass mit dem Zahn 27 alles in bester Ordnung wäre. Denn der hatte ja nun mal einen eindeutigen Befund. Dass der für die regelmäßigen heftigen Schmerzschübe auf der rechten und linken Gesichtsseite nicht die Ursache sein kann, das ist in solchen Momenten weder der Patientin noch den Kollegen zu vermitteln. Die wollen an das direkt Greifbare glauben - und vorhersagbar auf die Nase fallen.

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