Mischfall Hyperästhesie - Höckerbruch

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Lesen Sie auch die Artikel  Halb-Neuropathikerin heute nachkontrolliert und So sind sie, die Männer - Pulpa offen und nix gemerkt  aus der Rubrik Chronische Schmerzen

 

Seit nicht weniger als 2 Jahren klagt Frau M. (39) über Schmerzen links beim Zubeißen, bei Warm und Kalt und Süßem. Aus der früheren

dsc_0092.jpg

einschlägigen Krankengeschichte beim Zahnarzt ist bekannt:

 a) "Normales" Bohren verursacht unverhältnismäßige Schmerzen, mit und ohne Anästhesie, unabhängig vom Behandler

b) Wurzelbehandlungen funktionieren gar nicht, und verursachen während und nach der Behandlung soviele Schmerzen, dass die Patientin diese Behandlungsform kategorisch ablehnt.

c)  Jede Behandlungsmaßnahme muss sorgfältigst überlegt werden, will man als Behandler nicht mit einer Dauerserie von sich ständig verschlimmernden Schmerzzuständen nach kleineren Behandlungen konfrontiert werden.

 

Das erste Bild zeigt den unteren Zahn 37 mit einer okklusalen Amalgam-Füllung und einem Riss nach vorne. Die Patient knirscht auf der Skala 0 bis 4 etwa in der Stärke Kni=3 (d.h. für das Alter zu starke Abrasionsspuren, Extraktionen der Molaren müssen verhindert werden) und schaut man sich die Kaufläche des 37 genau an, entdeckt man auch die tiefe Grube im Amalgam. Ein Beisstest mit Weichholz verursacht starke Schmerzen, die die Patientin allerdings am oberen 7er (27) lokalisiert.

dsc_0091.jpgIn der Mundspiegel- Aufnahme ist der Zahn 27 der mit der helleren Füllung aus Glasionomer Zement (GIZ, Ketac Molar) zu erkennen. Der Zahn 26 rechts daneben erhielt zusammen mit 27 vor 3 Jahren Kunststoff Füllungen beim Vorbehandler, die im 26 noch vollständig, im 27 noch zum Teil (ganz nach links außen) zu sehen sind. Auch ohne Zoom läßt sich gut ahnen, wie undicht die Kunststoff Füllung 26 jetzt wohl ist. Vor 1 1/2 Jahren hatte die Kunststoff Füllung am 27 bereits einen so eindeutigen Defekt auf Zahnfleischniveau im Zahnzwischenraum, dass ich mit GIZ eingreifen musste. 

dsc_0093.jpg

Und nun stellt sich die nicht ganz einfache Frage, wie sind die Beschwerden der Patientin zu erklären bzw. zu behandeln? Meine Verdachtsdiagnose, die ich über mehrere Kontrollsitzungen versucht habe, zu bestätigen, lautete: Angerissener Zahn 37. Dagegen hilft eine Vollkrone, zu der ich der Patientin auch riet. Und so sieht der Zahn 37 aus, nachdem die Amalgam Füllung entfernt ist. Beim Betrachten mit Vergrößerung stellt sich heraus:

dsc_0093-1.jpgdass der sogenannte mesio linguale  (vordere innere)  Höcker einen lehrbuchmäßigen Riss des Dentins aufweist.

 

dsc_0093-2.jpgDamit ist die Diagnose zur Hälfte gesichert. 5 Tage nach dem Schleiftermin erscheint die Patientin  wegen Beschwerden am Provisorium. Das Provisorium aus einem Aluminium Käppchen verursacht eine Zungenverletzung durch eine scharfe Kante. Und nun die wichtige Mitteilung: endlich könne sie nach 2 Jahren wieder auf der linken Seite ohne Schmerzen zubeissen. Na bitte, geht doch.

 

Manöverkritik

  Zweifelsohne haben wir es bei Frau M. mit einer Patientin zu tun, deren Schmerzempfindlichkeit des Trigeminus mindestens eine Größenordnung über der der Durchschnittsbevölkerung liegt. Das zeigt die einschlägige Vorgeschichte und die Erfahrungen der bisherigen Behandlung an ihr. Trotzdem ist eine Dauerbeschwerde über das Nichtbeißenkönnen auch bei diesen Patientinnen als Hinweis zu werten, dass zahnmedizinische Komplikationen vorliegen könnten. 

Der sichtbare Riss im Zahn 37 zusammen mit der Eigenschaft der Patientin als recht ordentliche Knirscherin muss den Zahnmediziner mindestens veranlassen, nach einem angerissenen Zahn bzw. Höcker zu suchen. Starke Schmerzen beim Beißen auf ein Weichholz beim gleichzeitigen Vorliegen von Nullbefunden im Röntgenbild beweisen fast sicher das Vorliegen von Rissen. So auch hier. Daraus ergibt sich die Therapie: Schienung des Zahns mit einem Fassreifen aus Vollmetall und Abdeckung der gesamten Kaufläche. Und liebe Kollegen, lassen Sie mich an dieser Stelle auch noch eine eindeutige Beurteilung über Keramik Onlays/Teilkrone für den gezeigten Fall abgeben: ungeeignet. Der Knirscher ab Stärke 3 braucht Metall, jedenfalls dann, wenn mit seinem Ableben nicht in den nächsten 10 Jahren gerechnet werden kann.

 

 

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