Kunststoff Zahnmord

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  Lesen Sie auch die Artikel Kinderbehandlung nach Art des Hauses   und   Schnellkaries bei 12-Jähriger aus der Rubrik Karies praktisch und theoretisch

 

Bild 1

Über eine solche Geschichte kann ich mich aufregen. Frau Daniela D. (heute 21) erhielt am 02.06.06 von mir höchstpersönlich eine Glas Ionomer Füllung OHNE Diamantpräparation okklusal auf den hier abgebildeten Zahn 47, weil eine fortschreitende Karies festzustellen war. Die Patientin kam damals neu zu mir, erschien aber zum Kontrolltermin nicht mehr.

sany0017.jpg

 Bild 2

Vor wenigen Tagen besuchte sie zum 2. Mal die Praxis, diesmal als Schmerz Notfall. Die Symptome schilderte sie: Schmerzen tags und nachts, beim Zubeissen vertstärkt + Wärmeempfindlichkeit.

 dsc_0282-3.jpg

 Bild 3

Im eröffneten Zahn zeigen sich 2 Schichten, obenauf eine Schicht Kunststoff, darunter eine weißlichere Masse. Das bräunlich verfärbte Dentin fühlt sich mittelhart an. Ob es sich bei der weißen Schicht um eine Unterfüllung aus Phosphatzement handelt, ist unklar.  Zu vermuten ist aber eher ein Produkt aus der zweifelhaften Reihe "Kunststoff Unterfüllungsmasse".

 dsc_0282-2.jpg

 Bild 4

Weil der Zahnnerv nicht mehr auf die Kälteprobe reagiert, habe ich das Pulpadach (Decke der Zahnnervkammer) mit dem Diamantschleifer eröffnet. So sieht der Blick direkt hinein aus.

 dsc_0283.jpg

 Bild 5

Leere Menge. Der Zahnnerv ist von uns gegangen, dahingeschieden, über den Jordan, in die ewigen Jagdgründe. "He's gone to meet his maker" Monty Python, Dead Parrot.

 dsc_0285.jpg

 Bild 6

Das frische Röntgenbild zeigt:

1) 46 = der ältere Backenzahn davor ist vollständig intakt

2) Alle Nervkanäle sind noch extrem breit und voluminös

3) An der Wurzelspitze von 47 (linker Zahn) wird es duster, was sich fachmännisch (+ blödsinnigerweise) eine "Aufhellung" nennt. Das stimmt mit dem kaputt aufgefundenen Zahnnerv 47 überein.

4) Die  bakterielle Invasion in das Kanalsystem von 47 kann nicht von einer Zahnzwischenraumkaries kommen, sondern ist ausschließlich über die Kauflächenöffnung passiert.

 fullscreen_capture_5262009_31041_pm.jpg

 

 

Warum bin ich sicher, dass der Zahntod auf die Anwendung der falschen Bohrmuster und Materialien zurückzuführen ist?

  • 1. Der Zwischenbehandler muss in den letzten 36 Monaten den Zahn 47 mindestens 2 mal aufgebohrt und zugemacht haben. Das geht aus Bild 1,2 und 4 hervor, deutlich zu sehen sind 2 verschiedene Farben auf der Kaufläche. Keine von beiden ist ein GlasIonomer Zement. 
  • 2. Ausweislich der Bilder 1 und 6 wird klar, dass der Zwischenbehandler aus einer kleinen okklusalen Öffnung im Schmelz im Bereich der Fissuren (Ritzchen in der Mitte) eine Riesenbaustelle mit dem Diamantschleifer "aufgezogen" hat. Beweis: Jeder, der in richtigen Zähnen bohrt, weiß, dass okklusale Karies niemals von alleine im Schmelz in die Breite geht. Dass dieses "Aufziehen" nötig war, wie ein Loch im Kopf, ergibt sich aus der Tatsache, dass die Füllung viel breiter als dick ist. Für solche Untaten verteile ich im Jahr 2009 die rote Karte.
  • 3. Schaue ich mir nun noch einmal die Randgestaltung des Kunststoff  "Meisterwerks" im Bild 1 nach einer geschätzten Tragezeit von nicht einmal 2 Jahren an, dann brauche ich keine Fantasie, um zu wissen, was bakteriologisch zwischen der Plastikwanne im Zahn und dem Zahn los ist. Im Röntgenbild legt auch die dunkle Schicht zwischen Füllung und Restzeit genau das nahe: neue Matsche unter der Füllung.

 

Das wäre mit Amalgam und Glas Ionomer Zement 99% sicher nicht passiert. Und da lasse ich mir inzwischen als langjähriger (mehr als 10 Jahre) Anwender von Glas Ionomer Zement als permanente Versorgung besonders in solchen Situation (okklusale halbtiefe oder tiefe Karies bei Jugendlichen in unteren 7ern) nichts mehr einreden. Im Unterschied zu Kunststoff muss GIZ nicht staubtrocken verarbeitet werden, muss GIZ nicht geklebt werden, braucht GIZ keinen Kofferdam (Gummituch) über den Zahn, um eine garantiert bakteriendichte Füllung anzufertigen.  Unter GIZ spielen sich auch dann keine Bakterien Orgien ab, wenn die Füllung unordentlich verarbeitet ist. Und unter GIZ wird erweichtes Dentin wieder fest, weil GIZ 25% Fluor enthält.

Hätte der Zwischenbehandler seine Finger von dem Zahn gelassen, würde der noch leben. Deshalb ärgert mich ein solcher glasklarer Fall von kunststoffbedingtem Pulpamord besonders.

 

Forderung

Wann endlich wird die zahnärztliche Profession Mindeststandards für das Verlegen der pulpagefährlichen Kunststoffe im Seitenzahngebiet erarbeiten und in  einem Leitlinien Projekt formulieren? Es kann nicht sein, dass jeder approbierte Plastikverleger in Backenzähnen machen kann, was er will. Dazu ein paar Ideen:

  1. Keine Amalgamformen in die Zähne schleifen - Black ist out und war schon immer out.
  2. Auschließlich defektbezogen exkavieren, überstehenden Schmelz stehen lassen
  3. Ränder immer so kurz wie möglich halten
  4. Gerade die "flachen" (eigentlich gar nicht erkrankten) Löcher machen den größten Stress mit direktem Bond
  5. Wenn Zweifel an der 100% Prozent sicheren Trocknung der Baustelle bestehen - und das ist bei mindestens 50% aller (!) Backenzahnfüllungen der Fall - dann muss eine Sicherheits Unterfüllung verbaut werden aus konventionellem Glas Ionomer Zement, um die zu erwartenden Undichtigkeiten der Ränder aufzufangen.

 

Ich will ja nicht so weit gehen, zu fordern, jeder Behandler soll sich eine undichte Kunststoff Füllung im Seitenzahnbereich verlegen lassen, um die Zweckmäßigkeit solcher Mindeststandards selbst zu erleben. Aber eine Art TÜV für die Einhaltung solcher Regeln würde viele Unfälle der oben geschilderten Art verhindern.

Nachtrag 27.05.2009: Wie es der Zufall will, sitzt heute die Patientin wieder mit starken Schmerzen am 47 auf dem Behandlungsstuhl. Offensichtlich hat sich in den letzten 24 Stunden eine akute Ostitis  (Knochenentzündung) ereignet, weshalb ich den Zahn wieder öffne und für die nächsten 48 Stunden auch offen lasse. Bei der Gelegenheit erzählt mir die Patientin, dass der Zahn 47 wohl letztes Jahr vom Gutachter Kollegen R. aus Opladen zuletzt füllungstechnisch angegangen wurde. "Hatten Sie denn Beschwerden an dem Zahn?", "Nein, der Zahnarzt hat gemeint, dass ..." Kurzkommentar: Blödi

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