OPTs (= OPGs) lügen

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 Immer wieder erlebe ich, dass meine Patienten beispielsweise im Notdienst vom  Kollegen mal eben schnell ein Rundumbild verpasst bekommen, von dem sie schwer beeindruckt sind, weil darauf ja "alles zu sehen wäre". So auch Frau S. aus B., die extra 250 km anreiste, um eine 2. Meinung zu ihren Schmerzen im Mund zu erhalten. 101.jpg.jpgDas abgebildete OPG = Orthopantomogramm wurde im April 2008 bei ihr erstellt wegen anhaltender Schmerzen links oben. Vergrößere ich daraus den Bereich um das Implantat links oben 24, dann kommt der Ausschnitt Bild 2 zum Vorschein. Darauf kann ich mir ohne viel Fantasie einbilden, dass das Implantat eine Entzündung ringsum bis in die Tiefe aufweist, und damit als erste Quelle für die Schmerzen in Frage kommt.99.jpg.jpg

 

Aus der Schilderung der Krankengeschichte wird aber im Laufe einer 3/4 Stunde klar, dass die Dauerschmerzen seit 2 Jahren eben nicht mit den Zähnen links oben zusammenhängen können. Trotz Wurzelbehandlung 26 in 2007, WSR 26 in 2008, Extraktion 26 in 2008, Extraktion 25 in 2008, aufwändige Operation zur Entfernung von 28 (Weisheitszahn links oben) 2008 nahmen die Schmerzen zu, statt ab. Sie bewegen sich jetzt auf einem Dauerniveau von 3 bis 4 auf der Skala 0 bis 10 und haben Spitzenwerte von 6, die über Stunden anhalten. Dass das Implantat völlig unschuldig ist, geht aus den Einzelröntgenbildern ganz klar hervor:

97.jpg.jpg

 

Bild 3 Dieses Einzel-Röntgenbild wurde zeitgleich mit dem OPG angefertigt. Darauf zeigt sich das Knochengewebe um das Titanimplantat absolut makellos. Das gilt auch für den Zahn 25, insbesondere für dessen Wurzelspitze, an dem die Wurzelfüllung etwas herausschaut.  Ohne Frage ist die Qualität des Einzel Bildes der des OPGs haushoch überlegen, sowohl was die Pixelauflösung angeht (das gilt ganz besonders auch für die Originalbilder), als auch die korrekte Darstellung der klinischen Situation. 

98.jpg.jpgBild 4 dokumentiert den Aberglauben von Zahnärzten: der Behandler erklärte der Patientin allen Ernstes, dass die etwas überstehende Wurzelfüllung (sichtbar im Bild 3) verantwortlich für die weiter bestehenden Schmerzen sei - und entfernte mit dieser Begründung den Zahn. Wie zu erwarten war (sagt Zahnarzt Joachim Wagner, Internet Zahnarzt für Dauerschmerzen im Kiefer), änderte sich am Dauerschmerz der Patientin Frau S. nichts. 

 Angesichts der 2.000 Euro teuren Titanschraube an der Stelle des Zahns 14 kommt der Behandler Nummer 2 nun allmählich doch ins Grübeln, ob die bisherige Strategie von Bohren, Wurzelbehandeln, WSR und Ziehen geeignet ist, die weiter bestehenden Schmerzen irgendwie günstig zu beeinflussen. So betrachtet erweisen sich Implantate bei Neuropathien des Trigeminus als willkommene Stolpersteine der bisherigen "Denke". Wie will der Zahnarzt ernsthaft noch die These vertreten, am Implantat könnte eine versteckte Entzündung schuld an Schmerzen sein, so wie er das am gezogenen 15 getan hat? Antwort: nur unter Aufgabe aller gesicherten Erkenntnisse und vor allem unter völliger Verkennung der amtlichen Meinung zu Implantaten. 

Also schickt unser Mann die Patientin zum Neurologen mit der Fragestellung "liegt evtl. eine Trigeminus Neuralgie vor?". Der Neurologe findet erwartungsgemäß keine Neuralgie, diagnostiziert aber einen "atypischen Gesichtsschmerz", für den er Carbamazepin 150mg /Tag verordnet. Leider wirkt das Mittel oder die Dosis auch nach 6 Wochen nicht. Ich (der hinzugezogene Internet Dauerschmerz Zahnarzt Joachim Wagner) meine dazu: selbstverständlich liegt eine Daueränderung der Übertragungseigenschaften des 2. Trigeminusastes links bei Frau S. vor, die wissenschaftlich korrekt Neuropathie des Trigeminus heißt. Die Stärke der Schmerzen von durchschnittlich 3,5 deutet auf eine mittelmäßige Störung hin. Das sollte Anlass sein,  der Patientin vier Botschaften mitzuteilen:

  • a) das Geschehen ist absolut gutartig, damit wird man 100 Jahre alt. Über die Ursachen wissen wir noch zuwenig. Könnte z.B. eine Herpes Infektion sein.
  • b) jeder Eingriff im Gebiet des 2. Trigeminus Astes zahnärztlicher Art, aber auch HNO muss lange und sorgfältig überlegt werden. Auf keinen Fall kommen in Frage: WB, WSR, Operation KH.
  • c) alle Behandlungsmaßnahmen müssen reversibel bleiben = wieder zurück zu nehmen sein. Darunter fallen vor allem alle medikamentösen Therapien, aber Verfahren wie TENS, und verschärfte Akupunktur (Handakupunktur)
  • d) Medikamentös sollte die Behandlung auf "kleinem" Niveau gehalten werden, denn die Behandlung mit den "großen" Mitteln wie Amitriptylin, Carbamazepin oder Opioiden ist den härteren Fällen vorbehalten. Ich empfehle eine Austestung von a) Lyrica, b) Topiramat, c) Baclofen, d) Duloxetin, e) Mirtazapin.

 

Drei Erkenntnisse

1. OPGs (=OPTs) lügen. Wer sich die Mühe macht, vorhandene analoge (auf herkömlicher Filmbasis beruhende) OPGs mit Hilfe von Scannern etc. in ein Bilderprogramm einzulesen, wird schnell feststellen, dass die Bilder nicht halten, was sie versprechen, nämlich Details. Sobald in eine bestimmte Gegend hineinvergrößert wird, verschwimmen alle Konturen. Das hängt weder mit  Verarbeitungsfehlern des Personals noch mit dem gewählten System (digital oder analog) zusammen, sondern ist bedingt durch das Belichten der Zähne durch den ganzen Hals hindurch, inclusive der Knochen der Wirbelsäule. Im Gegensatz zum Einzelbild, bei dem nur die Zähne und der Kieferknochen im Strahlengang liegen. Mit anderen Worten: OPGs sind immer schlecht, am schlimmsten übrigens im Frontzahnbereich. In Ganzheits Kreisen, also bei den Amalgamgegner und Metallphobikern, erfreut sich der "ToxCenter" Betreiber Max Daunderer großer Beliebtheit mit seiner Standardmethode, auf OPGs Todesurteile über ganze Gebisse zu fällen. Dem Mann ist das Problem offensichtlich nicht klar.

2. Zahnärzte werden nach wie vor stark durch ihre Vorbildung beeinflußt. Sie denken ungerne selber. Wie kann sonst erklärt werden, dass der Behandler Nummer 2  den Zahn 15 ausgerechnet mit der Begründung "überstopfte Wurzelfüllung" zieht, obwohl klinisch als auch im Röntgenbild nichts auf entzündliche Vorgänge hindeutet? Der Mann hat die Regel im Kopf: Zuviel Wurzelfüllungsmaterial am Ende des Zahns ist automatisch schlimm. Eine Begründung dafür hat er nicht. Wozu auch?

3. Die Trigeminus Neuralgie kennt jeder, obwohl sie in Deutschland nur ganz ganz selten vorkommt. Okay, wenn sie auftritt, wird es für die Betroffenen übel. Dass aber weder der Zahnmediziner noch der Neurologe das Wort Neuropathie auch nur aussprechen kann, das ist leicht peinlich im Jahr 2009. Offensichtlich kennen beide es immer noch nicht im Zusammenhang mit ungeklärten Schmerzen.

 

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