Schmerzpersönlichkeit

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Lesen Sie auch die Artikel Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe  und  Neuropathischer Härtefall des Trigeminus

 

Bild 1

Frau Z. (32) sucht meine Praxis seit 1992 regelmäßig zu häufig auf. Heute erscheint sie mit ihrer neuesten Schmerzgeschichte: der Zahn 37 - und sie kann den Zahn ganz genau identifizieren - ist überempfindlich auf kalt/warm sowie süß/sauer. Sie kann noch nicht einmal zimmerwarme Getränke zu sich nehmen, ohne ordentliche Schmerzen am 37 zu spüren.

R3

Bild 2

Schauen wir uns den Zahn 37 von oben an, fällt eine verfärbte Fissur (natürlicher Graben) auf,  dazu eine mittelprächte Kunststoff Füllung von der Mitte der Kaufläche nach außen = okklusal-bukkale Füllung. Achten Sie in Bild 3 auf die Ränder dieser Füllung. Das Material heißt "Solitaire" und wurde vor 2 Jahren ordnungsgemäß mit Kunststoff Kleber in den Zahn verlegt. Für die bakterielle Dichtigkeit dieser Ränder würde ich nicht die Hand ins Feuer legen. Glücklicherweise hat meine Assistentin unter dem Kunststoff einen Glas Ionomer Zement verarbeitet.

DSC_0354

Bild 3

Für den Nichteingeweihten sieht die hier herausvergrößerte Stelle im Zahn, also die Fissur, nach Behandlungsbedarf aus. Für den 24 Jahre im Job trainierten Praktiker Joachim Wagner ist jedoch klar: Die braune Farbe, die die Stelle optisch so hervorhebt, wird dem Zahn ganz sicher nicht weh tun, denn darunter befindet sich eben keine weiche Matsche. Das geht aus Bild 1 hervor. Leider fehlen die oberen 2 Millimeter des Zahns im Röntgenbild. Ich habe mich aber dagegen entschieden, deswegen die Röntgenaufnahme wiederholen zu lassen.

DSC_0355

 

Der Artikel beginnt mit der Überschrift "Schmerzpersönlichkeit" und deutet bereits an, dass Frau Z. in die Rubrik fällt: Angst/Panikstörung mit dem Hang zur Katastrophisierung auf der Basis einer handfesten Überempfindlichkeit bedingt durch die abnormal verstärkte Schmerzempfindlichkeit des Trigeminus. Woran kann ich diese Diagnose festmachen?

1. Angst

Ich höre bereits im ersten Satz der Patientin, dass sie beabsichtigt, in einer Woche einen mehrwöchigen Urlaub in Thailand zu verbringen. Aus früheren Begegnungen mit Frau Z. weiß ich, dass sie dazu neigt, wegen geringfügigster optischer Veränderungen an ihren Zähnen unangemeldet wegen "Schmerzen" in der Praxis aufzutauchen. Und regelmäßig wird bei diesen Gelegenheiten festgestellt, dass die vermeintliche Karies keine solche ist. Ein bezeichnender Satz heute war: "Dauerschmerzen habe ich nicht, aber ich weiß ja, dass da was ist ..." Deutlich zu erkennen ist die Überordnung der Panikvorstellung "ich muss in Thailand eine Wurzelbehandlung oder Schlimmeres vornehmen lassen" über die tatsächlichen Beschwerden. Das Wort "Wurzelbehandlung" im Zusammenhang mit der von ihr erwarteten Behandlung verwendete die Patientin tatsächlich.

2. Schmerz

Wir wissen in der Zahnmedizin längst nicht so viel, wie von der Fachseite immer gerne vorgetragen wird. Aber eines ist sicher: Karies löst erst dann ernsthafte Schmerzen aus, wenn die Pulpa in unmittelbarer Nähe liegt, also die Matsche auch für Halbblinde nicht zu übersehen ist. Das hat damit zu tun, dass die Pulpazellen im Zahn beim langsamen Auflösen von Zahnhartgewebe genügend Zeit haben, sich zur Wehr zu setzen. Sie bauen dabei beispielsweise von innen kleine Abwehrmauern aus Calcium-Hydroxyl-Apatit  (= der harte Stoff der Zähne) in die Dentinkanälchen ein. Bei der typischen langsamlaufenden Erwachsenenkaries - wir reden jetzt nicht von Apfeltsaft konsumierenden Schnellstkaries Fällen - vergehen damit durchaus Jahre. Und während dieser langen Zeit merkt der Patient absolut nichts von seiner Karies. So sieht der typische Kariesfall, schmerzmäßig betrachtet, aus. Im Gegensatz dazu passiert bei der zu aggressiven Kariesentfernung bis ins Gesunde hinein das genaue Gegenteil: völlig unvorbereitete gesunde  und deshalb voll geöffnete Dentinkanälchen werden mit einem Schleifer aufgeschnitten und verursachen sofort Schmerzen. Werden diese dann anschließend nicht oder nicht ausreichend wasserdicht abgedichtet, z.B. mit einem Glas Ionomer Zement, braucht sich niemand wundern, wenn so "behandelte" Zähne Aufbißschmerzen entwickeln.

3. Neuropathie

Frau Z. zeigt über ihre Angststörung hinaus auch eindeutige Zeichen einer hochgradig verstellten Empfindlichkeit des Gesichtsnervs. Sie hat schnell Schmerzen an ihren Zähnen, mehrere kariesfreie Beißer waren bereits in der Vergangenheit viel zu empfindlich. 1992 - 2005: die Patientin beklagt sich in fast jeder Behandlungssitzung über ihre Zahn- und/ oder Ohrschmerzen, detailierte Aufzeichnungen über Schmerzen nehme ich aber erst seit 2005 systematisch vor. Nov 2005 Ohrschmerzen, Pat. hat viel Stress, Sep 2006 Schmerzen 23/24, 4 Wochen später: Zähne links unten klopfempfindlich, März 2007 Schmerz linkes Ohr, Erkältung, Jan 2008 Schmerz Ohr rechts, Pat. hört "Brummen", April 2009 Schmerz im Ohr rechts, April 2010 siehe oben. Im gesamten Zeitraum von 1992 - 2010 wurden genau 3 Füllungen angefertigt, alle 3 nicht von mir, sondern meinen noch nicht so erfahrenen Assistenten. Jeder Zahn verursachte nach der Füllung vorübergehende Aufbißschmerzen.

 

Schlußbetrachtung

Ich habe der Patient ausführlich dargelegt, dass a) nichts am Zahn ist, und b) um Himmels willen auch keine zahnärztliche Hand angelegt werden darf. Denn wenn sich Frau Z. in voller Panik so einen Tag vor Abflug noch bei einem meiner Mitbewerber vorstellt, hat der natürlich nichts Besseres zu tun, als sofort mit dem Schleifer den Zahn zu öffnen und  - wer hätte es gedacht - "jede Menge" *) Karies zu finden. Dass dadurch anschließend die für den Zahn tödliche Spirale, bestehend aus a) dem Aufbißschmerz nach der Füllung, b) einer Wurzelbehandlung und c) einer WSR zu 99% sicher in Gang kommt, kann die Patientin nicht wissen. Der Fachmann sollte es aber.

Fazit: Weniger ist mehr.

*) Genau das gehört  zum Problemdreieck "Überempfindlicher Zahn / Angstpatient / Zahnarzt-hat-nur-Bohren-im-Kopf". Locker 50 % der hier auf Bild 2 und 3 blickenden Kollegen/innen sind auch nach Lektüre dieses Artikels der Meinung, dass im Zahn 37 "mal ordentlich gebohrt" gehört. "Da ist doch Karies drunter - jede Wette" höre ich sie schon sagen. Ja, so hat man ihnen das Bohrhandwerk beigebracht: bohren bis alles schneeweiß ist und kein Krümelchen braunes Material die Optik stört. Und ich sage Ihnen, liebe Mitbewerber: versuchen Sie sich einmal in die Lage meiner 32 jährigen Patientin zu versetzen. Die Frau kommt doch jetzt schon vor Panik fast um. Wenn Sie als Behandler durch unnötige Manipulationen an diesem Zahn  - in guter Absicht - die Schmerzen auch nur um 50 % steigern, und das wird 99,9 % sicher passieren, unabhängig vom gewählten Material, dann dreht die Frau ab. In Windeseile beschäftigen sich dann 3 Zahnärzte, ein Kieferchirurg, ein HNO (wegen der Ohrschmerzen) und wer weiß, wer noch alles, um die Schmerzkatastrophe, bis sich alle "überzeugt" haben, dass es der Zahn hinter sich hat. Nach diesem Muster spielen sich die einschlägigen Schmerzgeschichten ab, die unter "Schmerzgeschichten, nicht von den Zähnen" hier auf der Seite zigfach nachzulesen sind. Deshalb: Finger weg von diesem 37.

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