Frischer Fall von Zahn Migräne

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Bild 1

Gestern stellt sich Frau E. zum ersten Mal in meiner Praxis vor mit dieser Geschichte: Der Zahn 14 (rechts oben erster kleiner Backenzahn) verursacht, angefangen vor 6 Wochen,  Zitat "Blitz"   Zahnschmerzen, die durch Kaltreize ausgelöst werden. Es tut also für einige Sekunden heftig weh. Die Patientin kann sich nicht erinnern, dass diesen Schmerzen ein besonderer Anlass, wie Zahnarztbehandlung, starke Kaukraftbeanspruchung etc. vorausging, es handelt sich also um eine spontane (= eigenständige) Entwicklung.

Weil die Beschwerden sich innerhalb der nächsten Wochen nicht besserten, sondern verschlimmerten bis hin zu Blitzschmerzen bei zimmerwarmen Getränken, suchte Frau E. einen neuen Zahnarzt auf, nachdem sie sich 10 Jahre in der Betreuung durch die Uniklinik Köln befand.

 

 

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Bild 2

Der neue Behandler entschloss sich, nach Abwägung aller in Frage kommender Ursachen, die Amalgam Füllung am 14 wegen vermuteter Undichtigkeit zu entfernen und durch eine provisorische Füllung aus Zinkoxyd - Eugenol (= Nelkenöl) *)  zu ersetzen. Der Behandler sagte selber über die Innenansicht des geöffneten Zahns, dass er lediglich "minimale Kariesspuren" angetroffen habe, die aber wahrscheinlich nicht ursächlich für die aufgetretenen Schmerzen gewesen sein können.

Nachdem die Zementfüllung eingebracht wurde, habe sich der Zahn etwas beruhigt, berichtet die Patientin gestern.

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Bild 3

Das Röntgenbild von der Baustelle oben vor der Entfernung der Amalgamfüllung 14 ist dem Bild 3 zu entnehmen. Dort wird objektiv bestätigt, was wir seit Jahrzehnten wissen: Amalgam ist das unübertroffen bakterizideste (= bakterienvernichtendste) formbare Füllungsmaterial, das wir haben. Und zwar über Jahrzehnte. Diese beiden Füllungen haben weitere 30 Jahre Lebenserwartung vor sich. Eine solche Behauptung würde ich weder von Goldinlays (= gegossene Goldfüllung) noch Keramikinlays (= gefräste Keramikfüllung mit Kunststoff eingeklebt) und schon gar nicht von  Komposite*)  (= formbare Kunststoff Füllung) und Glas Ionomer Zement**) aufstellen.

*) Komposite scheitert 20 Jahre vorher an Karies im Füllungsrand im Zahnzwischenraum. Der Zahn kann dabei verloren gehen.

**) Glas Ionomer Zement bricht 24 Jahre vorher am Rand aus. Der Zahn wird dadurch aber praktisch nie beschädigt.

Vollbildaufzeichnung_8162010_44521_PM

Bild 4

Der am Zahnhals dunkel aussehende 45 ist der einzige Zahn, der bei Frau E. jemals eine Kunststoff Füllung erhielt und daraufhin prompt Zahnschmerzen verursachte. Der damalige Behandler wußte sich nur durch eine Wurzelbehandlung des 45 aus der Affäre zu ziehen. Seitdem hat Frau E. Kunststoff Füllungen in Seitenzähnen in schlechter Erinnerung.

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Zur allgemeinen Krankengeschichte

höre ich, dass Frau E. unter dem Knacken des Kiefergelenks beim Beißen rechts und links leidet. Links kommt auch noch ein locked joint (= blockiertes Gelenk) Syndrom hinzu, weswegen sie sich seit mehr als 10 Jahren in Dauerbehandlung mit einer Aufbißschiene befindet. Weil der bisherigen Behandler in Pension ging, wurde ein Behandlerwechsel notwenig.  Frau E.  suchte dazu in Bonn Prof. Dr. W. Lückerath auf, der zur Schiene eine dedizierte Meinung äußerte: " Wir haben uns vom Einsatz der Aufbißschienen früher mehr versprochen, als jetzt erkennbar heraus kommt." Konkret riet er Frau E. dazu, die seit 10 Jahren getragene Schiene nunmehr ganz einfach weg zu lassen. Was die Patient erstaunte, sie aber auch tatsächlich - nach einer erheblichen Umgewöhnungszeit - umsetzen konnte.

Weitere Befunde: Frau E. leidet an Migräne mit einer Frequenz von 1 bis 2 Mal pro Monat für 2 Tage. [Für die Nichtbetroffenen: das bedeutet, dass die Patientin durchschnittlich 3 Tage jeden Monat klinisch "tot" ist, im abgedunkelten Zimmer starke bis stärkste Kopfschmerzen verbunden mit Übelkeit, Erbrechen etc. ertragen muss.] Dagegen hat sie bereits eine Prophylaxe mit Propranolol 40 mg erfolgreich getestet.

Zähne

Durchsaniertes Gebiss mit vielen Amalgamfüllungen, Parodontal Index besser als 2 (keine vertieften Taschen), keine nennenswerte Tendenz zum Knirschen/Pressen, Kariesrisiko annähernd Null, Vitalitätsprobe alle Zähne rechts oben positiv, Beißtest alle negativ. Aktuelles Röntgenbild: kein krankhafter Befund zu erheben.

 

Interessant

Ich (Behandler) komme auf die Symptombeschreibung "Blitz" Schmerz zurück und erläutere, dass blitzartige Schmerzen ziemlich sicher auf neurologische Erscheinungen des Trigeminus hinweisen, und sofort fällt der Patientin ein: ja, am Unterkieferrand rechts hat sie alle paar Monate für ein paar Tage einen scharfen/stechenden/ziehenden Schmerz für etliche Sekunden. Hinzu kommt, dass ihr Vater unter einer richtigen Trigeminus Neuralgie litt, die sogar mit Carbamazepin behandelt werden mußte.

Jetzt passt alles zusammen

Der Internet Neuropathie Zahnarzt Joachim Wagner ist mit diesen Informationen nun in der Lage, eine ziemlich sichere Diagnose zum vorliegenden Fall zu stellen. Auf die Frage, was hat diese Patientin? Oder anders ausgedrückt, wie kam es zu den "Zahnschmerzen" vor 6 Wochen? Lautet die Antwort: Hier lag ein klassischer Fall von Zahnmigräne vor. Das bedeutet, dass die Arbeitshypothese des Behandlers a la "die Amalgamfüllung könnte undicht sein" leider nicht zutreffend war. Das Nachlassen der "Blitzschmerzen" nach dem Ausbohren der Amalgamfüllung am 14 und Ersetzen durch eine provisorische Zinkoxyd Eugenol Zement Füllung ist reiner Zufall. Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Die Zahnmigräne war ohnehin wieder im Abnehmen begriffen, also hätte auch reines Abwarten ausgereicht.

Natürlich stehen jetzt der Behandler und die Patientin unter dem festen Eindruck, das Bohren wäre ursächlich für das Nachlassen des Schmerzes. Warum weiß ich (Joachim Wagner, Zahnarzt), dass das nicht zutrifft?

  • Amalgam ist das dichteste und haltbarste Zahnreparatur Material, das wir kennen
  • Der Behandler hat selber zugegeben, dass der Zustand des Zahns unter dem Amalgam die Schmerzen so gut wie nicht erklären kann. MIt anderen Worten: dafür sah es zu gut aus, obwohl diese Füllung bereits über 20 Jahre alt ist.
  • Das Röntgenbild vor dem Ausbohren des Amalgams sagt mit 99%-iger Sicherheit: da ist nichts.
  • Wir wissen heute sicher, dass es die Zahnmigräne gibt, weil sie auch an Zähnen auftritt, die keinerlei zahnärztliche Werke tragen, also noch jungfräulich sind.
  • Wir wissen auch, dass die Zahnmigräne gar nicht so selten vorkommt. Das steht im Gegensatz zu dem, was viele Zahnmediziner denken.
  • Und schließlich:  Frau leidet an direkten und indirekten (erblichen) Belastungen mit Migräne und Trigeminusschmerzen. Diese hängen neurologisch untereinander und mit der Zahnmigräne zusammen.

Ich habe Frau E. gestern dahin beraten, dass Zahn 14 wieder eine Amalgamfüllung erhalten sollte. Dann ist zu erwarten, dass die Geschichte damit beendet wird. Einen krassen Behandlungsfehler stellt in meinen Augen die Anwendung von Kunststoff auf nacktes Dentin des Zahns 14 bei dieser Patientin dar. Denn genau das ist a) bereits am Zahn 45 gescheitert und wird b) bei dieser so veranlagten Patientin mit ziemlicher Sicherheit zu unklaren Schmerzen führen.

 

*) Falls Sie als Leser von solchen "wir haben keine Ahnung was los ist" Ausbohr- und Probefüllungsaktionen betroffen sind: Legen Sie bitte großen Wert auf die richtige Wahl des provisorischen Zementes. Völlig ungeeignet sind: a) Phosphatzement, weil er undicht ist für alle Mikrolebewesen, b) Silikatzement = "Steinzement", weil er noch schlimmer undicht ist als Phosphatzement, c) Carboxylatzement (Typ Durelon), weil er in Nullkommanichts durchgebissen ist, d) provisorische Verschlussmassen (Typ Cavit etc.), weil diese keine 4 Wochen überleben, e) alle provisorischen Kunststoffmaterialien (Typ Clip lichthärtend), weil es darunter nur so wimmelt.

Gut geeignet sind verstärkte Zinkoxyd Eugenol Zemente (Typ IRM), weil Nelkenöl garantiert alles Lebende in der unmittelbaren Umgebung vom Leben zum Tode befördert, also u.a. auch intensiv bakterizid wirkt. Ebenso geeignet sind alle Glas Ionomer Zemente, weil diese automatisch eine chemische Abdichtung der Baustelle auf molekularer Ebene mit dem Dentin eingehen.

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