Schnellbegründung für Glas Ionomer Material

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Wenn der Patient auf dem Behandlungsstuhl mit offenem Mund bereit zum Empfang des Füllungsmaterials sitzt, möchte ich als Behandler möglichst keine Grundsatzdebatte über die Vor- und Nachteile der diversen Flickstoffe vom Zaun brechen, sondern ganz schlicht voran machen. In meinem Laden hat sich die folgende Argumentation gut bewährt.

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Bild 1

Frau R.  (45) sitzt heute mit der fehlenden Füllung des Zahns 45 (siehe Bild 1) auf meinem Behandlungsstuhl und erwartet die guten Taten des Zahnarztes. Was sage ich ihr?

Wer denkt, dass ich bei diesem Zahn noch einmal den Bohrer vor der Füllung benutze , denkt falsch. Den Bohrer ersetze ich durch einen Pinsel mit 3 % Hypochlorid zur Oberflächenreinigung und Desinfektion. Dann folgt GIZ, natürlich.

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Bild 2

Nun die Argumentation

Ich warne zunächst vor Kunststoff und mache deutlich, dass nach 10 Jahren mindestens 10 % aller Kunststoff Füllungen nicht nur einen großen Spalt zwischen sich und dem Zahn aufweisen, sondern auch der Karies (= Zahnmatsche) Vorschub leisten.

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Bild 3 **)

Die Bilder 2, 3 und 4 kommen aus einem anderen Mund. Dort hatte ich seit Jahren den linken oberen Eckzahn (Zahn 23) in der Karteikarte mit einem Ausrufezeichen versehen, was bedeutet, dass die dortige Kunststoff Füllung nicht koscher aussieht. Nach 5 Jahren fröhlichen Zuwartens war in der letzten Sitzung Schluss mit lustig: Der diamantbelegte Bohrer soll Gewißheit schaffen, was unter der Plastikeinlage in dem Eckzahn vor sich geht.

DSC_0112

Bild 4

Wie zu erwarten war, schwimmt der Füllungskörper unterhalb der sichtbar festen Oberfläche nur noch auf einem Flüssigkeitspolster. Was im Bild 4 an Kunststoffrest zu sehen ist, läßt sich ohne Anstrengung mit der Sonde aus dem Zahnloch herausbefördern. Eigentlich müßte er kleben wie Pech und Schwefel. Ob man es glaubt oder nicht: der Zahn weist darunter KEINE (!) Karies, um genau zu sein: keine Matsche auf. Aber die bräunlich-rote Verfärbung des Zahnbeins beweist, dass eine jahrelange Auseinandersetzung dieser im Prinzip offen liegenden Oberfläche mit dem Mundmilieu stattgefunden hat. Der einzige Grund, warum der Zahn keinen ernsten Schaden genommen hat, liegt in der geringen Neigung dieses Patienten zu Karies generell. *)

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Bild 5

Ich suche im Mund von Frau R. (45) und finde links oben im Zahn 25 eine 3 Jahre alte Füllung aus dem Glas Ionomer Material "Ketac Molar". Laut meinen Krankenunterlagen wurde genau diese Stelle erstmalig im März 2002 von meinem damaligen Assistenten mit dem GIZ "Ionofil" tief (Cp) versorgt und 2007 wegen Kantenbruchs der Füllung mit Ketac Molar erneuert. Unterhalb des Zahnschmelzes breitet sich die Füllung in jede Richtung weiter aus, der Zahn ist also quasi ausgehöhlt.

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Bild 6

Sehr starke Vergrößerung der Glas Ionomer Füllung aus Bild 5, ein Millimeter im Bild 6 entspricht 60 ym (= Mikrometer) in der Wirklichkeit; ein menschliches Haar ist 80 ym dick.

Bekanntlich lautet das Hauptargument gegen die Glas Ionomer Materialien als Dauerversorgung, dass sie sich zu schnell abnützen würden. Hier hilft ein Blick in die Wirklichkeit: Frau R. (45) erlebt an ihrem Zahn 25 innerhalb von 3 Jahren einen nachgewiesenen Höhenverlust von etwa 1 bis 2 Haaresbreiten.

Als Positivum darf verbucht werden, dass sich Frau R. (45) und ihr behandelnder Zahnarzt zu keiner Zeit von 2002 bis heute irgendwelche Sorgen über die Dichtigkeit des Glas Ionomer Materials Richtung Zahnbein zu machen braucht: denn das ist von alleine dicht, war immer dicht und bleibt auch dicht.

 

Was ist schlimmer?

Frage ich an dieser Stelle den Patienten. Das bißchen fehlende Masse obendrauf, das ich sofort und immer gut nachfüllen kann, und das dem Zahn garantiert nicht weh tut, oder der kaputte Plastikkleber unter der Plastikplombe, die kein Mensch kontrollieren kann, und die über kurz oder lang den Zahn hinrichtet?

Meine Patienten sind sich einig: die fehlenden Mikrometer auf der Kaufläche können lange nicht soviel Unheil anrichten, wie Spalten unter Kunststoff Füllungen es garantiert tun werden. Und an dieser Stelle frage ich Sie, liebe Leser, warum glauben Sie eigentlich immer noch, dass Kunststoff "besser" für Seitenzähne geeignet wäre als Glas Ionomer Materialien?

 

*) Angenommen, der Fall aus Bild 2 bis 4 würde sich tagtäglich mit 1 bis 2 Litern Apfelsaftschorle "ernähren". Dann bräuchten wir uns keine weiteren Sorgen mehr um die Erhaltung des abgebildeten Eckzahns machen; denn dieser wäre runtergefault bis unter das Zahnfleischniveau.

**)  Ich weiß, dass meine Fotos der Zahnwirklichkeit mit den Hochglanz-Illustrierten der werbenden Dentalindustrie nicht mithalten können, was die Schönheit und die Eleganz angehen. Aber da gibt es ja auch noch die Kriterien Realtitätsnähe und Sinnhaftigkeit, zum Beispiel.

Kommentare   

 
0#2RE: Schnellbegründung für Glas Ionomer MaterialZlange2011-11-14 15:28
Lieber Herr Wagner,

ich würd gerne die Frage von Kommentator Marc noch einmal erneuern:

Kann man abgenutztes GIZ "nachfüllen", OHNE dass dafür weitere Zahnsubstanz geopfert werden muss?

Verbindet sich das "frische" GIZ denn problemlos mit dem alten, oder muss das alte GIZ in irgendeiner Weise dafür vorbehandelt werden?

Viele Grüße,
Zlange
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0#1RE: Schnellbegründung für Glas Ionomer MaterialMarc2011-01-29 10:51
Hallo Herr Wagner,

Sie schreiben "Das bißchen fehlende Masse obendrauf, das ich sofort und immer gut nachfüllen kann, und das dem Zahn garantiert nicht weh tut,"

Auch ich habe nun zwei Backenzähne (15, 16) rel. nervnah mit GIZ gefüllt.
Möchte auch egtl. keine andere, spätere Versorgung.

Falls die Abrasion des Materials einmal "zuschlagen" sollte, kann mein ZA dann OHNE erneutes Bohren das GIZ wieder einfach nachfüllen oder muß er hier irgendwie anätzen oder doch erst wieder neu präparieren?

Noch eine Frage: Er verwendet gewöhnlichen GIZ. Meinen Sie, er würde es akzeptieren, wenn man selbst z.B. "Ketac Molar" kauft und ihn bittet, dieses zu verwenden?

MfG
Marc
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