Orthopäde auf dem CMD Trip

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Bild 1

Die langjährige Patientin U.L. (75) litt 2010 unter unklaren Schmerzen im Bereich des Zahns 12. Zahnmedizinisch ließ sich kein Befund erheben, weil aber die Krone auf dem 12 damals mit den Zähnen 11 und 13 verblockt (= zusammengelötet) eingebaut war, sah ich mich gezwungen, diese Krone herauszutrennen, um sicherzustellen, dass keine unbemerkte Dezementierung stattgefunden hatte. Es zeigte sich bei der Kronenerneuerung, dass der Verdacht unbegründet war. Immerhin verschwand der anhaltende Schmerz rechts oben nach und nach dann von alleine.

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Bild 2

Im Juli 2011 kommt es bei Frau U.L. zum Ausbruch von starken Schmerzen, die sie besonders im Nacken, Hals und Schulter spürt. Der aufgesuchte Orthopäde schreibt mir in seinem Attest seine Befunde auf und äußert seine Verdachtsdiagnose "CMD" mit der weitergehenden Empfehlung zur Anfertigung einer Schiene.

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Bild 3

Ich glaube viel, aber nicht alles, deshalb recherchiere ich auch ein wenig selbst am Patienten. Als Erstes fordere ich Frau U.L. auf, den schlimmsten Schmerzpunkt mit den Fingern aufzuzeigen. Da, wo jetzt ihr Mittelfinger liegen würde, da täte es am meisten weh, sagt sie.

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Bild 4

Zitat "Der Schmerz fühlt sich an wie Migräne und ist so stark, dass ich mir den Kopf abhacken könnte!". Nun fordere ich die Patientin auf, den Mund so weit zu öffnen, wie sie kann und anschließend den Unterkiefer nach rechts und links zu schwenken. Frau U.L. schafft es ohne Schwierigkeiten, beide Übungen aus dem Stand zu absolvieren und beantwortet die Frage, ob es dabei zu Schmerzen käme ganz klar mit einem: "Nein".

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Schlußfolgerung

Was ist aus den Bildern und den dazu gemachten Angaben zu schließen? CMD heißt immer noch Cranio Mandibuläre Dysfunktion, direkt übersetzt also Schädel - Unterkiefer - Nichtgutscharnieren. Die "Dysfunktion" ist glasklar auf das Kiefergelenk gemünzt, das angeblich einen Schaden haben soll und dem seit 100 Jahren Gnathologie Ideologie unterstellt wird, den Schmerz zu verursachen. Und dafür wäre dann eine Schiene gut. So weit die Theorie.

Aber wie kann das Kiefergelenk einen Schaden haben, wenn ausgerechnet die Bewegung im Gelenk, nämlich das Öffnen und Schließen und Seitwärtsbewegen gerade nicht weh tun, wie ich ausdrücklich nachgefragt habe? Zwar hat der Orthopäde auf seinem kleinen weißen Zettelchen hingeschrieben, dass die "Kiefergelenke druckdolent" wären. Aber ein Blick auf das Bild 3 hilft, zu verstehen, warum die Gegend des Kiefergelenks (die sich direkt vor dem Ohr befindet) druckempfindlich sein kann, das Kiefergelenk aber gar nichts damit zu tun hat. Bei Frau U.L. macht sich ein Mörderschmerz ("könnte sich den Kopf abhacken"!) im Nacken, und Hals breit, was zu einer Druckempfindlichkeit aller Haut-, Muskel-, und sonstiger bereiche in der Nähe führt.

Den Kiefergelenken von Frau U.L. geht es trotzdem sehr gut. Die haben nix, rechts nichts und links auch nichts. Dafür verwette ich mein kleines Physikum. Und damit ist der Begriff CMD erledigt. Er ist Unsinn, weil unzutreffend. Funktionieren tut das Gelenk ja gerade, es scharniert völlig normal. Was nicht normal ist, sind die Riesenschmerzen. Und für die haben die Zahnmediziner weder eine Erklärung noch irgendwelche sinnvollen Diagnose Kästchen.

 

Kommentar

In den letzten Jahren beobachte ich in Deutschland breitflächig inszenierte "Fortbildungen" für Orthopäden, in denen Dentisten mit Tunnelblick ihre Version vom absteigenden Schmerz durch CMD als neueste Forschung verkaufen.  Um es auf die Spitze zu bringen, läuft es auf die Behauptung hinaus, der Biss wäre in der Behandlung von unklaren Schmerzzuständen des Rückens und der Halswirbelsäule das Hauptproblem. Solche eingängigen Botschaften bleiben beim gläubigen Leidenden ebenso gut hängen, wie beim gestressten Knochendoktor, der sich einer Flut von chronischen Kranken gegenüber sieht, die das Wartezimmer ständig mit Nacken-, Schulter oder Kopfschmerzen belagern.

Dass diese "CMD-Fortbildungen" nichts anderes sind als reines Wunschdenken von unterinformierten Halbmedizinern - ich rede von Zahn"ärzten" - das können die niedergelassenen Orthopäden so ohne weiteres nicht erkennen. Tatsache ist aber, dass weltweit in keinem Land eine derart unwissenschaftliche Propaganda seitens der Zahnmediziner auf die Mediziner möglich und denkbar ist, wie hierzulande. Es gibt keinerlei international anerkannte wissenschaftliche Forschung, die auch nur im Ansatz belegen würde, das der Biss irgendeine ursächliche Beziehung zu Schmerzen der Knochen oder Muskulatur im Kopf, Hals oder Schulter hat. Vielmehr gibt es harte Daten, die das Gegenteil nahe legen. Ich werde in Kürze berichten.

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