Unterschied Schmerz vom Zahn / nicht vom Zahn
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- Kategorie: Chronische Schmerzen
- Erstellt am Donnerstag, 04. Juni 2009 13:18
- Geschrieben von Joachim Wagner
- Zugriffe: 44608
Lesen Sie auch die Artikel Schmerzstärken während der Wurzelbehandlung und Grausamer neuropathischer Härtefall aus der Rubrik Chronische Schmerzen im Gesicht und Kiefer
Auf vielfachen Wunsch stelle ich hier wieder einmal meine aktuellen Erkenntnisse zur Frage zusammen: woher kommt der Schmerz tatsächlich?
Schmerz vom Zahn
Die folgenden Symptome weisen darauf hin, dass der Schmerz zahnbedingt ist.
- 1. Starke Schmerzen nachts, der Patient schläft deshalb nicht ein oder wacht dadurch auf.
- 1a. Tagsüber sind die Zahnschmerzen leichter zu ertragen
- 2. Bei fortgeschrittenem Stadium tastbare Schwellung im Bereich der Wurzelspitze, oft auch mit Rötung. Vorsicht, eine reine Schmerzhaftigkeit einer bestimmten Stelle ohne sichtbare Zeichen deutet NICHT auf einen Schmerz vom Zahn hin.
- 2a. Röntgenbild: Erfahrungsgemäß wird an dieser Stelle zu oft das Röntgenbild als Beweis dafür herangezogen, dass ein schmerzender Zahn nicht auffällig aussieht. Deshalb hier zum 100. Mal: ein Röntgenbild alleine beweist gar nichts. Weder das Entstehen von Schmerzen durch eine angebliche "Karies" noch die Unerklärlichkeit von starken Schmerzen, weil man ja "nichts sieht". Eine Pulpitis (akute Zahnnerventzündung) ist im Röntgenbild nicht zu sehen. Das gilt besonders bei frisch verlegten Kunststoff Füllungen.
- 2c. Auf die Kälteprobe sollte man sich als Behandler nie verlassen. Egal wie sie ausfällt. Ein nicht kältereagierender Zahn kann sehr wohl komplett in Ordnung sein (leben), als auch schon am absterben sein. Auch eine hohe Überempfindlichkeit gegen Kälte sagt wenig aus. Bei Nichtreaktion hilft eine Probetrepanation ohne Spritze weiter.
- 3. Schmerzspitzen bis 10 von 10, aber dazwischen (in Wellen von 15 - 600 Minuten) auch komplett Ruhe.
- 4. Eindeutiger sofortiger (!) Klopfschmerz beim Klopfen mit Metallinstrument auf den Zahn. Der Patient "zuckt" sofort zusammen.
- 4a. Dumpfer Klang des Klopfgeräusches, im Gegensatz zum helleren Klang bei gesunden Zähnen
- 4b. Zahn fühlt sich "zu hoch" an.
- 4c. Beim Beißen auf ein Holz jault der betroffene Zahn.
- 6. Ibuprofen Dosis von 15mg / kg Körpergewicht macht nach einer halben Stunde eine Schmerzminderung um mindens 50%
- 6a. Novalgin (20 bis 40 Tropfen) wirkt sehr zuverlässig gegen den Schmerz meistens schon nach 20 Minuten.
- 8. Antineuropathika wie Gabapentin, Amitriptylin und selbst Morphium können den Schmerz NICHT wirklich beeinflussen. *)
- 10. Der Patient ist männlich. Alleine das Geschlecht erhöht die Wahrscheinlichkeit, nicht unter Gesichtsnervschmerzen, sondern reinen Zahnschmerzen zu leiden, um den Faktor 4.
- 13. Die Betäubung mit der zahnärztlichen Spritze wirkt in der Regel ausreichend ("ich habe gar nichts vom Ziehen gemerkt")
Schmerz nicht vom Zahn
- 1. Nachts schläft der Patient ziemlich unbeeinträchtigt und wacht auch nicht durch die Schmerzen auf.
- 2. Keine sichtbaren (Rötung) und tastbaren (Schwellung) Zeichen im Mund. Aber häufig: extrem schmerzempfindliche Schleimhaut an vorbehandelten Stellen (nach Extraktion, besonders nach WSR).
- 2a. Im Röntgenbild ist die Lage fast immer unauffällig oder nicht eindeutig krank.(Gilt nicht für Zustände nach WSR, die sind aber ohnehin nicht mehr beurteilbar, was jeder bedenken sollte, der sich bei chronischen Schmerzen an eine WSR noch heranwagt)
- 2c. Kälteprobe. Die einzige verläßliche Information, die die Kälteprobe liefern kann, sind auffällige Unterschiede zu den Nachbarzähnen. Eine extreme Kälteempfindlichkeit an einem oder mehreren Zähnen, die durch keinen anderen Test (Klopf- Beisstest ...) bestätigt wird, deutet häufig auf eine Abweichung im Trigeminus hin, nicht auf eine der Zähne.
- 3. Der Schmerz hat einen Rampenverlauf: direkt nach dem Aufwachen beträgt er null und nimmt zum Abend hin zu.
- 3a. wenn der Schmerz begonnen hat, wirkt er dauernd ein und das oft in hoher Stärke, z.B. mehr als VAS = 5 (Skala 0 bis 10)
- 4. Das Kauen auf der betroffenen Seite vermindert den Schmerz für kurze Zeit
- 4a. Das Klopfen auf den Zahn verursacht keinen Sofortschmerz, führt aber kurz danach (Sekunden, Minuten) zu Schmerzerscheinungen
- 5. Ablenkung (Klavierspielen, Fernsehschauen ...) vermindert den Schmerz
- 6. Paracetamol, Aspirin und Novalgin funktionieren auch in hoher Dosierung nicht.
- 6 a. Ibuprofen funktioniert bei ca. 80% der hier angesprochenen Fällen genauso schlecht (nicht) wie Aspirin und Paracetamol, aber Vorsicht. Es gibt ca. 20% Ausnahmefälle, bei denen Ibuprofen wirkt wie in der Abteilung "Schmerz vom Zahn". Trotzdem handelt es sich bei diesen Ausnahmefällen NICHT (!) um normale Zahnschmerzen.
- 7. Die "Zwischenmittel" Diclofenac (Voltaren = Rheumamittel) und Diazepam (Stimmungsaufheller) machen eine Minderung der Dauerschmerzen
- 8. Die "richtigen" Antineuropathika aus den Abteilungen TCA (tricyclische Antidepressiva) oder Antikrampfmittel (z.B. Gabapentin, Pregabalin, Carbamazepin) schaffen bei 50% der Betroffenen eine Halbierung der Schmerzen. Bei geschickter Kombination der verschiedenen Klassen auch mehr.
- 9. Vorangegangene Zahnbehandlungen verliefen zu 95% übel. Es liegt also schon eine Häufung an "Pech" in der Behandlung der Zähne vor in Form von gescheiterten Füllungen, Wurzelbehandlungen, WSRs ...
- 9a. Mehr als 2 verschiedene zahnärztliche Behandler waren bereits tätig mit gleichbleibend schlechtem Ergebnis.
- 10. Ist die Patientin weiblich, liegt die Wahrscheinlichkeit 4 mal höher, unter einem Schmerz, der nicht vom Zahn ausgeht, zu leiden als Männer.
- 11. Zusätzlich bestehen neurologische Zeichen wie Taubheit in bestimmten Hautbereichen, Lidzucken usw.
- 11a. Überempfindlichkeit auf Stoffe, wie z.B. Metalle, welche sich äußert durch Metallgeschmack, Brennen ... Nicht zu verwechseln mit Allergien, weil keine erkennbare Entzündungszeichen im Mund zu sehen sind.
- 11b. Zungenbrennen, Mißempfindungen in der gesamten Mundschleimhaut ("fühlt sich an wie rohes Fleisch") .
- 11c. Die Patientin leidet an starken Schmerzen, die sie einer bestimmten Stelle des Zahnfleischs zuordnen kann. An dieser Stelle kann der Zahnarzt jedoch keinen krankhaften Befund, der die Schmerzstärke auch nur annähernd erklären könnte, erheben.
- 12. Migräne oder Neuralgien liegen in der Familie
- 13. Die Betäubung mit der Spritze wirkt selten ausreichend. Ganz schlecht funktioniert das Betäuben der Wurzelspitze, egal ob es um eine Spülung , eine erneute Reinigung des Wurzelkanals oder um eine Wurzelspitzenresektion geht. ("es war ganz furchtbar ...")
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Kommentare
seit ich im Okt. 2011 eine Kunststoffkrone bekommen habe, spüre ich immer wieder im Laufe des Tages eine extreme Kälteempfindlichkeit an diesem Zahn, spüre ein Ziehen den ganzen Hals herunter bis in die Schulter und in den Arm und habe manchmal richtige Muskelverhärtungen im Schulterbereich. Manchmal sind die Lymphknoten auf der SEite der Krone geschwollen und im Winter hatte ich auf der Seite auch eine Sinusitis. Wenn ich ein Antibiotikum bekomme ist alles in Ordnunge und 1,5 Wochen später geht mit den Schmerzen alles von vorne los. Kommen diese Schmerzen und die Nebenhöhlenentzündungen vom Zahn oder kann es auch etwas ganz anderes sein? Manchmal habe ich einen ganz empfindlichen Nerven am Kopf, wenn ich den Kopf berühre.
Kältetest beim Zahnarzt zeigte, dass der betroffene Zahn extrem stärker reagierte als die Zähne auf der anderen Seite. Diagnose: irreversible Pulpitis, vorgeschlagene Behandlung: Wurzelkanalbehandlung.
Leider ist das nicht der Fall, ich kenne im Bekanntenkreis Leute, die aufgrund neuropathischer Schmerzen vergeblich Sitzungen beim Zahnarzt absolviert haben, anstatt endlich mal einen Neurologen aufzusuchen. Das Ergebnis: Aufgebohrte Zähne (wegen der Schmerzen), Wurzelfüllungen (wegen der immer noch vorhandenen Schmerzen, Wurzelresektion (weil die Schmerzen immer noch nicht weg waren), dnach ganz schlimme Scherzen. Schließlich Zähneziehen - und die Schmerzen sind immer noch da und haben sich inzwischen chronifiziert!!!!!!
Ein rechtzeitiger Besuch beim Neurologen, statt den Zahnarzt zu bedrängen, hätte das Schlimmste verhüten können.
Ltg. am "Ganglion trigeminale" ... ohne jedes Wort auf die Goldwage legen zu wollen, aber das ist ja nun mehr als unwahrscheinlich - rein anatomisch, so lange Nadeln gibt es sicherlich in den wenigsten ZA-Praxen. MFG pl
Ich vermute, dass Ihr Behandler eine ungewollte Leitungsanästhesie am Ganglion trigeminale gelegt hat, das würde Ihre Symptome erklären. Schmerzen bei warm und nachts deuten auf eine Pulpitis hin. Viele Grüße Joachim Wagner
ZA meint, Gesichtsnerv.. ich sei verm. Knirscher....
Machte an anderem zahn Karies weg und gab dazu Spritze.
Nun wird es spannend .. Wer weiss was das ist? Die Wirkung der Spritze war "phänomenal" . Stundenlange Taubheit der ganzen Gesichtshälfte.
Zahnschmerzen ( bei warm und nachts )sind aber immer noch.
Wer ist erfahren um die heftige Wirkung der Spritze beurteilen zu können.
Hallo Gerhard,
ich könnte mir die Arbeit einfach machen, und auf Neuropathie des Trigeminus tippen. Mir gefällt aber Ihre doppelte Erwähnung der Taubheit nicht. Nerven Sie einen Ihrer Ärzte (Hausarzt, Zahnarzt, HNO, Neurologe) solange, bis der Ihnen eine Überweisung zum MRT (Kernspin) ausstellt, um sicher zu stellen, dass kein raumfordernder Prozess der eigentliche Grund für die Beschwerden ist. Ich rede von Tumor, das soll Sie jetzt nicht schocken, sondern nur anspornen, die Untersuchung zu Ihrer Sicherheit durchführen zu lassen. Viele Grüße Joachim Wagner
Hallo Herr Meyer, Ihr Zahnarzt hatte zwar keine besondere Diagnose für Ihren Zustand, aber offenbar eine Ahnung davon, dass es nicht von den Zähnen kam. Und da hatte er vollkommen recht.
Guter Mann, nicht alle denken so weit. Viele Grüße Joachim Wagner
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