Geht auch nicht: Überempfindlich, Angst und Kunststoff

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Die Patientin Frau H. (22) zittert im Behandlungsstuhl, während ich das Behandlungszimmer betrete, weil sie Schlimmes ahnt. Denn sie hat Erfahrung, genügend Erfahrung mit Füllungen, besonders solchen mit Kunststoff in Backenzähnen, und auch solchen mit nachfolgender Wurzelbehandlung. Sie kommt als Neupatientin, bittet aber gleich um Verständnis, dass sie viel Angst habe. Vollbildaufzeichnung_8182010_14639_PM 

Das Bild Nummer 1 (Röntgenbild) entsteht nur sicherheitshalber, denn aus der klinischen Inspektion (optischen Betrachtung mit Lupenbrille!) geht nicht hervor, dass ein Zahn defekt sein könnte. Ich frage die Patientin, wie alt diese beiden - wegen der Machart und Farbe offensichtlich gleichzeitig angefertigten - Kunststoff Füllungen wohl sein mögen. Darauf hin kann sich Frau H. gut erinnern, dass diese vor etwa 1,5 (= eineinhalb) Jahren in Sylt angefertigt worden sind.

Das darf doch nicht sein, denke ich und spreche: "was trinken Sie tagsüber, Saft, Wasser, Cola ..." Und Frau H. antwortet mir: "Cola" Und diese offenbar in Mengen über einem Liter und in der Ausgabe mit Zucker, also nicht light. Und damit ist der Vorbehandler in Sylt aus dem Schneider.  Die Dauer-Berieselung eines Kunststoff/Dentinspaltes im Zahnzwischenraum zwischen einem oberen 6-er und 7-er mit einer Zuckerlösung von 10% (= Cola) endet voraussagbar nach 18 Monaten mit einer Tiefkaries unter der Plastikfüllung. Daran ist der Zahnmediziner unschuldig. Allerdings ist er nicht unschuldig am Kunststoff/Dentinspalt. Aber dazu gleich mehr.

Da ich ja ein eher bequemer Zahnarzt bin, plante ich ursprünglich bei Frau H., nur die Grunduntersuchung durchzuführen und angegriffene Stellen an den Zähnen im Krankenblatt als "zu beobachten" anzukreuzen. Frau H. und ich einigten uns unter diesen Umständen jedoch, die Baustelle sofort anzupacken, aber unbedingt mit Anästhesie (= Spritze). DSC_0079

Im Bild 2 zeigt sich die Baustelle relativ rotfarbig und rotgesprenkelt. Zum einen liegt die Karies teilweise tiefer als das Zahnfleisch, zum andern mußte am Zahn vor der Karies (im Bild rechts) der große Überhang der Füllung noch mit Diamantschleifer im Zahnfleisch weggenommen werden.
Trotz gut wirkender Leitungsanästhesie (Tuber maxillaris Anästhesie) am 27 erlebt die Patientin offenbar noch erhebliche Schmerzen beim Berühren des entzündeten Zahnfleischs, was a) die Eigenheiten der Schmerzübertragung des Trigeminus unterstreicht, der auch bei wirksamer Spritze noch genügend Parallelfaser zur Verfügung hat, um Schmerzen trotzdem zu übertragen (nach dem Motto "alles ist taub, nur nicht der Zahn"), b) sicher z.T. auf den Einfluss der Angst der Patientin zurückzuführen ist, und c) nicht zuletzt auch durch die Entzündung unter dem überstehenden Kunststoff verursacht wird.

Jedenfalls erweist sich selbst für den Geübten bereits die Blutstillung und Trockenlegung der Baustelle als recht schwieriges Unterfangen, was auch in dem Schmuddel Foto hier zum Ausdruck kommt. Wie unter diesen Umständen eine dichte Verbindung einer Kunststoffmasse mit dem Dentin des hier gezeigten Zahns 27 ernsthaft zustande kommen soll, das möchte ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) gerne von den Kunststoff Fans unter meinen Kollegen/innen erfahren. Glaubt von denen wirklich irgend jemand, dass bei dieser sabbernden, blutenden, abwehrbereiten, angsterfüllten, hoch empfindlichen 22-Jährigen es durch Tricks und Getue (noch mehr Spritze, Kofferdam, ...) eine spaltfreie (!) Plastik-Dentin Klebung in dem tiefen Loch drin ist?

Wer das glaubt, dem sage ich: Mach mal, ich guck zu und prüfe anschließend nach, wie dicht die Plastikfüllung geworden ist. Und zwar mit mehreren Biss- und Kälteproben an verschiedenen Tagen. Dann schauen wir mal.

Vollbildaufzeichnung_8182010_14922_PM Tatsächlich habe ich natürlich den Glas Ionomer Zement (GIZ) Ketac molar (3M Espe) in den Zahn gefüllt. In Bild 3 ist die Tiefe der Füllung zu sehen (der rechte der beiden Zähne). Der GIZ benötigt keine Trockenlegung der Baustelle, im Gegenteil, etwas Wasser auf der Oberfläche im Moment des Einbringens der Hauptmasse des Zementes führt zu einer verbesserten Anschmiegung des Materials an die Oberfläche und zu einem chemischen Verbund zwischen Zement und Dentin.

Dies steht im absoluten Gegensatz zum Komposite (= Kunststoff). Befindet sich auch nur ein Hauch Wasser im Zahn, versagt augenblicklich die Klebung des wasserabstoßenden Kunststoffs auf dem feuchten Dentin (= Zahnbein).

Warum also die "Experten" auf die Idee kommen, Kunststoff sei im Backenzahnbereich - bei Betrachtung aller Eigenschaften - tatsächlich besser geeignet als GIZ, verstehen eigentlich nur solche Kollegen besonders gut, die es mit dem Selberdenken nicht so haben.

 

Kommentar

Hoch empfindliche Zähne sollten sowieso von Kunststoff verschont werden. Warum das so ist, können Sie hier nachlesen, ganz kurz zusammengefasst: man riskiert sonst gehäuft Wurzelbehandlungen. Unser Beispiel heute zeigt das Zusammenspiel von einem 100% schon beim Füllen vor 18 Monaten vorhandenen Spalt *) zwischen Kunststoff und Zahn am Zahnfleischrand und der ständigen Colaberieselung. Das geht keine 36 Monate gut, vorher gibt es eine weitere Wurzelbehandlung, die mit Glas Ionomer Zement oder Amalgam 100% sicher nicht passieren würde.

Es ist höchste Zeit a) diesen Patienten klar zu machen, dass Kunststoff und Cola nicht zusammenpassen und b) den Behandlern zu verbieten, Plastik in Zähne zu verlegen, die sie nicht trocken bekommen. Und das war hier 100% sicher der Fall.

 

*) Dass der Spalt am 27 schon direkt beim Füllen entstanden sein muss, ist naheliegend, wenn man die überstehende Füllung 26 im Röntgenbild betrachtet. Wäre diese auch so undicht gewesen, hätte es wegen des Überstandes und der darunter befindlichen Bakterienwolke am Zahn 26 eine noch größere Karies geben müssen. Und noch etwas Wichtiges fällt auf: Trotz eines offenen Spaltes zwischen Kunststoff und Dentin hat die Patientin NICHT (!) über Zahnschmerzen links oben geklagt. Lediglich beim Betasten des Zahns 27 mit der zahnärztlichen Sonde empfand sie eine erhöhte Berührungsempfindlichkeit am 27 gegen den 26, was auf eine versteckte Pulpitis (= Zahnnerventzündung) hinweist.

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