Das Dahl Prinzip – Bisshöhe ohne Denkverbot

Lesen Sie auch die Artikel  Angststörung verändert Wahrnehmung und Der zweitbeste Knirscher von Zahnfilm aus der RubriKiss, Knirschen und ‚Funktion‘


 Der Originaltitel des Artikels in der  Quintessence International April 2006, p. 245 ff lautet:

„the Dahl Principle: Creating space and improving the biomechanical prognosis of anterior crowns“ und stammt von Dr. Basil Mizrahi, BDS, Msc, Eastman Kodak Institute, London, England

Diesen Artikel oder das „Dahl Prinzip“ kennen wahrscheinlich 99,9% aller deutschen Zahnmediziner nicht. Das ist kein Wunder, schließlich hat hier ein englischsprachiger Autor  seine Arbeit auf englisch im englischsprachigen Journal eines deutschen Verlags publiziert. Es wäre aber für den deutschen Verlag keine Mühe gewesen, den Artikel zu übersetzen und das Ganze in der deutschen Ausgabe der Quintessenz zu veröffentlichen, zumal der Autor davon profitieren würde. Das wird aber nicht geschehen. Dafür sorgt das deutschlandspezifische CMD Kartell der Altvorderen in Wissenschaft und Dentalwirtschaft. Hierzulande gelten immer noch die zweifelhaften Denkvorschriften rund um das Kiefergelenk aus den wilden 70er Jahren, die ungefähr so aussehen:

  1. Große Prothetikarbeiten ohne wilde Bissregistrierung und ohne tollem Artikulator sind unverantwortlich.
  2. Große Zahnlücken sind mit Schuld an Problemen im Kiefergelenk.
  3. Zahnbögen müssen bis zum 7er (alle Zähne bis auf Weisheitszähne) ersetzt werden.
  4. Änderungen am Biss über wenige Mikrometer (ym) hinaus sind problematisch.
  5. Wenn die Bisshöhe verändert werden muss, ist automatisch eine Vollüberkronung notwendig, andernfalls würde man ja teilweise Nonokklusionen (Stellen ohne Biss) riskieren.

So in etwa geht der Katechismus der CMDler auch im Jahr 2008. Das Problem ist, dass von diesen 5 Sätzen nicht ein einziger stimmt. Das ist der Grund, warum Sie – liebe Leser/in – den Artikel des englischen Kollegen jetzt präsentiert bekommen. Dr. Mizrahi hat eine erstklassige Arbeit abgeliefert, um hier den Glaubensatz Nr. 5 zu pulverisieren.

Kurzversion – Worum geht es in der Geschichte? Angenommen vorne (im Frontzahnbereich) gibt es Platzprobleme in der Höhe. Was machen wir? Denken Sie als Fachpublikum an Deckbisse und Ähnliches. C’est pas facile. (Nicht einfach), könnte man jetzt meinen. Falsch gedacht. Wir bauen in der Front einfach ein Langzeitprovisorium mit einer um 2 Millimeter erhöhten vertikalen Distanz ein. Das klingt brutal und ist es auch. Es führt zu einem Plateau auf der palatinalen Seite der oberen Schneidezähne (Bilder folgen weiter unten, wenn Sie auf „weiter …“ drücken), das die Patienten anfänglich erheblich irritiert. Unsere CMDler werden sich in diesem Moment bereits Sorgen um die Seitenzähne machen, allerdings zu Unrecht. Bewahrt man einfach die Ruhe und macht gar nichts, hat sich das Problem innerhalb von 3 Monaten, spätestens in 6 Monaten von alleine gelöst. Sehen Sie selbst.

 

Langversion – Der Zahnarzt steht ab und an vor dem Problem, dass a) einige Frontzähne platt sind bis zum Zahnfleisch und b) dazu der Biß auch noch genau da tief hineinbeißt. Der Fachausdruck für einen solchen Biß ist Tiefbiss und / oder Deckbiss und meint, dass die unteren Schneidezähne die oberen Schneidezähne in voller Fläche von hinten berühren, genauer gesagt zusammendrücken. Insbesondere beißen die Schneidekanten der unter Schneidezähne fast bis in das Zahnfleisch im Oberkiefer. Was kann da unternommen werden? Bereits 1975 hatte Dr. B.L. Dahl in Schweden die Idee: „warum heben wir nicht einfach den Biss, um – sagen wir – 1 bis 3 Millimeter, damit es wieder Platz im Frontzahnbereich in der Höhe gibt?“ Das hört sich kompliziert an, ist aber im Grunde genommen sehr übersichtlich. Weil es so simpel ist und auch noch funktioniert, heißt das Verfahren seitdem das „Dahl Prinzip“. Während in den 70er und 80er Jahren noch mit Einstück-Gußprothesen gearbeitet wurde, um über eine Zeit von 6 Monaten den Biss gezielt zu heben, hat sich inzwischen gezeigt, dass es ohne weiteres möglich ist, schlichtweg zu hohe Frontzähne als Langzeitprovisorien einzusetzen. Das führt dazu, dass die Molaren elongieren (verlängern) während sich gleichzeitig die Front etwas verkürzt und auf diese Weise der Biss sich innerhalb weniger Monate von alleine ausgleicht. Über das Prinzip gibt es inzwischen wissenschaftliche Untersuchungen, die das Vorgehen auch von der akademischen Seite absichern.

Der Londoner Privatzahnarzt Basil Mizrahi hat hier nun einen Beispielfall in der Quintessence International vorgestellt, der das Prinzip zeigt und kann darüberhinaus mit einem absolut erstklassiges Endergebnis aufwarten, das auch deutschen Kollegen vor Augen führt, worauf es ankommt:

 

  • Erst richtige Diagnosen stellen, also in diesem Fall: a) zuwenig vertikale Höhe, b) zuwenig Hartsubstanz an 2 Schneidezähnen, c) häßliche Metallränder und
  • dann Methoden anwenden, die eben nicht damit enden, dass schlussendlich 20 Kronen/Keramikklebeteile in den Mund montiert werden, sondern nur genau 4 Stück.

 

Das ist die Art Zahnmedizin, die ich mir für meinen Mund wünsche. Viel schleifen kann jeder, bei viel denken wird es schon schwieriger.

 

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