Das ist KEINE Karies

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Bild 1

Die Patientin, deren ganz neue unter Schneidezähne im Bild zu sehen sind, hat gerade ihren 6. Geburtstag gefeiert. Ihre Mutter brachte sie aufgeregt zu uns, weil sie wissen möchte, ob  schon die neuen Zähne, kaum dass sie da sind, die ersten Kariesschäden davongetragen haben.

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 Bild 2

Bevor ich mir die Zähne anschaue, lasse ich mir erzählen, mit welchen Getränken das Kind großgezogen wird, ob denn meine Zahnfeinde Nummer 1 und 2, nämlich Apfelsaft- bzw. – schorle mit von der Partie sind. Nein, bekam ich zur Antwort, sowas sei in der Familie nicht üblich. Dann – so meine Antwort – könne es auch keine Karies sein, die auf den unteren eigenen Zähnen dunkle Ablagerungen vorne hinterlasse. Die Prüfung mit hochauflösendem Foto hier belegt diese Behauptung.

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 Bild 3

Übrigens: die weißen Linien im oberen Bereich des Bildes 3 heißen Perikymata (lateinisch für Mehrzahl von Perikymatum), was für  eine ringförmige Erhebung auf dem Schmelz von Zähnen steht. Der Abstand der Perikymata zueinander beträgt hier etwa 40 bis 70 ym (Mikrometer). Uns interessiert die bräunliche Substanz unterhalb der Perikymata. Im Foto ist klar erkennbar, dass a) keine Demineralisierung (= Entkalkung) der Oberfläche passiert sein kann, denn das führt immer zu einer kalkig/weißen Verfärbung und b) bräunlichen Auflagerungen dort beginnen, wo die Perikymata aufhören. Wo noch Reste von Perikymata stehen, fehlen die Auflagerungen. Letzteres legt nahe, dass die Farbauflagerung mit der Oberflächenrauhigkeit des Zahns zusammenhängt. Es scheint, dass der Zahnschmelz ohne Perikymata mikroskopisch rauher ist und sich deshalb die Farbstoffe (aus dem Essen, Trinken, Speichel) einfängt.

 

Den entsetzten Eltern führe ich anschließend immer folgenden Beweis vor: mit Hilfe einer zahnärztlichen Sonde (das "spitze Ding") aus normalem Edelstahl kratze ich auf dieser Schmelzoberfläche herum und zeige, dass die Farbe dabei herunterkommt, dem Zahn aber offensichtlich *) nichts passiert. Das genügt in aller Regel, um die besorgten Eltern von weiteren Konsultationen mit Kinderzahnheilkunde "Spezialisten" abzuhalten, die – wie kürzlich geschehen – einen exakt gleichen Fall in Vollnarkose "komplett sanieren" wollte. Damit kein Zweifel aufkommt: der Mensch hat den Eltern eingeredet, völlig intakte Milchzähne aufzubohren, damit da etwas Farbe auf der Oberfläche verschwindet. 

 *) Edelstahl gehört metallurgisch zu den weicheren Sorten von Stahl. Seine Rockwell Härte liegt unter 55. Damit kann Schmelz nicht nennenswert = spanabhebend bearbeitet werden, das gilt sogar für das um einiges weichere Zahnbein (=Dentin). Um Schmelz überhaupt bohrend/fräsend zu zerspanen, sind Werkzeuge im höchsten Härtebereich notwendig, also Diamant, spezielle Hartmetall Legierungen.

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