Unterfütterung falsch gemacht

Lesen Sie auch die Artikel Knirscher und Unterfütterung und Biss der Woche 3 – Probleme aber keine CMD aus der Rubrik Biss, Knirschen und ‚Funktion‘

 

sany0064.jpg Gestern kommt Frau S. (79)  zum ersten Mal in meine Praxis und möchte ihre 4 Wochen anhaltenden Schmerzen loswerden. Sie sei kürzlich umgezogen und ihre Zahnärztin habe ihr noch kurz davor eine Unterfütterung im Unterkiefer angedeihen lassen. Trotz mehrfacher Druckstellen Entfernung seien die starken Schmerzen nicht verschwunden.
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 Bild 2

Der Biss auf der linken Seite erweist sich als Teilprothesen Klassiker, nämlich mit exakt einem einzigen Kontakt auf einer Klammer. Trotzdem läßt sich – hier nicht gezeigt – unter dem Kunststoffsattel von 36 und 37 eine massive Druckstelle im Zahnfleisch feststellen.

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 Bild 3

Als Hauptproblem  empfindet die Patientin den Druckschmerz unter der Teilprothese rechts unten, etwa im Bereich des ersetzten Zahns 45.

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 Bild 4

Ein Blick auf den Oberkiefer beweist, dass an der Stelle des stärksten Schmerzes die letzten beiden eigenen Zähne im Gegenbiss stehen. Es handelt sich nicht um einen Zufall.

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 Bild 5

 Das Schmerzzentrum befindet sich wie angezeichnet unter dem ersetzten Zahn 45.

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 Bild 6

Für das geübte Auge ist die Druckstelle im Mundspiegel eindeutig erkenntlich an der Rötung und der weiß/gelblichen Oberfläche im Zentrum. Hier gibt es keinen Klärungsbedarf hinsichtlich der Frage, ob die Prothese drückt, sondern lediglich, wieviel von ihr und an welcher Stelle weggeschliffen werden muss.

 

Bis dahin handelt es sich noch nicht um eine irgendwie bemerkenswerte oder aufregende Zahnarztgeschichte, denn bis hierhin könnte man annehmen, dass der oder  die Behandler schlicht zu blind sind, diese Druckstelle im Mund zu finden und deshalb die ältere Patientin 4 Wochen starke Schmerzen erdulden muss.   Ganz nach dem Motto: etwas Schwund ist immer.

ABER

Eigentlich muss die Frage gestellt werden: warum wurde a) überhaupt unterfüttert und warum b) im Unterkiefer? Das erschließt sich aufgrund der angetroffenen Zahnersatz Situation nun ganz und gar nicht. Bei der Untersuchung des Mundes stellt sich nämlich heraus, dass die Patientin die obere Prothese mit mächtig viel Prothesenkleber auf den Kiefer befestigen muss, um sie überhaupt dort zum Halten zu bringen. Jeder prothetisch Tätige kann sich beim Anblick des Bildes 4 die Situation unter der Oberkiefer Prothese plastisch vorstellen: dort ist wirklich Luft drunter.

Dagegen zeigen die beiden massiven Druckstellen im Unterkiefer an, dass dort zuviel Material eingebracht wurde, was angesichts der Abstützung des Ersatzes auf den beiden Prämolaren 34 und 44 mit Auflagen besonders unangebracht erscheint. Es wirkt so, als hätte der Lehrling mal ein bißchen Prothesenbasteln ausprobiert. Wenn er dann wenigstens anschließend den Druckstellen Schleifer korrekt eingesetzt haben würde …

 

Warum das hier abgebildet wird

Unterfütterungen von Teilprothesen  werden in Deutschland vergleichsweise häufig durchgeführt. Ob die Patienten davon in der Mehrzahl der Fälle wirklich profitieren, ist keineswegs geklärt. Vielfach passiert genau das hier Geschilderte: es kommt zu ganz massiven Druckstellen, die beim längerem Nachdenken auch von vornherein absehbar waren. Nachdem dann umständlich diese Druckstellen weggeschliffen werden, endet die Prothese wieder dort, von wo aus das Unternehmen seinen Ausgang genommen hatte. Das ist der Grund, warum ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) Unterfütterungen von Teilprothesen recht selten durchführe.

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