Der Kieferorthopäde im Wandel

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Zitat aus einem Forum

Joe567  Beitrag Verfasst am: 16.09.09   Titel: Kieferorthopädische Nachbehandlung
Hallo, ich hatte vor etwa 4 Jahren eine kieferorthopädische Behandlung beendet. Mittlerweile bin 19 Jahre. Ist auch alles eigentlich ganz gut geworden. Momentan trage ich noch alle paar Wochen eine lose Spange, wobei diese auch nicht drückt oder sonst irgendwie unangenehm sitzt. Vor etwa einem Jahr habe ich allerdings einige Monate am Stück vergessen diese zu tragen, woraufhin die lose Spange auch nicht mehr gepasst hat. Ich war dann beim Kieferorthopäden und habe eine neue gemacht bekommen, was die PKV auch bezahlt hat. Der Orthopäde meinte, er würde mir gerne einen Draht hinter eine der Zahnreihen machen. Ob es unten oder oben war, weiß ich nicht mehr. Er meinte, das würde man mittlerweile immer so machen, und es würde verhindern, dass das Ergebnis mit der Zeit verloren geht, falls man die Spange irgendwann nicht mehr trägt. Man bräuchte aber nur diesen einen Draht, da die andere Zahnreihe nicht den Drang hätte, wieder in ihre Ursprungsposition zurückzukehren. Ich wollte fragen, ob eine solche Stange wirklich sinn macht? ich habe an sich vor, die Spange weiterhin regelmäßig zu tragen, und auch kein Problem damit. Allerdings habe ich überlegt, ob mit so einer Stange die Zähne nicht viel komplizierter zu reinigen sind, bzw auch regelmäßige Kontrollen notwendig sind. Momentan bin ich in der PKV, allerdings falle ich bald wieder in die GKV zurück, und dann müsste ich das ja womöglich alles selbst tragen, wenn es Probleme gibt. Ich dachte mir auch, das der Orthopäde mich als privat versicherten vielleicht auch nur "ausschlachten" wollte.

Ende des Zitats

Worum geht es?

Um einen Retainer. Das Wort Retainer kommt aus dem Neudeutschen (= Englischen) und heißt übersetzt "Zurückhalter". Zurückgehalten wird die Unterkiefer Front, also 4 Schneide- und 2 Eckzähne vor dem Rückfall in den Engstand. Und jetzt noch mal im ganzen Satz: ein Retainer ist das geeignete Hilfsmittel, um nach einer kieferorthopädischen Behandlung der Unterkiefer Schneidezähne den nahezu sicheren Rückfall zu verhindern. Typischerweise verwendet man eine dünne geflochtene Edelstahllitze (= nicht Draht, sondern "Seil") mit Kunststoffkleber auf der Rückseite der Zähne zu diesem Zweck.

Hintergrund

Die deutsche Kieferorthopädie unterliegt seit 2 Zahnarztgenerationen den Bedingungen und Zwängen der gesetzlichen Krankenversicherung, weil etwa drei Viertel aller Behandlungen immer noch mit ca. 80 Prozent von dort bezuschußt werden. Die Gebührenordnung zu den gültigen Kassenverträgen entstammen aber dem Wissen und Gedankengut der 50-er Jahre des letzten Jahrhunderts. Das ist daran zu erkennen, dass heute im Jahr 2009 immer noch der "richtige" Biss  als wichtigstes Behandlungsziel definiert wird, dagegen der für Patienten weitaus wichtigere Gesichtspunkt Ästhetik in den Verträgen überhaupt keine Rolle spielt. Das führt dann dazu, dass die besagte Gebührenordnung KFO keine Abrechnungsposition "Einordnung eines Einzelzahns in den Zahnbogen" aufweist, und auch keine Position "Retainer für die UK Front". Und genau deshalb wird ein schrägstehender 1-er (mittlerer Schneidezahn) von der gegenwärtigen Kieferorthopädie nicht als behandlungsbedürftig akzeptiert oder nennenswerte Mengen von Retainern in die Münder deutscher Jugendlicher verbaut.

Der Kieferorthopäde

in unserem Beispiel hier oben bringt die Situation auf den Punkt: "Er meinte, das würde man mittlerweile immer so machen…" An dieser Aussage stimmt immerhin die Tendenz: ich sehe in meiner Praxis zunehmend mehr Retainer. Auf 10 kieferorthopädisch behandelte 15-Jährige, von denen etwa 8 einen Frontzahnengstand haben, kommen heute doch schon 2 eingebaute Retainer. Natürlich müßten es 8 Retainer sein. Aber wir sind schon weiter gekommen: vor 10 Jahren lag die Retainerquote hier in Leverkusen bei ungefähr 1 von 100 , d.h. von 100 Jugendlichen mit einem gedehnten Unterkiefer Engstand erhielten damals 99 KEINEN Retainer. Was das an vorhersagbaren Rückfällen verursacht und an Kosten in einer spätere Erwachsenen Kieferorthopädie, mag sich jeder selbst ausmalen.

Wo

sehe ich die Bemühungen der Fachgesellschaften für Kieferorthopädie, im eigenen Bereich die Bedingungen so zu ordnen, dass die Fachkollegen vor Ort etwas schneller als bisher aufwachen und erkennen, was "man so machen" sollte, speziell beim Frontzahnengstand UK. Es ist ein Skandal ersten Ranges, dass die gesetzliche Krankenversicherung auch heute noch Milliarden Euro in eine kieferorthopädische Massenbehandlung versenkt, deren Behandlungserfolge anschließend wieder dadurch systematisch vernichtet werden, dass man hierzulande immer noch meint, sich über die international anerkannte Nachbehandlung hinwegsetzen zu können. Ob der einzelne Kieferorthopäde vor Ort den Einsatz von Retainern als Teufelswerk darstellt, oder die Eltern glauben, weil die Krankenkasse keinen Zuschuß zum Retainer geben, dieser wohl überflüssig sein müsse, ist im Ergebnis gleich. Aber dass die Fachgesellschaften sehenden Auges keinen Finger rühren, um die veraltete Gebührenordnung zu modernisieren, das ist langfristig nicht mehr hinnehmbar.

 

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