Warum Gabapentin bei Gesichts-Nerv-Verletzung besser als B-Vitamine ist

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Gabapentin (Neurontin, Pfizer) wurde vom Hersteller als Antiepileptikum vor 10 Jahren auf den Markt gebracht. Zwischenzeitlich hat sich herausgestellt, dass Gabapentin auch als atypisches Schmerzmittel bei Nervverletzungen/erkrankungen erfolgreich ist. Der umtriebige Hersteller hat seine Verkaufstruppen nun auch darauf angesetzt. Die Pfizer „Pharmareferenten“ bringen jetzt dem ärztliche Fußvolk an der Front die frohe Botschaft bei, dass Gabapentin bei bestimmten Schmerzen wirksamer ist als Morphium.

Woran liegt das? An der automatischen Hochregulierung einer extrazellulären (auf der Zell“haut“) Andockstelle für die Impulserzeugung von schmerzleitenden Nervenzellen. Diese Andockstelle heißt „alpha2delta-1 Rezeptor“. Macht man bei Ratten eine Verletzung eines Spinalnervs (Rückenmarksnerv) durch Abbinden mit Nadel und Faden, dann kann man die Kurve hier oben messen. Da sprießen die Andockstellen auf den Nervzellen wie Pilse im Wald nach warmfeuchter Witterung. Die Vermehrung beträgt bis 2000 (Zweitausend) Prozent. Und je mehr Andockstellen da sind, desto häufiger funkt die Schmerznervzelle Impulse in Richtung Hirn.

Das ergibt auch Sinn: wenn der Spinalnerv eingeklemmt wird, funktioniert die gequetschte 1. schmerzleitende Zelle von den Organen oder Hautabschnitten zum Rückenmark ja nicht mehr. Also regelt eine automatische Rückkopplung die Empfindlichkeit der 2. Nervzelle (das ist die die Empfängerzelle von der 1. Nervzelle ) rigoros hoch. Dann werden die noch gerade so einlaufenden Signale hochverstärkt. Und der Patient merkt in dem betroffenen Gebiet eine Hyperästhesie: kleine Reize, die völlig harmlos sind, machen Schmerzen. Und er bemerkt auch eine Allodynie: der Reiz hat eine andere Qualität als der Schmerz. Streicheln wird beispielsweise als Wärmeschmerz gefühlt.

Und das ist die Stelle, an der Gabapentin zum Einsatz kommt. Gabapentin dockt hochspezifisch am alpha2delta-1 Rezeptor an und neutralisiert dessen Wirkung. Daraus wird verständlich, warum Gabapentin bei „normalen“ Schmerzen (Zahnschmerzen z.B.) nicht wirkt, dafür aber bei Schmerzen nach mechanischer Nervletzung und teilweise bei Neuropathie durch Diabetes und andere Nervgifte.Fazit: Wenn ein hartnäckiges Schmerzproblem stattfindet, das durch Behandlung des Gewebes vor Ort (Zähne, Knochen …) eher verschlimmert als verbessert wird, kann durch die Verordnung von Gabapentin ein Verdacht auf neuropathische Schmerzen überprüft werden. Das Mittel ist vergleichsweise problemlos auch bei gleichzeitiger Gabe von anderen Substanzen und hat eine große therapeutische Breite: Tagesdosen bis 3,6 Gramm (nicht Milligram) am Tag sind machbar. Zur Abwechslung haben also die Verkaufsanstrengungen des Produzenten mal Sinn.

Die Studie dazu ist hier.

One Reply to “Warum Gabapentin bei Gesichts-Nerv-Verletzung besser als B-Vitamine ist”

  1. RE: Warum Gabapentin bei Gesichts-Nerv-Verletzung besser als B-Vitamine ist
    Ist bei Zahnmigräne, neben der hier dargestellten Möglichkeit, Gabapentin zu geben, auch Triptan eine Alternative?

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