Zu tief für Kofferdam

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Lesen Sie auch die Artikel Wasser aus Dentin macht Kunststoff undicht und  Da geht nur GIZ aus der Rubrik Welches Füllungsmaterial  

 

Und schreibt ein Fragender in meinem Forum folgenden Beitrag:

Zitat

"Beitrag   Verfasst am: 28.10.09 – 18:48     ich habe ein Problem mit Backenzahn I 6. Die vorher bestehende Füllung aus Glasionomer Zement musste wegen einer Karies ausgetauscht werden, sie wurde durch Kunststofffüllung als Aufbaufüllung für eine Krone ersetzt und war 8 Wochen lang ohne Probleme. Der Zahn schmerzt aber jetzt, allerdings nur beim Kontakt mit Süßem und nur am Zwischenraum zu I 5, dort geht die Füllung weit hinunter, da der Zahn vor der Glasionomer-Füllung eine schlecht gearbeitete Teilkrone hatte. Die Glasionomer-Füllung war 10 Jahre lang ohne jegliche Probleme. Die Schmerzen sind eigentlich typisch für eine undichte Füllung und nur an der einen Seite und nur beim Kontakt mit Speisen. Die Zahnärztin streitet vehement ab, dass die Füllung in dem engen Zahnzwischenraum undicht sein könnte und will sie keinesfalls austauschen. Auch die Krone könne man so nicht machen. Ihre Lösung besteht nur in einer Wurzelbehandlung, für die ich keine Notwendigkeit sehe aufgrund der Art der Schmerzen. Ein Röntgenbild zur Absicherung will sie aber auch nicht machen. Als einzige Alternative erhalte ich jetzt Heilinjektionen und jeweils eine Portion Fluorlack in dem betroffenen Zahnzwischenraum, falls der Zahnhals (1,5 mm hoch) die Probleme mache – solange der Fluorlack dort allerdings hält, gibt es gar keine Schmerzen mehr, bis er sich herausgelöst hat. Ich habe mehrfach um Ersatz der Füllung gegen Glasionomer gebeten, aber das nimmt sie persönlich übel. Die Kunststofffüllung wurde zwar in mehreren Schichten mit UV Licht eingebracht, allerdings nicht unter eher trockenen Mundverhältnissen. Auch nach mehreren Wochen gibt es dort manchmal einen sehr bitteren Geschmack, vielleicht lösen sich ja minimale Bestandteile heraus und ich vertrage die Füllung gar nicht. Letzte Auskunft der Zahnärztin: Auf meinen ausdrücklichen Wunsch würde sie den Zahn auch überkronen, aber an meiner Stelle würde sie noch warten bis zum neuen Jahr, ich solle halt nichts mit Zucker essen. Meine Frage(n): – mein Wunsch wäre der Austausch gegen eine sichere Glasionomer-Aufbaufüllung, aber geht beim Ausbohren der Kunststofffüllung im Normalfall nochmals sehr viel Zahnsubstanz verloren? – Es gibt doch auch eine Laserdiagnostik – kann man die Füllung damit überprüfen? – Klar ist, dass ich bei der Zahnärztin nicht weiter komme, sie wünscht mir jetzt nach jedem Besuch "Frohe Weihnachten" – nur welcher Zahnarzt kann hier helfen, welches Spezialgebiet wäre angebracht? Ich bin für jeden Rat absolut dankbar!!"

Ende Zitat

Dazu habe ich folgenden Fall fotografiert

 

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 Bild 1

Sie sehen hier in den Zahnzwischenraum zwischen Zahn 24 und 25 (links oben 4. und 5. Zahn von der Mitte aus gezählt). Aus optischen Gründen kann nur eine ca. 1mm dicke Schicht des fotografierten Raumes scharf abgebildet werden. Im Bild 1 liegt der Brennpunkt (Fokus) etwa auf der Kauebene, also weit über der eigentlich interessanten Stelle.

 img_1670.jpg

 Bild 2

Der Bildfokus befindet sich hier zwischen der Kauebene und der Zahnfleischebene. Im Zahnzwischenraum läßt sich eine glänzende helle Stelle unterhalb der Bildmitte erkennen und davon oberhalb eine dunkelbraun erscheinendes Gebiet. Das war der ebemalige Boden der vorherigen Füllung aus Kunststoff. Dieser Boden endet nach oben hin in einer irregulären Kante, unterhalb der sich das eigentliche Kampfgebiet – siehe Bild 3 – ausbreitet.

 img_1672.jpg

 Bild 3

Die Kamera fokussiert in Bild 3 auf den "neuen" Boden = tiefste Stelle im Zahn. Der neue Boden befindet sich deutlich unterhalb der Zahnfleischhöhe, was am überstehenden Zahnfleisch Richtung Nachbarzahn  zu erkennen ist.  Darauf bezieht sich die Überschrift des Artikels: " Zu tief für Kofferdam". Das Gummispanntuch würde in diesem Falle hier keinerlei Abdichtung der Baustelle gegen Speichel, Blut und Exsudat aus dem Zahnfleischsaum bewirken können, weil es nicht einmal in die Nähe des Füllungsrandes kommen könnte. 

Wer genau hinschaut, ahnt, dass der neue Füllungsboden a) noch nicht ganz kariesfrei ist, b) ziemlich feucht aussieht und c) für hydrophobe (feuchtigkeitsabstoßende) Füllungsmassen wie Komposite vollkommen ungeeignet ist.

sany0245.jpg

 Bild 4

Das Schema ist nicht maßstabsgetreu geraten. Aber davon abgesehen läßt sich hier nachvollziehen, dass das frische Kariesloch unterhalb der alten Kunststoff Füllung reichlich ungünstig liegt, nämlich tief unter Zahnfleischniveau.

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 Bild 5

Sie sehen eine Unterfüllung mit dem Glas Ionomer Zement (GIZ) "Ketac Molar". Deutlich zeichnen sich die Eindrücke vom kleinen Kugelstopfer (ca. 0,5 mm Kopf) ab. Ebenfalls nicht zu übersehen ist das unmittelbar angrenzende – noch immer höherliegende – Zahnfleisch. 

 img_1674-1.jpg

 Bild 6

Dieser unscheinbare kleine Bildausschnitt demonstriert die elegante Überlegenheit der Glasionomerzemente bei  schwierigsten Bedingungen:

a) Es wird KEIN Kleber zwischen Zahn und Zement benötigt, trotzdem kommt es immer zu einer "chemical fusion zone "

b) Wasser aus dem Dentin, Blut und Exsudat aus dem Zahnfleisch sind in dieser Situation immer anwesend. GIZ reagiert darauf regelmäßig mit einer dichten Verbindung, wenn der Verarbeiter den weiteren Wasserzutritt aufhalten kann. Kunststoff hat unter diesen Bedingungen KEINE (!) Chance.*)

c) Die Karies liegt so erheblich unter dem Zahnfleischniveau, dass eine Anwendung von Formhilfen (Keil, Matrize etc.) nicht mehr in Frage kommt. Damit erledigt sich die Anwendung von Kunststoff sowieso. 

  Ernstgemeinter Kommentar

In der hier abgebildeten klinischen Situation gibt es genau 2 Materialien, die kein Provisorium darstellen: 1) GIZ und 2) Amalgam. Alle anderen Stoffe unter ausdrücklichem Einschluss von Gold mit der typischen Unterfüllung aus Phosphatzement oder noch schlimmer Kunststoff Aufbau entpuppen sich mittelfristig als Bumerang in Form von Pulpitiden, weil sie nicht in der Lage sind, einen bakteriell dichten Abschluss unter Zahnfleischniveau in der unmittelbaren Nähe zur Pulpa aufrecht zu erhalten. 

Wer hier Kunststoff einsetzt, wird bestraft, vom Zahn oder vom Patient.

*) Wie das Zitat des Fragenden aus dem Forum oben zeigt,  kommt in der Wirklichkeit aber genau das vor: Behandler überzeugen sich selbst, dass Kunststoff insbesondere der Kleber "inzwischen schon so weitentwickelt" wäre, dass er wie Amalgam überall verlegt werden könne. Nur: der Kunststoff Kleber funktioniert in der hier gezeigten Situation nicht. Wer das nicht glauben will, und an Patienten sozusagen Negativ-Experimente mit nicht zulässigen Materialien ausprobiert, beschwört Situationen wie oben geschildert herauf. Die Experimentierfreude der Kollegen/innen mit Kunststoff an prekären (hier: hanebüchenen) Zahnstellen wird nicht zuletzt dadurch begünstigt, dass vom Katheder der professionellen Akademiker viel zu selten und viel zu leise Aufklärung über die wirklichen Eigenschaften des derzeitigen Lieblingsmaterials kommt. Da liegt der systematische Fehler.

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