Warum enthält Ledermix eigentlich ein Corticoid?

Ledermix kennt jeder Zahnmediziner, 70% davon benutzen es mindestens gelegentlich und von denen geben es auch viele zu. sany0264.jpgDabei muss sich jedem Pharmakologen der Magen umdrehen angesichts der Inhaltsstoffe dieser Mischung. Denn Ledermix enthält auf 1 Gramm Salbe 30 mg Demeclocyclin-Calcium, ein Antibiotikum aus der Tetracyclin Reihe, sowie 10 mg Triamcinolonacetonid, welches ein hochwirksames Corticoid Präparat darstellt. Das bedeutet, dass das Mittel aus 2 völlig verschiedenen Wirksubstanzen gemischt wird, die nicht nur nichts miteinander zu tun haben, sondern sich z.T. in der Wirkung gegenseitig behindern. Ein ganz offensichtlicher Kritikpunkt bezieht sich auf das Corticoid Triamcinolon. Corticoide bewirken im entzündeten Gewebe eine Entzündungshemmung durch eine unspezifische Herunterregelung der körpereigenen Abwehr. U.a. wird die Produktion der Botenstoffe Prostaglandin, Tumor Nekrose Faktor etc. verringert. sany0266.jpgDas wiederum führt zu einer verschlechterten Bakterienabwehr. Trotzdem oder vielleicht gerade darum fügt der Hersteller ein Tetracyclin als Bakterienkiller hinzu, das vor Ort den Mikrolebewesen das Leben erschweren soll.

 

Bis heute ist nicht zufriedenstellend geklärt, ob das Wunschdenken beim Zusammenrühren dieses Gemischs, wonach das Corticoid gezielt die Entzündung an der Wurzelspitze vermindern und das Antibiotikum die Bakterien niederringen soll, tatsächlich so auch eintrifft. So gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die herausgefunden haben, dass nach einer einwöchigen Einlage von Ledermix im Wurzelkanal in etwa einem Drittel der Fälle Bakterien die Behandlung überleben (wie übrigens auch die Einlage von CaOH = Calciumhydroxyd). Bei der erhofften Wirkung des Corticoids auf die Schmerzen nach der Medimenteneinlage teilen sich die Studienergebnisse: es wird sowohl von weniger Schmerzen bei der Ledermix Verwendung, als auch von keiner besonderen Wirkung berichtet.

Deshalb muss die Frage wiederholt werden: Warum enthält Ledermix eigentlich ein Corticoid? Weil so viele Behandler dasselbe beobachten: Patienten erleiden unglaubliche Schmerzen anscheinend durch entzündete Wurzelspitzen, aber mit chirurgischen Methoden, wie Drainage von außen durch Entlastungsschnitte oder großzügiges Aufbohren der Wurzel, ist keine Abhilfe zu schaffen, weil gar kein Eiter vorhanden ist. Diese Erfahrung machen praktisch alle Zahnfacharbeiter irgendwann in ihrer Laufbahn und schließen daraus, dass es wohl an der akuten "Minientzündung" an der Wurzelspitze liegen müsse, wenn die Zahnschmerzen kaum zu bändigen sind. In dieser Situation ist es naheliegend, auf ein Wundermittel der Art Cortison plus Antibiotikum zu setzen. Und voila, so erklärt sich die Entstehung eines zweifelhaften Mittels vor 47 Jahren, das auch noch heute eine solche enorme Verbreitung hat.

 Weiß man allerdings, wie die WDR (Wide Dynamic Range) Neuronen des Nucleus Caudalis (unterer Kern) des Trigeminus im Hirnstamm mit den Inputs verdrahtet sind *) und wie leichte Änderungen der Erregung dieser Zellen sich im Schmerzerlebnis im Großhirn abbilden, dann wird die Rolle der Minientzündung an der Wurzelspitze eher zweifelhaft.

*) Die besagten WDR Neuronen erhalten direkte Signale von a) der Pulpa der Zähne **), b) Kieferknochen, c) Sensoren aus münzgroßen Hautarealen, d) Muskelsensoren der Kaumuskulatur, die bei hohen Belastungen ansprechen, e) Dura mater (Hirnhaut), f) Fasern des Nervus Vagus (Pulsinformationen) und melden je nach Stärke und Einstellung ihrer eigenen Hemmung (!) das Signalgemisch als Schmerz weiter. Bei zu niedrig eingestellter Hemmung reichen winzige Signale aus der Pulpa aus, um starke Schmerzen mit Pulssynchronisation zu empfinden.

**) Jede einzelne WDR Zelle erhält Signale von mehreren Zähnen aus beiden Kiefern der gleichen Seite. Das erklärt, warum Patienten relativ häufig Schmerzen im Oberkiefer empfinden, wenn ein unterer Zahn Schuld ist und umgekehrt.

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