2 Bisse des Tages und erfundener Behandlungsbedarf

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Bild 1

Unser Mann, Herr P., hier zählt 58 Lenze und sein Biss weicht seit seinem 15. Lebensjahr ganz erheblich vom Idealbiss der deutschen Zahnärzte  ab. Mir erklärt der Patient dazu, dass er seine Nahrung grundsätzlich nur rechts kaue, was auf den Folgebildern 2 und 3 absolut plausibel erscheint.

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 Bild 2

Nein, Sie sehen hier keine Täuschung, sondern wirklich Luft zwischen den Zähnen 15/16 und dem unteren 46. Ganz interessant daran ist die Größe des Abstandes: sie liegt zwischen 0,5 und 1,0 mm. Auf Bild 3 erhält man ein Gefühl für den Grund des Abstandes: hier sind Einflüsse am Werk, die viel mit Vererbung und wenig mit Okklusionskontakten zu tun haben.

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 Bild 3

Das Vollbild einer Nonokklusion (viel Luft) der linken Backenzahnreihe beim Patienten P.  läßt ahnen, dass hier möglicherweise eine angeborene Kiefer- bzw. Zahnfehlstellung vorliegt. Die normalerweise in den Kiefern steckende Kraft, die die Zähne dem Gegenzahn entgegen wachsen läßt, fehlt offenbar. Und wie immer in solchen Spezialbissfällen: Beschwerden im Bereich seiner Kiefergelenke kennt Herr P. bis heute nicht.

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 Bild 4

Wenige Stunden nach Herrn P. werde ich des Bisses von Frau S. (52) ansichtig. „Beissen Sie bitte auf die Backenzähne“ lautet meine Standardanweisung, um zu erreichen, dass die Patienten den Unterkiefer in eine retrale (rückwärtige) Position bringen.  Peinlicherweise war mir bis heute nicht klar, dass Frau S. in RKP (das ist die für Zahnärzte wichtigste Unterkieferposition) einen ringsum offenen Biss hat mit Ausnahme ihrer Weisheitszähne.

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 Bild 5

Hier berühren sich auf der rechten Seite nur die Weisheitszähne und im

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 Bild 6

ist es genau so, nur eben links. Also nochmal zu mitdenken:  von den 16 Zähnen eines Kiefers haben nur 2 Zähne in der rückwärtigen Position des Unterkiefers überhaupt einen Kaukontakt, nämlich je ein Weisheitszahn rechts und links.  Alle anderen schweben in der Luft. Nur beim Vorschieben des Unterkiefers kann die Patientin die unteren Schneidezähne mit den oberen in Kontakt bringen.

Auch für Frau S. (52) gilt das oben Gesagte: keine Schmerzen oder Beschwerden im Bereich der Kiefergelenke, auch nicht in der Vergangenheit.

 

Kontrastprogramm

Das Beste des heutigen Tags kommt von der Neupatientin Frau S. (54), angereist aus K. Ihre Geschichte geht in etwa so: Seit 25 Jahren befindet sich Frau S. (54) in der Behandlung einer Kollegin vor Ort. Vor etwa 2 Jahren diagnostiziert diese eine aggressiv verlaufende Parodontitis und veranlaßt eine entsprechende PA-Behandlung mit regelmäßiger professioneller Zahnreinigung danach, letztere endet aber merkwürdigerweise immer schon nach 20 Minuten. Vor einem halben Jahr muss Frau S. (54) zum Vertreter der Behandlerin, nennen wir ihn Dr. CMD., der als erste Maßnahme ein neues OPG (Rö-Aufnahme) anordnet und daraufhin die Diagnose „aggressive Parodontitis“ rundweg abstreitet. Aber der Zahnarztvertreter hat ein eigenes Steckenpferd: CMD. „Sie haben doch bestimmt Schmerzen im Rücken, Nacken oder Schultern?“ Die Patientin antwortet mit ja, denn sie leidet seit mindestens 5 Jahren unter ärztlich festgestelltem Rheuma, welches wegen der Schwere bereits mit Cortison behandelt werden mußte. Dann stellt der Zahnarzt auch noch Knirschen/Pressen fest sany0051.jpg . Auf dem Bild 7 läßt sich erahnen, dass die Kaufläche des hinteren Zahns so nicht vom Zahntechniker gestaltet wurde, sondern vom Gegenzahn kalt hinein geformt = gepresst wurde. Und mit dieser „Datengrundlage“ verkauft der Mann unserer Neupatientin eine Vermessung der Kiefer, also die berüchtige Funktionsanalyse und die Anfertigung einer Schiene.

Wohlgemerkt: Frau S. (54) hat weder über Schmerzen in ihrem Kiefergelenk geklagt, noch können dort Befunde, wie Bewegungseinschränkungen oder Geräusche erhoben werden.  Und warum funktionsanalysiert und schient Dr. CMD ausgerechnet in diese Situation hinein? Auf den unbegründeten Verdacht hin, die starken Schmerzen in der rechten Schulter *) durch eine Änderung der Okklusionskontakte und besonders des zu langen 27 zu verbessern. So lautet jedenfalls die offizielle Begründung laut Dr. CMD. Das Ergebnis der Bemühungen stellt sich nach etlichen Monaten so dar: die Schulterschmerzen haben sich nicht verändert, dafür trocknet die Schiene, die übrigens 24 Stunden rund um die Uhr getragen werden soll, den Mund subjektiv so aus, dass die Patientin inzwischen darauf verzichtet. Außerdem stimmt der Biss nach der Herausnahme der Schiene ganz und gar nicht zusammen, was auch mit dem durchgeführten Einschleifen der Zähne zusammenhängen könnte. 

Und nun der Clou

Ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) messe heute die Taschentiefen im Mund nach. Welche Überraschung: mit Ausnahme eines Zahnes gibt es praktisch keinen weiteren Zahn mit einer Taschentiefe von mehr als 3 Millimeter. Auch sind die Zahnzwischenräume noch gut mit festen Zahnfleisch ausgefüllt. Daraus folgt, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit nie eine aggressive Parodontitis vorgelegen hat. Und ausgerechnet Zahn 27 soll laut Dr. CMD mit schuld sein an Schulterschmerzen, die sich aber merkwürdigerweise nicht in den Kiefergelenken zeigen. Ich habe Frau S. (54) dann erklärt, was mittelfristig mit diesem Zahn 27 und seiner 8 Millimeter Tasche geschehen sollte: dieser gehört schlicht und einfach gezogen, weil der dreiwurzlige Molar bei einer Entzündung in der Trifurkation erfahrungsgemäß therapieresistent ist. Daraufhin erfahre ich, dass Dr. CMD eine Gesamtplanung für die „Rehabilitierung“ des Mundes vorgelegt habe im Wert eines Mittelklassewagens unter Einbezug des sagenhaften 27.

 

Bravo

Frau S. verfügt über ca. 9 Kronen, 1 Brückenglied und 2 bedingt herausnehmbare Ersatzzähne. Alle anderen Beisser sind im Originalzustand. Sie hat und hatte KEINE Schmerzen, weder an den Zähnen, noch im Kiefer, noch der Muskulatur. Als notwendigen Behandlungsbedarf ermittele ich heute 1 Zahnhalskaries unter einer Krone und die angesprochen 8 mm tiefe Tasche 27 (links oben hinten). Die Patientin benötigt also meiner unmaßgeblichen Meinung nach nur eine neue Krone und die gutmütige Beobachtung und gegebenenfalls Extraktion des angezählten Zahns 27. Was Dr. CMD vorhatte, weiß ich nicht genau, kann es mir aber gut vorstellen. Mit der Universalbegründung, der Biss wäre sanierungsbedürftig kann man in Deutschland auch im Jahr 2009 immer noch Gutachter weichklopfen, Behandlungspläne zu unterschreiben, die das Massakrieren aller Zähne im Mund vorsehen.

Wie windelweich aber die Begründung „sanierungsbedürftiger Biss“ tatsächlich ist, zeigt das Beispiel unserer Neupatientin. An den Haaren herbeigezogen und aus den Fingern gesaugt ist das, was mein Vorgänger hier abgeliefert hat. Frau S. benötigt die Funktionsanalyse so notwendig wie Kopfschmerzen und die Schiene gleich dazu. Wann endlich setzt sich in Deutschland die Vernunft durch? Die Vernunft, die sagt, dass wenn so viele „Spezialbiss“ Patienten beschwerdefrei 100 Jahre alt werden, es wohl kaum sein kann, dass der Biss sooo wahnsinnig wichtig ist.

Fazit

Behandlungsbedarf erfinden kann nicht nur Dr. CMD, das können auch Behandler, die die Parodontitis als Spielwiese entdecken. Manchmal frage ich mich als Zahnbohrfachmensch an solchen Stellen aber, was soll das? Ist Umsatz wirklich die zielführende Größe über alles? 

 

*) Hätte Dr. CMD den Wikipedia Artikel über rheumatoide Arthritis gelesen und sich das Konzept VAS (= visuelle  Analog Schmerzskala) angeschaut, würde er die kühne Behauptung, man könne als Mundmechaniker den Rücken, die Schulter oder das Becken auch nur verbessern, geschweige denn „heilen“, kaum in den Mund genommen haben. Gerade bei Rheuma wissen wir heute – im Gegensatz zu den Vermutungen vieler Zahnmediziner – schon so viel über die Entstehung und die Behandlung der Erkrankung, dass Voodoo (Zahn)Medizin nicht mehr gefragt ist.

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