Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe

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Lesen Sie dazu auch die Artikel   Vier Kunststoff Füllungen ergeben drei tote Zähne  und   Glas Ionomer Zement kann ein Kunststück   und  Trigeminale Neuropathische Schmerzen machen Ausdünnungen im Hirn

 

Der folgende Fall hat sich wirklich so zugetragen

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 Bild 1

Diese Aufnahme stammt nicht von der Patientin, um die es hier geht, sondern soll illustrieren, aufgrund welcher  Argumente die Behandlerin von Frau V. (30) eine „Amalgamsanierung“ durchführte. Schauen Sie dazu in das Bild 4 obere Zahnreihe zweiter Zahn von rechts (Zahn 26). Dort befindet sich noch eine der ursprünglichen Amalgamfüllungen. Vom Eindruck im Röntgenbild her dürfte sie ziemlich ähnlich zu der hier abgebildeten, etwa 15 Jahre alten Metallfüllung sein. Viele „Amalgamsanierer“ verkaufen die kleinen Randdefekte solcher gealterten Amalgamfüllungen als Sekundärkaries, was aber definitiv nicht zutrifft. Wenn die hier abgebildete Füllung nicht durch Bruch verloren geht, kann sie durchaus weitere 15 Jahre überdauern.

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 Bild 2

Alle 12 Frontzähne und dazu alle 8 Prämolaren (kleine Backenzähne) zeigen keine Karies oder Füllung, befinden sich also noch im Originalzustand. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass das Kariesrisiko von Frau V. (30) sehr niedrig liegen muss. Die Bilder 3 und 4 scheinen das Gegenteil zu beweisen.

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 Bild 3

 Zahn 46 (untere Reihe Zweiter von links) trägt eine provisorische Abdeckung nach dem Aufbohren des Zahnnervs, Zahn 47 wurde zwei mal wurzelbehandelt: zuerst von der Hauszahnärztin, wegen fortgesetzter Schmerzen dann noch mal – mit genau so wenig Erfolg – vom Endodontologen. 

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 Bild 4

Bild 4 ist das Schlüsselbild zum Verstehen der Gesamtlage. Zunächst fällt auf, dass sowohl der letzte Zahn im Oberkiefer (27), also auch im Unterkiefer (37) wurzelgefüllt und dazu Zahn 36 extrahiert (gezogen) wurde. 3 Backenzähne erhielten also die Maximalbehandlung und alle anderen Zähne auf dieser Seite befinden sich praktisch im jungfräulichen Zustand, mithin eine abartige – wenig verständliche – Situation.

  Wie kam es dazu?

Frau V. (30) reist im Dezember 2009 eigens von Berlin nach Leverkusen zum Internet Phantomschmerz Zahnarzt Joachim Wagner an, weil sie an sich selbst und ihren zahnmedizinischen Behandlern zweifelt. Alles begann im Januar 2009 mit einer Füllungserneuerung des Zahns 37, die Behandlerin will damals „Karies unter der Amalgamfüllung 37“ festgestellt haben. Die starken Schmerzen nach der Füllung mit Kunststoff 37 beantwortete die Zahnärztin mit einer Wurzelbehandlung 37, was die Schmerzen kurzfristig leicht besserte, aber starke Aufbiss- und Wärmeempfindlichkeit hinterließ. 

Darauf erfogte die Verdachtsdiagnose „Karies unter Amalgamfüllung 36“,  nach Aufbohren desselben bestätigte sich der Verdacht jedoch nicht und der Zahn wurde mit Cavit provisorisch geschlossen. Beim endgültigen Füllen im April mit Kunststoff stellte sich sofort ein unerträglicher Schmerz am 36 ein, auch hier griff man zur Wurzelbehandlung mit mäßigem Erfolg. Mit dem starken Schmerz auf der linken Seite entstand im März /April 2009 aus unerfindlichen Gründen ein identischer Schmerz rechts, was die behandelnde Zahnärztin zur Verdachtsdiagnose „Karies unter den Amalgamfüllungen 46 und 47“ brachte und zum weiteren Bohren. Und wieder: keine Karies, darum Cavit Versorgung, keine Schmerzbesserung, darum Wurzelbehandlung 47 (Mai 2009) und Abfüllen der offenen Wurzelkanäle 36,37 und 47.

Wegen weiter anhaltender starker Schmerzen zog die Patientin einen Endodontologen hinzu, der alle Wurzelbehandlungen im Mai 2009 revidierte (wiederholte), dabei im 36 ein Instrument abbrach, weshalb dort zur Extraktion geraten wurde. Nach der Extraktion kam es laut Patientin zur „Wundheilungsstörung“ 36, die wiederum 3 mal chirurgisch angegangen wurde.*) Die extrem starken Schmerzen (es ist von VAS = 8 von 10 die Rede) der „Wundheilungsstörung“ hielten an von Juli bis September! Leider verursachte die Leitungsanästhesie (Spritze) eine der chirurgischen Wundrevisionen auch noch eine Verletzung des Nervus lingualis mit linkseitigen Taubheitsgefühl der Zunge, das bis heute (Dezember 2009) anhält.

  Im Juli 2009 erhielt Zahn 46 eine Kunststoff Füllung mit exakt dem gleichen Ergebnis wie am 36: furchtbare Schmerzen unmittelbar anschließend, so dass auch hier zur Wurzelbehandlung gegriffen wurde. Interessanterweise ließen sich die zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder wurzelgefüllten Zähne 37 und 47 nicht durch Calxyl (CaOH) oder Ledermix Einlagen beruhigen, sondern nur durch eine Jodoform Einlage. Anschließend konnte die Wurzelfüllung vom Endodontologen in 37 und 47 eingebracht werden.

Aktuell besteht für Frau V. das Problem, dass a) ihre diversen zahnmedizinischen Behandler ihr kaum noch Glauben schenken, was die Intensität ihrer Schmerzen und die Reaktion ihrer Zähne speziell auf Kunststoff angeht und b) es in Berlin offensichtlich schwierig ist, einen Behandler aufzutreiben, der mit unorthodoxen Desinfektionsmitteln wie CHKM und Jodoform die Vorbereitung der Wurzelbehandlung am 46 vornehmen will. 

Die Schmerzbehandlung

Die Spitzenwerte der Schmerzattacken liegen auch heute noch bei VAS = 8 von 10 und sind akut mit Ibuprofen und Tramadol beeinflussbar. Der aufgesuchte Schmerztherapeut verschreibt seit September eine Monotherapie mit Lyrica (Pregabalin) in einer Dosierung von 200mg pro Tag, die offenbar einen gewissen Effekt hat. 

 

Das sagt der Neuropathie Diagnostiker

Im Nachhinein lassen sich einige Aussagen machen hinsichtlich der strategischen Fehler, die auf das Konto „Unwissenheit“ des zahnmedizinischen Personals gehen.

  • „Sekundärkaries unter einer Amalgamfüllung“ kommt nachweislich (wissenschaftliche Literatur) weitaus seltener vor als solche unter Kunststoff. Häufig genug handelt es sich bei dieser Diagnose nur um eine unzutreffende Behauptung, um vor sich und dem Patienten das Herausbohren des bewährten Materials zu rechtfertigen. Sie auch hier Respekt vor Amalgamfüllungen bitte
  • Gibt es Anzeichen für übermäßige Schmerzen und keine handfesten Beweise für eine Pulpitis / Ostitis , sollte spätestens nach dem 2. paradox reagierenden Zahn die Bohrarbeit ein- und stattdessen Überlegungen medizinischer Art angestellt werden.
  •  Wandert ein ungeklärter starker Schmerz im Laufe von Wochen / Monaten auch noch auf die Gegenseite des Schädels, muß direkt die Alarmstufe rot, dass hier neurologische Ereignisse geschehen, ausgegeben werden.
  • Reagiert eine Patientin beim Füllen eines Zahns mit Kunststoff derart  krass mit starken Schmerzen, dann ist es notwendig a) den Kunststoff sofort wieder zu entfernen und ein Dentin schonenderes Material wie GIZ oder Amalgam in den Zahn zu bringen und b) den gleichen Fehler nicht auch noch 2 mal zu wiederholen.
  • Betrachtet man aufmerksam das Bild 4, fällt der Zahn 27 ins Auge. Wie kam es dort zu einer Wurzelbehandlung, muss doch angesichts des fast kariesfreien Gebisses gefragt werden. Und tut man dies, dann berichtet die Patientin eine fast identische Geschichte vor einigen Jahren am Zahn 27 mit starken Schmerzen nach „einfachem Füllungswechsel“, welche auch dort in eine Wurzelbehandlung mündeten.

 

Das zur Abteilung Fehlervermeidung. Von mir erhält Frau V. folgende Informationen mit auf den Nachhauseweg:

  1. Frau V. leidet ganz eindeutig (!) unter einer Neuropathie ihrer beiden Trigeminus Kopfnerven rechts und links hauptsächlich im jeweils 3. Ast, aber auch 2. (Zahn 27). Das muss bei jedem zahnärztlichen Eingriff gut bedacht werden. 
  2. Aufgrund der immer noch vorhandenen starken Schmerzen würde ich zusätzlich zum Lyrica auch noch Amitriptylin als antineuropathische Dauermedikation hinzunehmen, zunächst in der Dosierung von 10mg pro Tag, evtl. langsam bis auf 30 mg/d steigend.
  3. Kunststoff darf Frau V. auf keinen Fall mehr auf das nackte Dentin ihrer Backenzähnen „kleben“ lassen, denn die dabei immer auftretenden kleinen Spalträume sorgen im Zusammenhang mit ihrer Hyperästhesie des Trigeminus für unbeherrschbare Zahnschmerzen. Damit entfallen auch Keramik Inlays, die mit Kunststoff auf nacktes Dentin befestigt werden. 
  4. Überhaupt sollten zahnmedizinische Bohrarbeiten doppelt und dreifach auf ihre tatsächliche Notwendigkeit geprüft werden, denn das Risiko mit einer „einfachen Füllung“ eine Schmerzlawine ungeahnten Ausmaßes auszulösen, liegt sehr hoch. Im Zweifelsfall ist eine abwartende beobachtende Haltung vorzuziehen.
  5. Ganz allgemein gilt: lassen sich die akuten (Zahn)Schmerzen mit Novalgin – einem unserer stärksten Analgetika – nicht wirksam unterdrücken, ist bis zum Beweis des Gegenteils von einer Verursachung der Schmerzen durch Schäden am Trigeminus auszugehen.
  6. Konkret zum 46: der bisher nicht wurzelgefüllte aber schmerzende Zahn sollte mit zuverlässigen Mitteln (Klartext: kein CaOH sondern CHKM, Jodoform etc.) desinfiziert werden und das über eine ausreichende Zeit von mindestens 3 mal 2 Wochen. Danach muss der Behandler – völlig unabhängig von der aktuellen Schmerzlage – eine dichte Wurzelfüllung anfertigen. Dabei auftretende Schmerzen sollten in diesem Fall mit Tramadol + Diclofenac notfalls auch Tilidin abgefangen werden.

*) Laut Patientin soll es sich um eine „Alveolitis sicca“ gehandelt haben.  Der Aufsatz Warum „trockene Alveole“ nicht stimmt und  die Literaturrecherche Wissen wir eigentlich, was eine „trockene Alveole“ ist?  zeigen, dass Neuropathien und „Wundheilungsstörungen“ zu oft gleichzeitig auftreten, als dass da kein Zusammenhang bestehen könnte.

6 Replies to “Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe”

  1. RE: Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe
    Wäre ich durch Zufall nicht auf die Seite von Dr. Wagner gestoßen, hätte ich wahrscheinlich gar keine Zähne mehr. Über ein Jahr war ich fast wöchentlich beim Arzt vom Zahnarzt(3 verschiedene)über zwei Neurologen,HNO-Arzt,Orthopäde usw.
    Zuletzt habe ich schon fast selbst an mir gezweifelt.Durch einen vollkommen identischen Fall auf der Seite von Dr. Wagner bin ich auf die Diagnose Neuropathie des Trigeminus gestoßen. Ich war also kein Einzelfall.Ich versthe bloß nicht, warum keiner von den Ärzten auf diese Diagnose gekommen ist.Ich habe mir Lyrica und Amytriptilin verschreiben lassen und es wurde bedeutend besser. Manchmal kommt so ein gewisser „Schmerz“ noch durch, aber damit kann ich leben. Schade dass sich viele Ärzte nicht die Mühe machen und mal recherchieren.Dann wäre mir und anderen viel erspart geblieben.Vielen Dank Dr. Wagner

  2. RE: Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe
    Hallo Heller,

    Ich hatte Jahrelang die gleichen Symptome und Probleme, nach dem ich mir vor 1 1/2 Jahren meine 2 Amalgamfüllungen entfernen ließ und mit einer Ausleitung begonnen habe sind auch meine Schmerzen weg ohne Medikamente, die ja auch nicht ohne sind.

  3. RE: Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe
    Vielen herzlichen Dank, Heller, für Ihre qualifizierte Fallbeschreibung und Ihren Hinweis auf die fehlende Hilfe in diesen speziellen Fällen durch die Kollegen. Da ist in der Tat Änderung notwendig. Viele Grüße Joachim Wagner

  4. RE: Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe
    Von neuropathischen Schmerzen haben Sie Melanie offensichtlich keine Ahnung, denn Menschen mit solchen harten Dauerschmerzen ist die Amalgamdebatte einfach nur sche..egal. Auch wenn Sie sich das nicht vorstellen können: es gibt Wichtigeres im Leben als 24 Stunden / 7 Tage die Woche auf der Lauer zu liegen und den Mitmenschen mit Verfolgungswahnideen über „Schwermetalle“ auf den Sack zu gehen.

    Wenn nun ausgerechnet Sie schreiben: „Hallo Heller, Ich hatte Jahrelang die gleichen Symptome und Probleme …´“ dann ist das wie der Elefant im Porzellanladen, oder der Bock als Gärtner etc …
    V.G. Joachim Wagner

  5. RE: Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe
    [quote name=“Joachim Wagner“]Von neuropathischen Schmerzen haben Sie Melanie offensichtlich keine Ahnung, denn Menschen mit solchen harten Dauerschmerzen ist die Amalgamdebatte einfach nur sche..egal. Auch wenn Sie sich das nicht vorstellen können: es gibt Wichtigeres im Leben als 24 Stunden / 7 Tage die Woche auf der Lauer zu liegen und den Mitmenschen mit Verfolgungswahnideen über „Schwermetalle“ auf den Sack zu gehen.

    Wenn nun ausgerechnet Sie schreiben: „Hallo Heller, Ich hatte Jahrelang die gleichen Symptome und Probleme …´“ dann ist das wie der Elefant im Porzellanladen, oder der Bock als Gärtner etc …
    V.G. Joachim Wagner[/quote]

    Ich habe eine jahrelange Leidensgeschichte hinter mir und kann hier sehr gut mitreden, bin auch von Pontius zu Poletius gelaufen.
    Deshalb finde ich Herr Wagner manche Beiträge von Ihnen milde gesagt fern der Realität.

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