Knirscher der Woche 3 mit Kieferhöhlenschmerzen

Lesen Sie auch die Artikel Totalprothese und Knirschen Teil 4  und Der Knirscher und die Teilprothese

 

 

Bild 1

Herr Viktor H. (40) gehört eigentlich nicht in meinen Sprengel, sondern den des Kollegen A. Während der Urlaubsvertretung für Zahnarzt A. im Sommer 2009 erschien der Patient mit unklaren Schmerzen im rechten Oberkiefer/Kieferhöhle. Dieser äußert sich durch eine Klopfempfindlichkeit vieler Zähne rechts oben. Die Zähne selbst sehen unauffällig, wenn auch von der Zahnbürste wenig berührt, aus.

Biss rechts

Bild 2

4 Wochen später erscheint der Patient noch einmal, diesmal erwischt er meine angestellte Zahnärztin, die zum Röntgenbild greift und die Notwendigkeit einer okklusalen Füllung am 15 (rechts oben 5. Zahn) diagnostiziert. 

Biss  links

Bild 3

Bild 3 demonstriert auch für den zahnmedizinischen Laien, dass unser Patient mit einer beachtlichen Stärke auf seinen Zähnen knirschen muss, denn anders sind die Substanzverluste der unteren Eckzähne nicht zu begreifen. Auf der Skala 0 bis 4, wobei 4 für ein völlig aus der Kontrolle geratenes Knirschen stehen soll, dem bereits mehrere eigene Zähne zum Opfer gefallen sind, würde ich die Bewertung 3 von 4 vergeben.

abgebissener Unterkiefer

 

Anfang Februar 2010 sitzt Herr H. wieder auf meinem Behandlungsstuhl mit einer ähnlichen Schmerzsymptomatik. Im Unterschied zur Urlaubsvertretung nehme ich mir nun etwas Zeit, um die wahrscheinliche Schmerzquelle einzugrenzen. Herr H. berichtet spontan, dass er sich in neurologischer Behandlung befindet und unter der Dauermedikation mit dem Neuroleptikum (Mittel zur Behandlung von Schizophrenie, Psychose) Amisulprid steht.

Zum Schmerz: Zum Druck + Schmerz im Oberkiefer bzw. der Kieferhöhle kommt ein taubes Gefühl. Manchmal auch in der Nacht. Die Einnahme einer Diclofenac 100 mindert den Schmerz. Dazu gesellen sich Dauerkopfschmerzen (!) im Stirn- und Nackenbereich in der Stärke von etwa 5 von 10. In den letzten Wochen kamen die Zahnschmerzen im Bereich 14 bis 18 dazu, auch in der Stärke von etwas 5 von 10.

Befund: keine Karies, Klopfprobe: alle Zähne 14 bis 18 gleichmäßig unempfindlich, Kälteprobe: 14 bis 18 alle lebendig, dabei 18 etwas empfindlicher. Knirschspuren, hauptsächlich UK Front.

VerdachtsDiagnose: Cephalgie unbekannter Ursache mit Hauptsymptom Kopfschmerz und chronischer Irritation (Neuropathie) des 2. Astes des Trigeminus rechts.

Verordnete Therapie: Gabapentin 100mg pro Tag aufdosieren bis 1000mg pro Tag. Versuchsweise dazu eine Knirscherschiene. Bei Nichtwirkung Rücksprache mit Neurologen zur Verordnung weiterer einschlägiger Antidepressiva und Antiepileptika wie Amitriptylin, Duloxetin, Milnacipran …

 

Warum ich nicht glaube,

dass eine so genannte Funktionsanalyse und -behandlung unserem Herrn H. weiterhilft:

  1. Herr V.H. (40) gehört der Klasse 2 der Menschen unserer Republik an, erhält also eine kleine Unterstützung des Staates zu seinem Lebensunterhalt, verfügt aber über keinen Arbeitsplatz. Seine Resourcen für eine Privatbehandlung welcher Art auch immer, sind äußerst begrenzt.
  2. Zwischen seiner Diagnose Schizophrenie, für die Herr H. die starken  Nebenwirkungen des Mittels Amisulprid in Kauf nimmt, und den Dauerkopfschmerzen gibt es biologische Beziehungen. Das eine ist nicht unabhängig vom anderen. Als Zahnmediziner nun zu glauben, dass derart beeinträchtigende chronische Leiden mit reinen Handwerkermitteln auch nur verbessert werden könnten, ist vermessen.
  3. Herr H. knirscht nachweislich. Und dieser Fall hier gibt scheinbar denen recht, die behaupten, dass Knirschen und Schmerzen im Kopf zusammen hängen. Dazu ist zu sagen, dass a) ein Einzelfall gar nichts beweist und b) systematisches Nachzählen bei Knirschern immer eins herausfindet: Knirscher/innen sind bei Schmerzen im Kopf, Gesicht und Kiefergelenk prozentual nicht häufiger betroffen als Nichtknirscher.

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