Knirscher vom Dienst

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Bild 1

Mein Patient, Herr Jan F. (52), erscheint heute mit dem rechten Arm in der Schlaufe. Es stellt sich heraus, dass sein Orthopäde im Februar dieses Jahres offenbar die Nerven verloren und die rechte Schulter des Patienten doch operativ angefaßt hat. Seine Arbeitsdiagnose soll gelautet haben „Sehnenverschleiß“. Intraoperativ wurden dann aber 2 Titanschrauben verbaut, was die vermutete Diagnose eher in Frage stellt. Schaue ich mir als langjähriger zahnärztlicher Behandler die einschlägige Schmerzkarriere von Herrn F. an, bin ich auch fast sicher, dass die 2 verbauten Titanschrauben eher nicht das Ende der Schulterschmerzen einläuten werden.

Kontaktflächen

Bild 2

In Bild 1 zeichnen sich die Aufbeißflächen (nicht Punkte) der Schneidezähne 12 und 11 auf die untere Front in blauer Lebensmittelfarbe ab. Gut zu erkennen sind die eingearbeiteten Spuren der Gegenzähne in die Keramik, besonders im Zahn 11, welcher im Bild 1 rechts von 12 zu sehen ist.

Biss rechts

Bild 3

„Chipping“. Das englische Wort beschreibt sehr anschaulich den Vorgang beim Überbelasten von Keramikverblendungen durch Knirschen/Pressen. Wenn Sie die Kronen in Bild 2 aufmerksam betrachten, werden Sie feststellen, das mit Ausnahme des Metallzahns jede einzelne Keramikverblendung eine abgeplatzte Stelle/Ecke aufweist, also ge“chipt“ ist. Und der Metallzahn, welcher jetzt gerade 2 Jahre alt ist und aus der ultraharten Palladium Basislegierung besteht, hat seine tischebene Kaufläche auch nicht so vom Zahntechniker erhalten, sondern wurde vom Gegenzahn  geformt. Der Knirscher verformt das Metall kalt.

Aufbiss rechts unten

Bild 4

Den Zahn in der Mitte von Bild 4 können Sie noch einmal in Bild 5 als den am weitesten links stehenden Zahn im Oberkiefer bewundern. Auch hier zerbricht die Kraft der Kaumuskulatur die Keramik in kleine „Chips“.

LInks oben

Bild 5

Die langsame Zerstörung der Kronen, zumindest ihrer Verblendungen, könnte man dieses Bild nennen. Der Knirscher bekommt alles klein; es ist nur eine Frage der Zeit. Die häßlichen silberfarbenen Metallkronen verdanken ihre Existenz der Einsicht des Patienten, dass es in seinem Mund nicht möglich ist, keramikverblendete Kronen über länger als 5 Jahre funktionstüchtig und ansehnlich zu erhalten.

 

Biss links

Bild 6

Die unteren Schneidezahn wurden ursprünglich mit einer zahntechnisch ordentlichen Schneidekante einzementiert. Im Laufe der letzten 6 Jahre hat es unser Patient verstanden, auch diesen Teil der Keramik herunterzuknirschen, so dass nun Kauflächen auf den kleinen Schneidezähnen des Unterkiefers entstanden sind.

unten links

 

Schmerzen

Der Patient sucht mich, ebenso wie den Orthopäden, mit schöner Regelmäßigkeit auf, weil er unter Schmerzen leidet. Oft handelt es sich um verifizierbare (nachvollziehbare) „normale“ Zahnschmerzen, weil Herr F. nicht nur knirscht, dass die Heide wackelt, sondern dazu auch noch ein beachtliches Kariesrisiko trägt. Aber etwa die Hälfte der Schmerzbesuche enden mit einem großen Fragezeichen, soll heißen, dass  trotz viel Diagnostik incl. Röntgeneinzelbilder keine belastbare Diagnose gestellt werden kann.

Alle zahnmedizinischen Vorbehandler bis zu mir waren bis etwa 1995 zugange und alle in Polen tätig. Aus dieser Zeit fehlen Herrn F. insgesamt 12 Seitenzähne, was 1. dafür spricht, dass die dortigen Kollegen gerne kurzen Prozess machen und 2. unser Patient auch schon vor 1995 zu oft zum Zahnarzt ging.

Herr F. stellt einen etwas untypischen Fall von Knirscher dar. Zwar muss seine Knirschheftigkeit durchaus im höchsten Bereich angesiedelt werden, also die Klasse 4 von 4. Er unterscheidet sich aber vom typischen Hardcore Knirscher darin, dass er dazu noch verdächtig viele Schmerzattacken erlebt, die ihn in die Praxen von Zahnarzt, Orthopäde und HNO treiben. Aber auch Herr F. bestätigt mitnichten einen Zusammenhang zwischen TMD (in Deutschland = CMD) und Knirschen. Seine Schmerzen erlebt er vorzugsweise als Überempfindlichkeit von einzelnen Zähnen, z.B. 37, 24,44, dann als Quasi Phantomschmerz im Bereich der fehlenden Zähne 15,16,17 oder der rechten Schulter. Jedoch war nie eine Schmerzhaftigkeit der Kiefergelenke mit im Spiel.

 

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