Unter Gold bitte keinen Kunststoff!

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Bild 1

Es sieht aus wie eine schöne dicke Karies, das Dunkle in der Bildmitte unter dem weißen Metallschatten. Das Metall ist ein Inlay aus einer Goldlegierung und der so versorgte Zahn 46 wurde vor langer Zeit wurzelbehandelt.

Seit Jahren liegt mir Herr L. (45) in den Ohren, ich möge mich doch bitte um den schlechten Geschmack zwischen 46 und 47 kümmern, das jetzt erstellte Röntgenbild zeigt aber zum ersten mal diesen scheinbaren Defekt, der sich eigenartigerweise mit der Hakensonde nicht bestätigen läßt.

Inlay von unten

Bild 2

Das abgenomme Inlay (dabei auch zerstört) zeigt an der distalen Stufe keine großen Auffälligkeiten, insbesondere ist noch Zement in der Stufe vorhanden, was angesichts des Röntgenbildes nicht logisch erscheint.

distale Stufe mit PLastik

Bild 3

Der Blick auf die distale Stufe offenbart, warum einerseits im Röntgenbild unter dem Metall eine röntgenstrahldurchlässige „Karies“ erscheint, diese andererseits nicht zu tasten ist: tatsächlich befindet sich dort Kunststoff. Der Vorbehandler hat also unter dem Zahnfleischniveau einen Kunststoff Aufbau in diesen Zahn gedengelt (geklebt oder nicht geklebt ist mittelfristig im Effekt gleich), hat seinen Inlaykasten dorthinein gefräst und es dabei bewenden lassen.

Plastikstück

Bild 4

Ohne allzu große Kraftanstrengung konnte ich das Plastikstück zwischen den Zähnen absprengen, was nahelegt, dass die Klebekraft zwischen Plastik und Wurzeldentin ziemlich genau bei 0 Megapascal (MPa) gelegen haben dürfte. Beachten Sie bitte die rötliche scharfkantige Bucht nach rechts oben.

Distal ohne Plastik

Bild 5

So tief lag der Defekt bevor Kunststoff in den Zahn gegeben wurde. Wie auch im Bild 3 erkennbar, lag das herausgefallene Kunststoff Stück mit der Einbuchtung am scharfkantig begrenzenten weißen Zement an. Das wiederum beweist, dass die Kunststoff Füllung mit Sicherheit älter ist als die Zementfüllung, weil kein Zahnarzt dieser Welt in der Lage ist, ohne Diamantschleifer in der Hand solche Formen in eine Füllung zu bringen. Und das geschah anläßlich der Wurzelbehandlung des Zahns. Dabei wurde eine tiefliegende Kunststoff Füllung in Richtung Pulpa durchbohrt und später mit Zement zugedeckt.

Der Fall ist aus 2 Gründen interessant

1. Hier liegt ein weiterer Mosaikstein für meine These vor, dass Kunststoff als Füllungsmaterial unterhalb des Zahnfleischniveaus nichts taugt. Gerade erst hatte ich wieder ein Fotoserie eines Oberarztes einer Münchner Universitätsklinik in der Hand, der in der Diskussion allen Ernstes behauptet, dass in der Literatur die Langzeitergebnisse von Komposite und Amalgam im Seitenzahngebiet vergleichbar wären. Vermutlich denkt er dabei an die Ergebnisse des eigenen Hauses (Hickel et al.), die mit Langzeit einen Zeithorizont von 2 bis 3 Jahren meinen. Im hier abgebildeten Fall ist die tiefliegende KOmposite Füllung eindeutig am Untergang des Zahnnerven beteiligt.

2. Wie oben erwähnt, bemerkte unser Patient, Herr L., bereits vor lockeren 5 Jahren einen üblen „fauligen“ Geschmack im Zahnzwischenraum von 46 zu 47. Allerdings gelang es mir bis zum Ende 2009 nicht, per Röntgenbild oder Hakensonde eine eindeutige Öffnung im Zahnzwischenraum zwischen der Gold Teilkrone 46 und Vollkrone 47 nachzuweisen. Den Grund dafür kennen wir inzwischen: Die Hakensonde setzte immer auf den Kunststoff auf und das Röntgenbild wurde vorher immer im etwas falschen Winkel angefertigt, so dass die Kunststoff Füllung unter dem Metall gerade im Metallschatten zu liegen kam. Was beweist der Geschmack? Die Geschmacks- und/oder Riechnerven sind in der Lage, Fäulnisbakterien aus dem Spalt zwischen Kunststoff und Dentin zu ermitteln. Und obwohl die Bakterien im Spalt über Jahre Gerüche erzeugt haben, hat es trotzdem nicht dafür gereicht, weiteren Kariesschaden Richtung Wurzel anzurichten. Besonders diese Tatsache sollte den Kunststoff Verteidigern zu Denken geben, weil ein Nichtvorhandensein von Karies bei Kunststoff eben nicht beweist, dass  eine dichte Klebeverbindung vorhanden wäre. Hier war es definitiv nicht der Fall.

 

Weiterbehandlung

Herr L. erhält an dieser Stelle des Zahns nun eine Aufbaufüllung aus Glas Ionomer Zement, die bekanntlich ohne Kleber dicht wird und dicht bleibt. Diese Aufbaufüllung verläuft zum Rand rampenförmig bis auf eine Höhe 0 mm und die Präparation der neuen Teilkrone wird im Sinne eines Scheibenschliffes 2 mm tiefer*) in das Zahnfleisch versenkt. Damit ist der Rand ganz sicher dicht.

 

*) Für die mitlesenden Kollegen/innen: Machen Sie sich keine Sorgen über die so genannte biologische Breite, ich praktiziere dieses Vorgehen seit mindestens 10 Jahren und es gab bisher keine (!) ernste Komplikation.

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