Kollege „Goldfüllungen fallen raus“

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Bild 1

So stellt sich der Blick auf den Zahn 16 (linker von beiden) dar. Eine Kunststoff Füllung der Marke „Nichts genaues weiß man nicht“ lauert im Zahn. Die von mir bevorzugte Hakensonde bricht immerhin an keiner Stelle des Randes ein, auch nicht da, wo alle jetzt hinschauen.

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Bild 2

Der Neupatient, Herr S.B. (34) teilt mir zu diesen beiden Prämolaren (= kleine Backenzähne) links oben mit, dass einer meiner „Lieblingskollegen“ dort unlängst – er sprach von vor 6 Monaten – 2 frische Keramik Inlays zum Stückpreis von Euro 400 verlegt habe.

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Bild 3

Ausschnitt aus Bild 2. In der Originalauflösung des Fotos überkommt den Betrachter der dringende Wunsch, mit Spachtelmasse und Fugeisen (Stuckateurbedarf) den Graben zwischen Zahn und Porzellanscherbe zu verfugen.

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Bild 4

Zu diesen beiden Zähnen, meint unser Patient, habe der Vorbehandler wohl auch gesagt, dass hier etwas „gemacht“ werden müsse. Was sage ich dazu? Ja, nein, vielleicht?

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Bild 5

Sie sehen das zu Bild 4 gehörende Röntgenbild. Der mittlere Zahn im Röntgenbild ist der 36, welcher auch die Hauptfläche des Bildes 4 ziert. Ich verrate an dieser Stelle schon mal so viel: einer dieser Zähne möchte seine Kunststoff Beklebung lieber heute als morgen los werden, weil er sich schon sehr unwohl darunter fühlt, aber welcher?

 

Als Titel des Artikels wählte ich „Kollege ‚Goldfüllungen fallen raus'“, weil der titelgebende Kollege meinem frischen Kunden allen Ernstes den Bären aufgebunden hat, Goldfüllungen – also die berühmten Inlays und Onlays – seien deswegen gar nicht so empfehlenswert, weil sie doch sehr oft und früh herausfallen würden. Er rate daher zu Keramikteilchen. Und genau die erwarb mein neuer Patient dann auch, wie auf den Bildern 2 und 3 zu bewundern ist. 

Zweifelhaftes

Die „Goldfüllungen fallen raus“ Geschichte bleibt beileibe nicht die einzige Ungereimtheit bei der Patientenübernahme. Anläßlich der Keramik-Inlay Verlegung in 24 und 25 habe es – praktisch en passant – mal eben 2 Wurzelbehandlungen in den Keramik Zähnen gegeben. Wieso das denn? Wäre sicherer, muß wohl dazu geäußert worden sein. *) Ja, sehe ich auch so, fiel mir (Joachim Wagner, Zahnarzt) dazu nur ein, denn ich wollte keine Auseinandersetzung mit dem Patienten über derlei „Philosophie“ Fragen anfangen.

Aktuell hat unser Patient folgende Fehlerbeschreibung: seit einigen Monaten hat er einen unangenehm/fauligen Geschmack im Mund und auf der linken Seite zieht es bei kalt/warm. Die Kälteprobe mit Spray und Schwämmchen fördert sofort den erheblich überempfindlichen Zahn 36 zu Tage, in welchem jetzt auch im Röntgenbild Karies unter der Kunststoff Füllung diagnostiziert werden kann. Und liebe Leser – wahrscheinlich gehören auch Sie zu den 95% Betrachtern des Bildes 5, die dort sofort den linken Zahn aufbohren wollen. Was Sie dort als schwarze Schicht unter der hellen Plastikfüllung identifizieren, dürfte aber eher Plastikkleber sein als Karies. Also halbdringender Bohrbedarf am 36 (links unten vorletzter).

Beim Betasten der 3-teiligen Brücke (= festsitzender Ersatz) rechts unten auf 45 bis 47 fallen während des Zugbelastungstests kleine Luftbläschen rings um die Krone 47 auf, die sich mit Druck/Zug auf die Krone bewegen lassen. Alarmstufe Rot! Es gibt – nach meiner unmaßgeblichen Meinung als 24 Jahre freischaffender Praktiker – keine gefährlichere Situation für einen Zahn, als abgeschliffen unter einer lockeren Krone zu hocken, die von einem Brückenglied praktisch schwebend darüber gehalten wird. So schnell, wie dort einwandfreies Zahnbein in braune weiche übelriechende Matsche verwandelt wird, gelingt das unter keinen anderen Bedingungen im Mund. In vielen Fällen kommt jede Hilfe zu spät.

Die Prioritäten in diesem Mund sind damit geklärt: zuerst die schwebende Krone, dann bekommt der überempfindliche 36 – war ja klar – sein Goldinlay und viel später, wenn ich und der Patient Zeit und Lust haben, die Küraufgaben, wie z.B. die Füllung in Bild 1 oder Bild 3. Die Schwebekrone konnte übrigens gleich in der ersten Sitzung per „Hirtenstab“ am 35 abgezogen, sandgestrahlt und mit anständigem Glas Ionomer Zement wieder festgesetzt werden.

Jeder Zahnarzt macht, was er will

Nein, ich habe meinem Patienten nicht meine Meinung zu den kunststoff-gelagerten Keramikteilchen in seinen jetzt toten Zähnen links oben kundgetan. Das werden die Teilchen selber übernehmen, indem sie entweder brechen, weil Herr S.B. auch noch ganz ordentlich knirscht, oder – wie jetzt schon gut zu erkennen ist – ihre Plastikfuge richtig öffnen. Wie  kommt es aber zu solchen Verwerfungen der Auffassungen sachlicher Art? Kollege Goldausfall erzählt dem Kunden das genaue Gegenteil dessen, was ich sage. Ich halte diese Keramikteile für Provisorien. Und wer hat Recht? Diese Frage ist natürlich polemisch gemeint.

Anders ausgedrückt

Läuft der erwähnte „Lieblingskollege“ nicht ganz in der Spur? Sitzt da eine Schraube lose? Antwort: nein. Ganz im Unrecht befindet sich auch Herr Goldausfall nicht. Tatsächlich erlebe ich etwa 10 bis 20 mal im Jahr, dass Goldinlays rausfallen; allerdings praktisch ausnahmslos die Goldteilchen bestimmter Mitbewerber, nämlich denen, die auch die häufig rausfallenden Kronen und Brücken herstellen. Womit sich der Kreis schließt, denn die lockere Brücke hier oben stammt – ist klar – nicht von mir. Wahrscheinlich kann man selbst einem 10-Jährigen das Prinzip vermitteln, wie man nicht ausfallende Goldteile anfertigen kann, trotzdem schafft es ein nicht kleiner Teil von Kollegen/innen jeden Tag aufs Neue, auch gegen die einfachsten Regeln zu verstoßen. **)

Und da liegt das Problem

*) Passenderweise führt der betroffene Kollege auf seinem Praxisschild die hehren Worte „Ganzheitliche Zahnheilkunde“. Amalgamfrei soll sein Geschäft auch sein. So sind sie eben, unsere holistischen Mitbewerber, die Schlitzohrdichte liegt bei denen auf jeden Fall höher.

**) Wobei ich mich dann frage, was diese Damen und Herren bei wirklich schwierigen Fragen zuwege bringen.

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