Noch ein richtiger Kiefergelenksfall

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Frau T. (61) beschreibt das Ereignis kurz vor Weihnachten 2009 so: Sie bemerkt wenige Tage vor Weihnachten, dass a) erhebliche Schmerzen ca. 2 cm hinter (!) ihrem rechten Ohr erschienen sind und b) sie auf der rechten Seite schlecht kauen kann, denn dann verstärken sich die Schmerzen. Die bevorstehenden Feiertage veranlassen sie, einen Hals-Nasen-Ohren Arzt aufzusuchen, welcher einen Blick sowohl in das Mittelohr als auch den Mundraum wirft und sagt, keine Erklärung für die Schmerzen hinter dem äußeren Ohr zu finden.
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Vier Wochen habe der Schmerz hinter dem Ohr mindestens angehalten, bestätigt mir Frau T. Wie stark hat es denn damals weh getan, möchte ich als Behandler wissen und erkläre die Einteilung der Schmerzstärken auf der Schmerzskala von 0 bis 10. An den schlimmsten Tagen seien das wohl schon Stärken von 6 bis 7 gewesen, also ziemlich starke Schmerzen. Autsch, bemerke ich mitfühlend. Dazu Frau T.: ja, das habe sie sie schon stark gestört, (Zitat) „vor allem der verschobene Biss“ . Aha. Diese Bemerkung bringt dann auch mich (Zahnarzt J.W.) dazu, sich den Biss von Frau T. heute – immerhin 3 Monate nach dem Ereignis – genauer anzuschauen.
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Und was sehen meine Grobmotoriker Augen? Auf der rechten Seite klafft heute der Biss immer noch um einige Zehntel Millimeter, auch wenn es nicht mehr zum vollen Millimeter reicht. Um sicher zu gehen, dass das Foto nicht auf einer rein zufälligen Kieferbewegung beruht, wiederhole ich die Aufnahme mehrmals.
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Jedes mal schafft es Frau T. nicht, die Prämolaren rechts (kleine Backenzähne) in schlüssigen Kontakt zu bekommen, im auffälligen Gegensatz zur linken Seite. „Merken Sie denn selber, dass Ihr Biss noch nicht ganz stimmt?“ frage ich Frau T. Ja, meint sie, es sei aber schon sehr viel besser geworden.
Was ist das denn gewesen?
Mit einiger Wahrscheinlichkeit hat Frau T. vor 3 Monaten eine akute Verlagerung ihrer Gelenkscheibe im rechten Kiefergelenk erlebt, die ausnahmsweise a) relativ starke Schmerzen im Bereich des Ohrs verursachte, b) das Gelenkköpfchen so dramatisch aus der gewohnten Bahn geworfen hat, dass c) dadurch auch der Biss rechts erheblich gestört wurde und selbst 3 Monate später noch erkennbar bleibt.
Wir reden also von einer längerfristig verrutschten Gelenkscheibe des Kiefergelenks wahrscheinlich in eine vordere Richtung (da rutschen sie fast alle hin). Lateinisch: anteriore Diskusdislokation (ADD) ohne Reposition (= ohne Reposition heißt: findet nicht mehr an seinen Platz zurück). Dazu erlebte die Patientin 4 Wochen relativ starke Schmerzen und eine erhebliche Bißveränderung rechts. Zwei Monate später hat das Ereignis seine Dramatik fast vollständig eingebüßt, die Patientin erwartet keinerlei zahnärztliche Betreuung diesbezüglich, zumal die Schmerzsymptomatik fast vollständig verschwunden ist und der Biss sich wieder „ganz gut“ anfühlt.
Der CMD „Fachmann“
hätte aus diesem Fall garantiert einen Haupt- und Staatsakt aufgebaut. Mindestens eine MRT (= Kernspinaufnahme) im Wert von 250 Euro wäre zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet und ohne Sinn und Verstand angefertig worden. Dazu gesellen sich Abdrücke, Schienen, Kontrollen, Physiotherapien, Massagen, Medikamente und zum krönenden Abschluß die Fotoserie des CMD Behandlers über die „Erfolgreiche Rehabilitierung eines akuten CMD Falles mit ADD ohne Reposition“.
Ich hingegen fertige nur die Fotoserie an: „Selbstheilung eines akuten Falles von ADD“. Glaubt irgendjemand, dass sich das Befinden unserer Frau T.  nach 3 Monaten wirklich unterscheiden würde, je nachdem ob „rehabilitiert“ oder nur nichts veranlaßt wurde? Ich glaube das nicht.

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