Botenstoffe an Dauerschwindel beteiligt

 

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windroseBild 1

Achten Sie auf die Leiter in Bild 1: ein sehr spezieller Arbeitsplatz, geeignet für Männer ohne Nerven. *)

 

Folgende aufschlußreiche Diskussion findet sich im Forum Neurologie von med1 unter dem Thema „Citalopram gegen Dauerschwindel“

Zitat

05.06.07  22:26 Hi! =) Ich besuche dieses FOrum schon seit einiger Zeit, dies ist jedoch mein erster Beitrag. Kurz zu mir: Bin 24/m und Student. Nachdem ich ein halbes Jahr unter einem diffusen Dauerscwankschwindel leiden musste (Diagnose:“psychosomatische Störung induziert durch Depression), habe ich mich vor kurzem entschlossen es doch noch mit einer „SSRI“-Therapie (Citalopram) zu versuchen. Nun nehme ich das Medikament seit knapp 2 Wochen (erste Woche: 10mg, zweite Woche: 20mg) und siehe da!!!: Meine Symptome sind fast komplett verschwunden (95% schwindelfrei 😉 … die restlichen 5% sind vielmehr Resultat der Erinnerung an den Schwindel und nicht signifikant). Ich habe endlich meine langersehnte Normalität wieder erreicht. Nebenwirkungen habe ich, bis auf die von der Packungsbeilage versprochenen Ejakulationsstörungen, keine! (und diese sind auch nicht allzu tragisch). Trotz meines momentan Wohlbefindens, bin ich ein wenig besorgt was das Abhängigkeitspotential dieser Art von Medikamenten anbelangt. Obwohl meine Ärztin meinte, dass in der Regel keine Probleme beim Absetzen vorkommen, lese ich doch immer wieder Berichte über heftige Entzugserscheinungen. Ein unbedingtes „Ausschleichen“ des Medikaments wird auch immer wieder erwähnt, um diese Entzugserscheinungen so stark wie möglich zu reduzieren. Nun zu meiner eigentlichen Frage: Wie lange sollte man dieses Medikament nehmen bevor man mit solchen „Absetzsyndromen“ rechnen kann? Gibt es da irgendwelche Richtlinien oder zumindestens Erfahrungen? Wie zuvor erwähnt befinde ich mich noch in der 2. Woche (und angeblich dauert es noch eine Weile bis sich die volle Wirkung entfaltet), aber überlege nach max. 2 weiteren Wochen die Therapie zu beenden.
Denn wenn es eine Sache gibt, die ich mir schlimmer vorstelle als unter diesem perversen Schwindel zu leiden, dann ist es von psychopharmaka abhängig zu sein. vielen Dank im voraus für jegliches FEEDBACK Liebe Grüße! Mario

06.06.07  00:04 Hallo, ich bin 23/m, auch Student und hatte exakt den selben Schwindel wie Du ihn beschreibst. Nach ca. 2 Wochen Citalopram trat eine 90%ige Besserung ein. Ich habe die Tabletten (Höchstdosis 30mg) ca. ein halbes Jahr genommen. Seit dem (habe sie vor ein paar Monaten abgesetzt) habe ich keine Symptome mehr beobachten können. Probleme mit dem Absetzen hatte ich auch fast keine. Ein Abhängigkeitsgefühl auch nicht. mfg mf80

06.06.07  13:47  ** Ein Antidepressivum…   …ist kein Kurzzeit-Therapeutikum! Die (zum Glück) bei dir recht schnell erreichte Besserung und „Normalität“ wird nur erhalten bleiben, wenn du das Medikament über einen sehr viel längeren Zeitraum einnimmst.  Sonst wird vermutlich genau das passieren, was du über die 5% Restschwindel sagst: Sie sind eine Erinnerung – diese Erinnerung wird größer werden, aus den 5% werden 10 %, die dir dann schon wieder Angst machen, die Angst macht Schwindel, SChwindel macht Angst und schon bist du mittendrin im altbekannten Teufelskreis.
Lass dir Zeit und nutze die Zeit der Beschwerdefreiheit, um dein Leben zu sortieren. Entmülle deine „Räume“, eigne dir gesunde Verhaltensweisen an, kümmere dich um Stressmanagement, etc. Wenn du das alles erledigt hast (evtl. mit Hilfe einer Psychotherapie), was sicherlich einige Monate dauern wird, dann würde ich über ein langsames Ausschleichen nachdenken. Alles Gute und viel Spaß beim Genießen der neugewonnenen Schwindelfreiheit! angelika.v

07.06.07  08:29  Diese sogenannten Serotonin Wiederaufnahmer Hemmer führen nicht zu einer Abhängigkeit. Allerdings werden chemische Prozesse in Deinem Gehirn ausgelöst. Daher sollte man das Medikament eben durch Ausschleichen absetzen, um eben die chemischen Prozesse langsam wieder zu normalisieren. Ich gehöre zu der Fraktion, für die zu der Einnahme von Antidepressiva unbedingt auch eine Psychotherapie gehört. Die Pillen sind ein legitimes Mittel, um mit deren Hilfe wieder in den Zustand zu kommen, die eigentlichen Probleme, die die Depression oder den Schwindel ausgelöst haben, zu lösen. Die Pillen übernehmem sozusagen die Funktion einer Krücke wie bei einem gebrochenen Haxen. Aber man muss irgendwann lernen, wieder ohne Krücken zu gehen. Eine Depression hat auch immer eine Ursache. Und die gilt es zu behandeln. Sonst nützen auf Dauer die besten Pillen nichts. Esther67

09.06.07  11:51 Ich hatte vor einem Jahr auch einen Dauerschwindel, welches sich im nach hinein als Angststörungen herrausstellte. Mein Neurologe hat mir zuerst Citalopram in 60mg Dosis verschrieben, damit die beschwerden nachlassen. Nach einem halben Jahr wurden diese dann in kleinen Schritten wieder abgebaut und mir ging es wirklich prima. Jetzt wieder ein halbes Jahr später leide ich wieder unter Angststörungen. Ich denke mal dass mir mein Arzt wieder Citalopram verschreiben wird damit es ersteinmal besser wird. Ich werde mich diesmal jedoch mit Ihm darüber unterhalten was er eventuell von Hypnose hält, denn dauernd diese Tabletten nehmen ist ja auch blödsinn. Desweiteren werde ich diesmal auch eine Psychotherapie machen um den Grund für die Angststörungen zu finden. Ein abhängigkeit habe ich nicht gehabt von Citalopram. Es gibt Leute die müssen eine Dosis von 140mg pro Tag einnehmen von dem her denke ich dass ich sogar mit meinen 60mg noch gut bedient bin. Auf jedenfall bin ich auch der Meinung dass eine Kombination von der einnahme von Citalopram und einer Psychotherapie notwendig wären. Im gegensatz zu vielen anderen Meinungen hier im Forum. Natürlich ist eine Psychotherapie ohne Tabletten auch gut, meines erachtens nach jedoch nur wenn die Störungen oder der Dauerschwindel nicht gerade leben beeinträchtigend sind. Rene05

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Angst/Panik

Seit den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts suchen Forscher systematisch nach dem Zusammenhang zwischen Angst und Schwindel. Dass beides zusammenhängen muss, ergibt sich für viele Leser dieses Artikels schon beim Betrachten des Bildes 1. Sie selber würden um keinen Preis der Welt den Arbeitsplatz am 50 Meter hoch montierten Kopf eines Windkraftwerkes übernehmen wollen. Sie hätten dafür nicht nur zuviel Angst, ihnen würde auch kotzelend vor Schwindel.

Aus der allgemeinen Psychiatrie für Angsterkrankungen wissen wir, dass etwa 60% der Kranken von einer Dauertherapie mit selektiven Serotonin Wiederaufnahme Hemmern (englisch = SSRI) Nutzen haben. Dabei wird der im Hirn der Patienten vorhandene Botenstoff Serotonin dadurch künstlich vermehrt, dass die biologisch vorgesehene Wegnahme im synaptischen Spalt mit bestimmten Chemikalien , wie z.B. Fluoxetin, Sertralin oder Escitalopram behindert wird. Dieser Chemieeinsatz ist jederzeit zurückzunehmen (= reversibel) und führt gerade bei dieser Sorte Chemie (SSRI und trizyklische Antidepressiva)  zu keinen dauerhaften Folgen, insbesondere zu keiner Abhängigkeit vom Stoff, im klaren Gegensatz zur Verordnung von Medikamenten aus der Reihe der Benzodiazepine (= kurz: Benzos) wie Diazepam (Valium), Clonazepam (Rivotril) , Tetrazepam (Musaril)  und der BTMs = Betäubungsmittel wie  Opiaten (Oxycodon, Fentanyl etc.) oder Opioiden (Tramadol, Tilidin etc.) .

Die Patienten aus den hier oben zitierten Forumsbeiträgen erhalten Citalopram/Escitalopram, ein SSRI (= Selective Serotonine Reuptake Inhibitor) mit einer speziell auf den Botenstoff Serotonin ausgerichteten Eigenschaft. In den hier spontan (von den Patienten aus eigenem Antrieb) berichteten Krankengeschichten verschwindet daraufhin überwiegend zügig der Schwindel bzw. das Benommensein.

Denkt man nun als Fachmensch, dass zu einer derartigen Beobachtung aus der freien Wildbahn auch hochwertige klinische RCT (Randomized Controlled Trials) Studien existieren müssten oder sollten, dann stellt sich nach kurzer Recherche bei Medline heraus: Hast du falsch gedacht. Tatsächlich zeigt sich, dass die HNO-ler beim Thema „Schwindel“ etwa so kalt erwischt werden, wie die Zahnmediziner beim Thema „TMD“  (in Deutschland noch CMD genannt): Sie besitzen tonnenweise Studien über die Hardware im Gleichgewichtsorgan, haben aber von der Software (= also die Weiterverarbeitung im Hirn) für die Verwertung der Gleichgewichtssignale nicht einmal einen groben Überblick. Salopp  ausgedrückt: von Panik im Kopf wollen sie vorsichtshalber nicht so viel wissen.

Deutlich wird dieser Stand in folgender Zusammenfassung: The evidence base for the evaluation and management of dizziness. Die beiden Schreiber dieses Artikels untersuchen insgesamt 3000 wissenschaftliche Papiere zum Thema „Erfassung und Behandlung von Schwindel“ und stellen fest, dass der überwiegende Teil der Arbeiten aus direktem Ausschuß oder Fallberichten und Expertenmeinungen bestehen, was eine eher schlechte Qualität des Ausgangsmaterials bedeutet. Fallberichte gehören heute in die Kategorie „Mit Vorsicht zu genießen“, weil die Hersteller der Fallberichte nahezu immer eine positive Auslese ihrer Behandlungen betreiben. Negativ- oder Neutralfälle finden sich dort selten oder nie.

Die 2 Auswerter sagen auch noch mehr: Unter den wenigen interessanten forschenden Arbeiten zum Schwindel findet sich zum so genannten psychogenen Schwindel, um den es in der Hälfte aller täglich vorkommenden Fälle geht, fast kein Material, besonders keine RCT (= klinischen wissenschaftlich korrekten) Studien. Im Gegensatz zu den vollmundigen Auftritten vieler HNO-Spezialisten in ihren Praxen muss die wissenschaftliche Grundlagenforschung zum Schwindel als alles andere als vollständig betrachtet werden. Auch hierin liegen Parallelen zur CMD in der Zahnmedizin.

Was die Patienten in den hier zitierten Beiträgen des Neurologieforum von Med1 an Behandlung erfahren, gehört in die Abteilung „experimentelle Medizin“ von logisch denkenden Praktikern, die ein Medikament anwenden, das zur Behandlung des Schwindels garantiert keine Zulassung hat, also im „off label use“ verwendet wird. Dass das funktioniert und auch noch von den Patienten  als brauchbare Methode vorgestellt wird, weist ein weiteres Mal auf den intimen Zusammenhang der Botenstoffe mit dem chronischen Schwindelgefühl (die neue empfohlene Bezeichnung für psychogenen Schwindel) hin. Ganz offensichtlich ist es in 50% aller Schwindelfälle nicht sinnvoll, MRTs, CTs, oder weitere aufwändige Diagnostik des Innenohrs bzw. Gleichgewichtsorgan einzuleiten, weil der Grund des Schwindels nicht otologischer (ohrmäßiger) sondern neurologischer Art ist. Und die kann mit Bildtechnik derzeit noch nicht sichtbar gemacht **) , dafür aber gut mit den einschlägigen Mitteln behandelt werden.

*) Das gehört in die Abteilung „Warum gibt es kaum weibliche Piloten?“. Ich (Joachim Wagner, Zahnarzt)  zähle mich selbst ganz sicher nicht zu den Frauenhassern und fördere Frauen, wo auch immer es geht. Aber speziell diese Stelle, also der Schwindel in Verbindung mit  Angst und Panik ist entwicklungsgeschichtlich, letztlich also biologisch im femininen Körper leider bevorzugt so programmiert. Ich kann nichts dafür. Cinserement, je regret l’etat defavorable.

**) Stimmt nicht ganz genau. Mit Hilfe der so genannten funktionellen Magnet Resonanz Tomografie (fMRT) lassen sich inzwischen auch Änderungen im Hirn am lebenden Menschen zeigen, die bisher nicht abzubilden waren. Z.B. die Hirnen von Patienten mit chronischem Schmerz gegen solche von Gesunden.

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