Zielgrößen in der Zahnmedizin

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Die Aufgeregtheit, mit der zur Zeit in der Öffentlichkeit die Marktpreise für Zahnersatz-Produkte debattiert werden, ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die lautesten Wortführer von Zahnmedizin schlicht keine Ahnung haben. Kaufleute, bezahlte Schreiber und Patienten versuchen sich in einer Materie, die sich für die Teppichhändler von gestern nicht so wirklich eignet. Hauptsache billich. Das kommt immer gut, besonders bei teilinformierten Betroffenen.

So und nun zur Zahnmedizin. Welche Zielgröße ist im Zusammenhang mit Chinakronen als Maßstab für eine vernünftige Behandlung geeignet? Was soll optimiert werden? Die Kosten oder die Kronen? Die Behandlungskriterien des Behandlers oder das Ergebnis in 20 Jahren? Woran läßt sich eine gute Zahnheilkunde von einer weniger guten unterscheiden? An der Zahl der verlegten Keramiken? Der Menge an "gemachten Zähnen"?

Im Jahr 2006 gibt es dazu immerhin eindeutige Vorschläge: Wünschenswert ist eine Zahnheilkunde, die die Zähne und den Kieferknochen möglichst im Originalzustand beläßt. Dazu ist es notwendig, die mengenmäßig wichtigsten Erkrankungen im Mund a) Karies b) Parodontitis systematisch zu unterdrücken. Dass das funktioniert, ist ausreichend oft bewiesen worden. Es hat jetzt aber ein Problem: wie kann diese wichtigste Tätigkeit des Zahnarztes, also die Beratung und Aufnötigung von professioneller Prophylaxe an die Patienten in Zahlen ausgedrückt werden? Es handelt sich hierbei um eines der ganz großen Dilemmas in der Zahnheilkunde. Auf der einen Seite weiß jeder Zahnprofi, dass diese ganze Gespensterdebatte über die günstigsten Zahnpflaster aus Gold, Keramik und Plastik völlig daneben ist, weil die Pflaster bei richtiger Vorgehensweise erst gar nicht gebraucht werden. Auf der anderen Seite verdienen wir unser Geld mit Pflasterarbeiten, nicht mit dem Aufnötigen von Prophylaxe Sitzungen.

Die Tatsache, dass wir bis heute keinen guten Messwert für die wichtigste Aufgabe des Zahnmediziners haben, ist ein Teil der Gründe, warum immer noch so viel "Drill, Fill, Bill" Zahnklempnerei betrieben wird. Gute vorausschauende Beratung und Betreuung wird bis heute weder gemessen noch dokumentiert noch bezahlt. Die Anreize im System der gegenwärtigen deutschen Zahnmedizin sind pervers.

Die mitlesenden Kollegen werden einwenden, dass es sehr wohl eine DMF-T (Decayed, Missing, Filled – Tooth = nur ganze Zähne) und sogar eine DMF-S (Decayed, Missing, Filled – Surface = auch Einzelflächen) Definition gibt, die dergleichen ermöglicht. Das ist richtig, aber eben recht akademisch. Untersucht werden mit den DMF Kriterien vorzugsweise ausgewählte Patientengruppen (z.B. eingezogene Soldaten) um für die Forschung neue Zahlen zu gewinnen. In den Niederungen der Alltagszahnheilkunde mißt kein Mensch einen DMF Wert. Es hätte auch kaum Aussagewert. Denn es handelt sich beim DMF um die statische Feststellung früherer Zahnerkrankungen und -behandlungen, es ist kein Wert, der die Qualität der aktuellen Betreuung des Patienten für die Zukunft wiedergibt.

Deshalb soll hier die Forderung an die interessierten Fachleute und Betroffenen gestellt werden: wir brauchen einen Messwert, der heute sagen kann, wie sich die aktuelle Behandlungsweise des Zahnarztes auf die Zähne der Behandelten in 10 Jahren auswirkt. Darin einfließen muss selbstverständlich der DMF-S. Relativ einfach zu ermitteln ist beispielsweise Delta (DMF-S) / Delta (Zeit). Das wäre die Änderung des Gebisses in Abhängigkeit von der verflossenen Zeit. Das braucht also mindestens den Vergleich DMF-S alt zu DMF-S neu. Dabei fehlt aber die Risikoklassierung. Es macht einen Unterschied, ob der Patient knirscht oder nicht. Der Deltawert ist bei Knirschern höher, weil die mehr Zähne durch Gewalt kaputtbekommen. Vermutlich kommen wir um eine große Tabelle mit Vergleichswerten also nicht herum.

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