Auch kein CMD Fall: Spezialbiss 13

Bewerte diesen Beitrag

Lesen Sie auch die Artikel Einbeiß Quickie  und  Noch ein richtiger Kiefergelenksfall

 

Bild 1

Herr S. (61) soll, will oder muss in den nächsten Monaten vom Rentenkassen Gutachter „kaputt“ geschrieben werden. Der Hintergrund dafür bildet ein langjähriges Halswirbel- und Rückenleiden, das bereits zu mehreren Operationen an der Halswirbelsäule mit dazugehörigen Reha-Maßnahmen geführt hat. Bevor unsere CMD-Fraktion sich vorschnell meldet und die Behauptung in den Raum stellt, dass der Schrägbiss in den Bildern hier Schuld an den Rücken- und HWS Schmerzen trägt, noch eine wesentliche Information: es liegt eine qualifizierte Diagnose vor: Mechanische Verengung des Spinalkanals im Bereich der HWK 3 bis 7 durch Bandscheibenvorfall mit teilweisem Funktionsausfall der entsprechenden Spinalnerven (Arm, Beine etc.)

SANY0793

Bild 2

Herr S. beißt rechts noch auf einen eigenen Teleskopzahn 14 und links auf einen Eckzahn, aber beide jeweils im Kreuzbiss. Alle anderen Zähne bestehen nur aus abnehmbarem Kunststoff Ersatz, bzw. die sonst noch vorhandenen eigenen Zähne beißen (z.B. Seitenzähne links) ins Leere des Unterkiefers. Ohne Übertreibung kann dieser Biss als insuffizient = ungenügend eingestuft werden.

SANY0794

Bild 3

Pikanterweise knackt es dazu auch noch im linken Kiefergelenk bei jeder Öffnung des Kiefers, was bestimmte Herren in der DGFDT (Deutsche Gesellschaft für FunktionsDiagnose und Therapie) entgegen Aussagen der neueren TMD Forschung immer noch als Zeichen für CMD gewertet wissen wollen.

SANY0795

Bild 4

Der Zahnbestand hat sich gegenüber dem Jahr 1991, das ist der Zeitpunkt, an dem Herr S. meine Praxis zum ersten Mal aufsuchte, nicht verändert. Die abnehmbare Prothese im Oberkiefer erhielt Herr S. im Jahr 1991 von mir. Bei einem Alter von 19 Jahren schlägt sich der Ersatz vergleichsweise wacker.

SANY0797

 

Nach der Zählung

des CMDCheck von Ahlers/Jakstadt erfüllt Herr S. mindestens 3 Kriterien, die dort dafür sprechen, dass eine CMD vorliegt. Die Punkte sind:

  • Knacken im Kiefergelenk über Jahre
  • falscher Biss (genauer: Kreuzbiss und Mesialbiss)
  • massive Schmerzen im Hals, Schulter und Rücken

Der angesprochene Test reagiert bereits auf 2 positive Kriterien. Es würde also genügen, beispielsweise a) einen Falschbiss und b) Knacken im Kiefergelenk aufzuweisen, um im CMDCheck das Urteil „CMD ist wahrscheinlich“ zu erhalten. Mit 3 Punkten steht Herr S. sozusagen schon auf der Pole Position, CMD wäre also nicht nur wahrscheinlich, sondern so gut wie geklärt.

Das Dumme ist,

dass Herr S. definitiv mit CMD nichts am Hut hat. Und hier sind die Beweise

1. Herr S. hatte nie Beschwerden im Bereich seiner Kiefergelenke, dazu keine Einschränkungen der Beweglichkeit des Unterkiefers. Das Knacken des linken Kiefergelenks steht dem in keiner Weise entgegen.

2. Der „falsche Biss“ besteht seit mindestens 19 Jahren, wahrscheinlich aber noch sehr viel länger. Wenn denn nun der Biss ursächlich sein soll für Beschwerden im Bereich des „stomatognathen Systems“ (= Mund und 20 cm darüber und darunter, besonders muskulär), dann hätten sich einschlägige Schmerzen im Bereich der Kiefergelenke und oder der Kaumuskulatur bemerkbar machen müssen. Das ist nicht der Fall.

3. Der Patient leidet nicht an „unspezifischen chronischen Rückenschmerzen“, sondern unter „Verengung des Spinalkanals (=Rückenmark)“ durch nachweisbare Ursachen und spezifische Folgen, wie z.B. Taubheit in den Gliedmaßen. Für diese Patienten gelten die Erkenntnisse über chronische Rückenschmerzen in der unspezifischen Form gerade NICHT (!). Falls Sie sich als mitlesender Zahnmediziner gerade fragen, warum hier dauernd vom „chronischen unspezifischen Rückenschmerz“ die Rede ist: von Prof. Dr. Jens Türp, Basel, Schweiz stammt der Satz, wonach TMD (in Deutschland noch CMD genannt) in der Zahnmedizin das Pendant (=Gegenstück) zum chronischen Rückenschmerz in der Allgemeinmedizin darstellt.

Die vermeintlich zu einer CMD gehörenden Schmerzen des Patienten im Hals, Schulter und Rücken haben in diesem Falle eine nachgewiesene und operativ beeinflussbare Ursache. Das berechtigt zur Annahme, dass sie NICHT durch eine chronische TMD verursacht werden.

Kommentar verfassen