Dr. Diatchenko: 8 von 10 CMD Fällen genetisch bedingt

Der wichtigste Satz der 27 Seiten langen Originalarbeit über DEN Beta Rezeptor (der von den Betablockern für Blutdrucksenker) ist am Ende zu finden:

 

haplotypesZitat

Unsere Resultate haben erhebliche klinische Bedeutung und sind die ersten, die eine Beziehung zwischen Genvarianten zeigen, die einhergehen mit psychischen Eigenschaften, dem Blutdruck in Ruhe und dem Risiko für das Entwickeln bekannter chronischer Schmerzkrankheiten. Das beobachtete genetische Risiko durch die Adrenergic receptor ?2 (ADRB2) Genvarianten ist wesentlich höher als andere Risikofaktoren wie die Östrogenmenge, chronische Schmerzen an anderen Körperstellen  (John et alk., 2003;Von Korff et al., 1993), und Genvarianten, die für das Enzym COMT verantwortlich sind (Diatchenko et al., 2005). Die klinische Bedeutung unsere Funde wird am besten deutlich durch die Gegenüberstellung des Krankheitsheitrisikos im Fall einer homozygotisch hohen oder niedrigen Produktion von ADRB2, die in unserer untersuchten Gruppe 82% betrug, was bedeutet, dass mehr als 8 von 10 myogenen TMD Fällen vorhergesagt werden können durch den ADRB2 Haplotypus [= ein bestimmtes Set von Genen, z.B. eines Menschen]

 Zitat Ende

 

Original: Our results are of considerable clinical significance and are the first to demonstrate an association between a genetic polymorphism that correlates with psychological traits, resting blood pressure, and the risk for developing a common chronic pain condition. The observed genetic risk 

risikocmd

associated with ADRB2 polymorphism is substantially greater than that associated with other risk factors such as estrogen exposure, history of chronic pain at other body sites (John et alk., 2003;Von Korff et al., 1993), and genetic variations in the gene that codes for COMT (Diatchenko et al., 2005). The clinical relevance of these findings is best quantified by the measure of population attributable risk for being homozygous for either high or low expression of ADRB2, which was 82% in this cohort of women, indicating that more than eight of ten myogenous TMD cases can be predicted by these ADRB2 haplotypes.

 

Am J Med Genet B Neuropsychiatr Genet. 2006 Jul 5;141B(5):449-62.

Die drei größten Haplotypen des Beta2 Adrenalin Rezeptors definieren das psychische Profil, den Blutdruck und das Risiko für die Anfälligkeit auf bekannte muscoskeletale Schmerzzustände

Diatchenko L, Anderson AD, Slade GD, Fillingim RB, Shabalina SA, Higgins TJ, Sama S, Belfer I, Goldman D, Max MB, Weir BS, Maixner W.

University of North Carolina, Center for Neurosensory Disorders, North Carolina, USA. lbdiatch@email.unc.edu

Zusammenfassung

Der Adrenergic receptor beta(2) (ADRB2) ist das Hauptziel für Adrenalin [Hormon der Nebenniere, wird ausgeschüttet in Stresssituationen]. Er spielt eine entscheidende Rolle in der Vermittlung körpereigener und psychischer Antworten auf umweltbedingte Stressfaktoren. Deshalb sollten genetische Varianten dieses ADRB2 Rezeptors zu einer komplexen Sammlung von psychischen und physischen Ausformungen diesbezüglich führen. Diese genetischen Varianten werden dazu mit Umweltfaktoren wie physischem und emotionalem Stress zusammenwirken und dabei einen Typ hervorbringen, der anfällig für krankhafte Zustände ist. In dieser Studie ermittelten wir, ob die geläufigsten genetischen Varianten von ADRB2 beitragen zur Entwicklung einer chronischen Schmerzerkrankung, die vergesellschaftet ist mit erhöhtem psychischen Stress und niedrigem Blutdruck, beides Faktoren, die stark beeinflußt werden durch das Adrenalin-System.

Wir bestimmten bei 202 Frauen das Genom [= DNS-Genanalyse] und studierten die Verhältnisse der 3 größten ADRB2 Haplotypen [= vererbter Typ des Gens für das betroffene Eiweiß] zueinander, dazu die psychologischen Merkmale, den Ruheblutdruck und das Risiko, eine chronische musculoskeletale Schmerzerkrankung, nämlich Temporo Mandibular Disorder [= in Deutschland immer noch hartnäckig Cranio Mandibular Dysfunktion genannt] zu entwickeln.

Wir behaupten, dass der erste Haplotype [des Gens von ADRB2] zu niedrigen Konzentrationen von ADRB2 führt, der 2. Haplotyp zu höheren Konzentrationen und der 3. Haplotyp zu hohen Rezeptor Konzentrationen und schnelle Botenstoff-verursachte-Aktivierung [von ADRB2] führt. Die Patientinnen, die jeweils einen Haplotyp für hohe und einen für niedrige ADRB2 Konzentrationen tragen [= jeder Mensch erhält 2 Haplotypen aus den Keimzellen seiner Eltern], hatten die günstigsten psychischen Züge, den höheren Ruheblutdruck und eine 10 mal geringere Chance, TMD zu entwickeln. Daraus folgt, dass unsere Daten nahelegen, dass sowohl zu hohe, als auch zu niedrige Konzentrationen von ADRB2 die Anfälligkeit für chronische Schmerzerkrankungen wie TMD erhöhen, wobei die beiden Zustände verschiedene Ursachen darstellen, was bedeutet, dass die Behandlung auf die Ursache zugeschnitten werden muss.

Three major haplotypes of the beta2 adrenergic receptor define psychological profile, blood pressure, and the risk for development of a common musculoskeletal pain disorder.

Abstract

Adrenergic receptor beta(2) (ADRB2) is a primary target for epinephrine. It plays a critical role in mediating physiological and psychological responses to environmental stressors. Thus, functional genetic variants of ADRB2 will be associated with a complex array of psychological and physiological phenotypes. These genetic variants should also interact with environmental factors such as physical or emotional stress to produce a phenotype vulnerable to pathological states. In this study, we determined whether common genetic variants of ADRB2 contribute to the development of a common chronic pain condition that is associated with increased levels of psychological distress and low blood pressure, factors which are strongly influenced by the adrenergic system. We genotyped 202 female subjects and examined the relationships between three major ADRB2 haplotypes and psychological factors, resting blood pressure, and the risk of developing a chronic musculoskeletal pain condition-Temporomandibular Joint Disorder (TMD). We propose that the first haplotype codes for lower levels of ADRB2 expression, the second haplotype codes for higher ADRB2 expression, and the third haplotype codes for higher receptor expression and rapid agonist-induced internalization. Individuals who carried one haplotype coding for high and one coding for low ADRB2 expression displayed the highest positive psychological traits, had higher levels of resting arterial pressure, and were about 10 times less likely to develop TMD. Thus, our data suggest that either positive or negative imbalances in ADRB2 function increase the vulnerability to chronic pain conditions such as TMD through different etiological pathways that imply the need for tailored treatment options. (c) 2006 Wiley-Liss, Inc.

 

Erläuterung für Nichtfachleute

Der hier dauernd angesprochene Rezeptor (= Empfänger] ADRB2 ist ein Eiweißbaustein, der nur einen Job hat: festzustellen, ob Adrenalin im Blut, oder im Hirn ausgeschüttet wird. Sobald Adrenalin erscheint, verschmilzt der ADRB2 mit der Zellwand auf der er sitzt und löst dadurch seine typische Reaktion aus, nämlich den Alarmzustand im Körper (Arterien, Herz, Darm) und im Hirn (Hellwaches Bewußtsein, Kampfbereitschaft).

Wird der ADRB2 Rezeptor dauernd mit Adrenalin gefüttert, dann verstärkt das den körperlichen Erregungszustand und erhöht die Bewußtwerdung des Hirns über viele Körpersysteme (z.B. Magen/Darm, Kreislauf/Atmung etc.) (Kopin, 1984;Easton and Sherman, 1976;Lader, 1988) und führt zu erniedrigtem Blutdruck.

Die Forschergruppe um Prof Dr. Diatchenko hat nun einfach nachgemessen: Sie begleiteten 202 Frauen über 3 Jahre mit etwa halbjährlichen Interviews, um festzustellen, wer von diesen 202 Frauen in den 3 Jahren TMD (= CMD) entwickelt. Gleichzeitig wurde das genetische Profil der Frauen auf die 3 hauptsächlich vorkommenden Typen von ADRB2  (= der Haplotyp) untersucht. Und in Bild 2 (= Tabelle  4A) stehen die Ergebnisse.

Zu beachten ist, dass jeder Mensch grundsätzlich 2 Typen (= Haplotypen) in sich trägt, wobei aufgrund der Mendel’schen Vererbungsgesetze auch öfter 2 gleiche Typen vorkommen). 51 Frauen weisen den Haplotypus H1/H2 und 20 Frauen den H1/H3 auf. Von diesen 71 Frauen erkrankt innerhalb von 3 Jahren nur 1 an TMD.  Beim Haplotypus H2/H2 erkranken 5 von 25 Trägerinnen des Typs. Das Erkrankungsrisiko im ersten Fall liegt also bei 1/71 und im 2. Fall bei 5/25.  Auch ohne die Kenntniss der statistischen Mathematik wird hier deutlich, dass der Haplotypus von ADRB2 eine überragende Rolle bei der Entstehung von TMD spielen muss.

 

Kommentar

Zahnfilm DE hat das geahnt: TMD (in Deutschland noch CMD genannt) ist zum größeren Teil im Gencode der Menschen festgelegt. Der Einfluss der Zahnmediziner auf die TMD schwindet damit endgültig auf eine vernachlässigbare Größe. Oder glaubt vielleicht einer der mitlesenden Kollegen/innen, dass wir Weißkittel mit Schienchen ernsthaften Eindruck auf den Ruhe Blutdruck ausüben können? Wohl kaum.

Besser wir lernen unsere Lektion: Die menschliche TMD hängt zusammen mit vererbten Eigenschaften des adrenergen Beta 2 Rezeptors und damit indirekt auch mit:

  • dem Ruheblutdruck,
  • allgemein erhöhte Schmerz Empfindlichkeit,
  • Somatisation = erhöhter Bewußtwerdung des Hirns über Körspersysteme (beobachten sich dadurch selbst viel), also ein leichter Daueralarmzustand
Und nun zu unseren „CMD Spezialisten“. Schauen Sie sich bitte genau an, welche Forschungsinstitute an der Entstehung dieser Arbeit beteiligt waren. Denn dieses Forschungswerk steht a) in einer längeren Reihe von ähnlich aussagekräftigen Forschungen zum Thema „Schmerz bei TMD“ von Frau Diatchenko, b) entstand in Zusammenarbeit mit mehreren neurologischen Forschungszentren in den USA und bezieht c) keinen einzigen Zahnmediziner mehr ein.
Letzteres ist die Quittung für die schlichtweg nicht vorhandene Grundlagenforschung der Zahnmedizin zu Schmerzerkankungen. Der Zahnmediziner interessiert sich nicht für Schmerzen, oder Genome, oder Somatisierungsstörungen, weil er davon keine Ahnung hat und auch nicht daran denkt, sich welche zu verschaffen. Zahnmediziner nehmen dafür gerne die Messlehre in die Hand und hantieren viel mit Computerschnüren im Mund herum, als ob so die Weisheit über eine Schmerzkrankheit zu ermitteln wäre.

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