Brenn- und Juckschmerz Stärke 10 von 10 beseitigt

Lesen Sie auch den Artikel Trigeminusneuropathie & Kunststofffüllungen = Katastrophe

 

Hallo Herr Wagner,

OPGnochmal Herzlichen Dank für den Befundbogen und vor allem für Ihre Bemühungen. Ohne Sie und Ihre Homepage würde es mir jetzt garantiert nicht so gut gehen. Seit der Einnahme von Gabapentin bin ich schmerzfrei.

Noch einen schönen Sommer und
viele Grüße

B. D.

 


 

Solche Zeilen gehen mir – Zahnarzt Joachim Wagner – natürlich auch herunter wie Öl. Eine zufriedene Patientin schreibt mir ihren Dank für die erhaltenen Tipps und Hinweise zu ihrer Erkrankung. Damit Sie – liebe Leser – auch davon profitieren können, erlaube ich mir, hier die Langversion der Geschichte zu schildern:

Frau B.D. aus dem Niederrheinischen erscheint im Juni 2010 zur Beratung in der Schmerzsprechstunde in meiner Praxis. Sie möchte Gewissheit haben, ob ihre Schmerzprobleme seit 5 Jahren im Bereich der Oberkiefer Seitenzähne womöglich gar nichts mit den Zähnen und Knochen zu tun haben. Genau das vermutet sie, seit sie vor kurzem einiges in Zahnfilm DE über „Zahnschmerzen“, die nicht von Zähnen ausgehen, gelesen hat.

Ohne einen einzigen Blick auf die Zähne der Patientin oder die mitgebrachten Röntgenbilder der Patientin zu werfen ermittle ich folgende Anamnese (= Krankengeschichte):

 

Frau B. D., xx.xx.1978

Etwa 2005 traten erstmalig die Beschwerden auf und zwar nach einer Auswechslung einer Amalgam Füllung gegen Kunststoff im Zahn 16 durch den damaligen Hauszahnarzt der Patientin. Der Behandler fertigte damals vor der Füllungsmaßnahme kein Röntgenbild an, so dass die Indikation der Maßnahme bis heute als ungeklärt betrachtet werden muss. Sehr schnell nach der Füllung kam es zu starkem Brennen und Jucken im Bereich rechts oben, so dass Frau D. noch den zahnärtzlichen Notdienst aufsuchen mußte.
Der Notdienst konnte am behandelten 16 keine verdächtigen Zeichen erkennen und entfernte auf Verdacht die Amalgamfüllungen in den Zähnen 17 und 15 , versorgte diese provisorisch und es kam zu einem schmerzfreien Interval nach 2 Tagen. Danach meldeten sich jedoch die Beschwerden wieder.
Die Patientin wechselte die Zahnarztpraxis, u.a. wegen Umzugs und auch in der neuen Praxis wiederholt sich das erlebte Schema auf der linken Seite:  aus nicht ganz klaren Gründen entfernte dort einer der drei Behandler die Amalgamfüllung des Zahns 26, füllte Kunststoff ein und die Patient erlebte sofort danach ein extrem starkes Brennen und Jucken (Zitat: “ wie Säure in dem Zahn”).
Mittlerweile wurde rechts oben am Zahn 16 bereits eine Wurzelbehandlung durchgeführt, mit der sich die Lage mehr schlecht als recht beruhigte. Das unbefriedigende Ergebnis veranlasste weitere Spekulationen über die Quelle der Schmerzen und führte in der Folge zur Wurzelbehandlung der rechten Backenzähne 17 (2005/2006) und letztlich auch 15 (2009).

Und wieder wiederholte sich die Unglücksserie: nach der missglückten Kunststoff Füllung im Zahn 26 mit Brennschmerzen kurz vor der Ohnmacht (= Stärke 10 von 10), erfolgte 2006 die Wurzelfüllung, wenig später die Kunststoff- und Wurzelfüllung am 27 und dann eine relative Beschwerdepause bis 2007.

2007 steigerten sich die Brenn- und Juckschmerzen an beiden 6-er links und rechts wieder bis zum Exzess, und kein Schmerzmedikament konnte Linderung verschaffen. Deshalb flehte die Patientin ihren Behandler im Behandlungsstuhl an, diese Zähne sofort zu ziehen, ohne Rücksicht auf das gut aussehende Röntgenbild. Widerwillig ließ sich der Behandler überreden. Der Zahn 27 folgte seinen beiden Vorgängern wegen kaum verminderter Schmerzen kurz danach.
Als dann auch noch die Extraktion von 17 kurz bevorstand, entschied sich Frau D. weiteren Sachverstand in Form von Endodontologen der Universitätsklinik in Münster einzuholen. Der zuständige Kollege dort wollte sich jedoch nicht festlegen, ob die Juck- und Brennschmerzen dieser extremen Art von einer überdurchschnittlich gut aussehenden Wurzelfüllung her stammen sollen. Folgerichtig riet er also weder zu einer Endorevision zu noch davon ab.

2009 flammte linksseitig erneut das Beschwerdebild auf, so dass die am Zahn 25 gelegte Wurzelbehandlung auch einer Begutachtung durch einen weiteren Endo-Spezialist zugeführt wurde. Auch dieser Kollege kam zum Schluß, dass die Beschwerden wohl nicht mit der WF zusammenhängen, dafür sehe die Wurzelfüllung zu gut aus und außerdem habe der 25 auch nur eine unkomplizierte Wurzelanatomie.

Implantate
Der Behandler riet Frau D. zum Ersatz der entfernten Zähne 16,26,27 durch festsitzende Kronen auf Implantaten. Sie erhielt entsprechend 3 Titanschrauben in den Oberkiefer im Juni 2008 (mit Knochenersatz in den Kieferhöhlen). Während der Einheilzeit von Juni bis September 2008 stellten sich keine Komplikationen ein, auch keinerlei Schmerzen. Als dann aber die Kronen auf die Implantate zementiert wurden – besonders schwerwiegend links auf 26 und 27 – setzten prompt wieder starke Juck/Brennschmerzen ein, so dass Frau D. die Kronen “am liebsten sofort rausgenommen” hätte. Der Behandler vermutete eine Allergie auf das verwendete Zementmaterial, eine Kunststoffmasse. Diese wurde entfernt und durch einen einfachen Zement ersetzt, was die Beschwerden etwas minderte.

Pfingsten 2010
An Pfingsten 2010 steigerten sich die  Brennschmerzen genau zwischen 25 (wurzelgefüllter Zahn) und 26 (Implantat) im Knochen auf die Stärke 10 von 10, mit anderen Worten: schlimmer konnte  es nicht werden. Die Patientin bewegte sich Zitat “am Rande des Wahnsinns”. Fachleute der Uniklinik Münster untersuchten erneut den Bereich und kamen zum Schluß: “Wir wissen es nicht”. Um irgend etwas zu tun, griffen sie zu einer 24 Stunden Anästhesie, die aber die Schmerzen auf der Skala 0 bis 10 gerade mal vom oberen Anschlag auf geschätzte 8 herunter brachte, also nicht wirklich viel nützte. Diskutiert wurde von den Kollegen offenbar eine Periimplantitis (= bakteriell verursachte Entzündung um das Implantat), aber als nicht sonderlich wahrscheinlich eingestuft.

Eigenhilfe
Frau D. recherchierte im Internet nach hartnäckigen Schmerzen im Mund und ermittelte daraufhin meine Internet Seite. Vom Hausarzt ließ sie sich probehalber eine Packung Gabapentin 300 mg pro Tablette verordnen. Nach der Einnahme von jeweils einer Tablette pro Tag minderten sich die Brenn- und Juckschmerzen im Bereich 25/26 nach nur einer Woche vom gefühlten Höchswert 10 auf ein erträgliches Niveau von 2 (von 10) . Damit kann die Patient gut leben.

Weitere einschlägige Trigeminus Hinweise
Frau D. verträgt von Kind an keinen Wind im Gesicht. Der führt prompt zu Tränen in den Augen und laufender Nase. Die Ohreingänge sind davon nicht betroffen.

 


Diagnose

Ohne weitere Informationen – insbesondere auch ohne jede klinische Inspektion – stelle ich, Joachim Wagner, Zahnarzt, folgende Diagnose: Frau D. leidet unter einem lupenreinen Fall von Neuropathie des Trigeminus. Beweisführend ist dabei:

  • 1. Die lange Zeit zwischen dem Auftreten der ersten schlimmen Mundschmerzen und der Behandlungsresistenz der Schmerzen bis heute mit zahnärztlichen Mitteln, hier 5 Jahre.
  • 2. Das Scheitern aller Behandlungsschritte, unabhängig vom Behandler (insgesamt 4 Zahnärzte), unabhängig vom Material (Kunststoff, Zement), unabhängig vom Schritt (Füllung, Wurzelbehandlung, Implantat).
  • 3. Die auffällige Schmerzqualität  und -quantität: die Patientin leidet unter Juckschmerzen bis 10 von 10 im Mund! Darüber sollte man als Zahnarzt niemals einfach zur Tagesordnung übergehen. Eine solche Schmerzbeschreibung muss die Alarmglocken klingen lassen.
  • 4. Der 24 Stunden Lokalanästhesietest der Uniklinik Münster verlief eindeutig negativ: bei einem lokal verursachten Schmerz hätte der Schmerz praktisch für einen Tag verschwinden müssen.
  • 5. Der Positiv Test mit Gabapentin, ein Medikament welches bekanntlich zur Erstgarnitur bei der Bekämpfung von neuropathischen Schmerzen gehört. Gabapentin ändert im Hirn und Rückenmark die Eigenschaften so genannter Ionenkanäle und dadurch die Erregbarkeit der Nervenzellen in der zentralen Schmerzverarbeitung. Dort ist die Ursache der Schmerzen von Frau D. zu suchen.

Therapieempfehlungen

Ganz offensichtlich spricht die Erkrankung des Trigeminus von Frau D. gut auf die Gabe von Gabapentin an. Das sollte schlichtweg für eine längere Zeit fortgesetzt werden. Es ist davon auszugehen, dass die Patientin eine genetische Komponente in Richtung Überempfindlichkeit des Trigeminus vererbt bekommen hat. Darauf weist ihre Empfindlichkeit gegen Wind im Gesicht hin. Deshalb kann nicht entschieden werden, ob Gabapentin nicht vielleicht ein Dauermedikament werden wird. Das muss dem Schmerzbehandler vor Ort überlassen werden.

Hinweise für die beteiligten Zahnmediziner:

  • 1. Neuropathiker des Trigeminus brauchen eine grundsätzlich andere Einstellung des Zahnarztes zur Zahnmedizin: möglichst nichts tun.
  • 2. Obwohl wir nur für das Bohren bezahlt werden, rächt sich dieses Vorgehen bei Neuropathiker regelmäßig. Daraus folgt: Karies nie im Mini- oder Microstadium behandeln, sondern über Jahre beobachten. Nur im Spätstadium eingreifen, lieber Xylitol, CHX und die elektrische Zahnbürste verordnen.
  • 3. Keine Komposite Füllungen in Backenzähnen von Neuropathikern, Kurzbegründung: die Versagerquote liegt bei diesen über 50%
  • 4. Wurzelbehandlungen sind mit äußerster Zurückhaltung zu indizieren. In den häufigsten Fällen liegt bereits bei der Indikationsdiagnose “irreversible Pulpitis” ein Denkfehler in dem Sinn vor, dass der betroffene Zahn zwar Symptome macht, aber in Wirklichkeit nur an einer vorübergehenden Zahnmigräne leidet. Letztere gibt es wirklich und ist die Bezeichnung des Kollegen Dr. Benoliel, Tel Aviv, Israel.

 

Kommentar

Wunderheilungen in dieser Form, also 5 Jahre leidet die Patientin unter praktisch unbekämpfbaren Extremschmerzen und dann kommt ein Zaubermittel vom Wunderheiler aus Leverkusen und Simsalabim sind die Schmerzen fort, gehören in meinem Metier, nämlich dem systematischen Studium und der Patientenberatung von Neuropathien des Trigeminus trotz aller Erfolge immer noch zu den Ausnahmen. Leider profitieren nur 50% aller Schmerzgeplagten von medikamentösen Maßnahmen gegen die krassen Dauerschmerzen, die scheinbar von den Zähnen, dem Kiefer oder dem Zahnfleisch ausgehen, aber auf keine zahnärztliche Maßnahme ansprechen.

Aber immerhin kommen solche Fälle vor, in denen es für den Patienten darauf ankommt, erstens die Krankheit als solche zu erkennen, und zweitens die vernünftige Tabletten- Behandlung zu verordnen. Das kann der Zahnmediziner aber nicht leisten, wenn er von seinen Lehrern (sprich seinen Universitäts Professoren) nie in seiner Ausbildung und auch nicht danach die Existenz der Erkrankung „Neuropathie des Trigeminus“ gehört hat.

Und sage an dieser Stelle bitte auch keiner mehr, dass es sich um ein so seltenes Krankheitsbild handeln würde, dass es sich nicht lohne, dafür die Ausbildung zu ändern. Ausweislich meiner (Joachim Wagner, Zahnarzt) Praxis Statistik liegt der aktuelle Stand der nachwiesenen Neuropathie Betroffenen bei 63 Frauen und 3 Männern bezogen auf einen Gesamtbestand von etwa 3.000 bis 5.000 Gesamtpatienten der Praxis, was eine Lebenszeit -Prävalenz (Vorkommenshäufigkeit) der Trigeminus Neuropathie bei Frauen von mindestens 3% nahelegt. Damit rückt diese Erkrankung als Ursache für viele Schmerzerscheinungen weiter nach vorne und schiebt sich bei den aktuell rückläufigen Zahlen für Karies häufiger in den Mittelpunkt, als vielen Standesvertretern bewußt ist.

3 Kommentare zu “Brenn- und Juckschmerz Stärke 10 von 10 beseitigt

  1. Trigeminus-Neuropathie auch bei mir?
    auch ich war gestern beim Zahnarzt, der meinen starken Schmerzen im rechten Kiefer keine Erkrankung der Zähne zuordnen konnte (kein Karies, keine Wurzelentzündung auf Röntgenbild). Da ich vor einem halben Jahr ähnliche Symptome, allerdings auf der linken Seite hatte, die nach der Ummantelung der Zähne etwas nachließen und dann ganz verschwanden, tippte er auf Probleme mit dem Trigeminus. Da meine Tante Trigeminus-Neuralgie hat, weiß ich, dass die Symptome typischerweise immer auf der selben Seite auftreten. Auch ein Brennen der Zähne, als wenn sie wund wären, trat bei ihr nicht auf. Also versuchte ich Infos im Netz zu finden. Meine Art der Schmerzen entsprechen ziemlich genau denen der hier beschriebenen Trigeminusneuropathie. Schmerzmittel bringen kaum Linderung. Sollte ich also morgen meinen Hausarzt vorschlagen, mir Gabapentin (300 mg) zu verordnen, zur Erstversorgung. Damit ich die Wartezeit bis zum Termin beim Neurologen noch irgendwie überlebe?

  2. RE: Brenn- und Juckschmerz Stärke 10 von 10 beseitigt
    Hallo Frau Simon, Ich sehe das genau wie Sie: Sie benötigen dringend Antineuropathika und zwar Antineuropathika für den Trigeminus. Ich empfehle, wie Sie auch angenommen haben, Gabapentin und wenn die Wirkung nach einer Woche nicht ausreicht auch noch Amitriptylin . Viele Grüße Joachim Wagner

  3. Wahrscheinlich Trigeminus
    Hallo Herr Wagner,
    vielen Dank für die schnelle Antwort. War heute bei meinem Hausarzt und der hat mir nach Schilderung der Symptomatik sofort Gabapentin verschreiben und mich an den Neurologen überwiesen. Wenn ich die Leidenswege im Forum lese, bin ich unendlich dankbar, dass mein Zahnarzt und mein Hausarzt mir das erspart haben! Und Ihnen für diese phantastische Seite, denn man fühlt sich doch, als ob man in ein tiefes Loch fällt, wenn der Zahnarzt nichts gegen die Schmerzen tun kann!

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