Auch Dr. Schierz: Gelenkbahn Vermessung vermutlich nutzlos

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Früher war der Osten rot und dazugehörenden Fahnen auch. Selbst der Wissenschaftler jenseits des eisernen Vorhangs war berechenbar, weil die Partei keine Überraschungen von vorwitzigen Akademikern erleben wollte. Neuerdings erlaubt sich aber der ein oder andere wissenschaftliche Mitarbeiter in Dresden, Leipzig und Jena – um nur einige Standorte herauszugreifen – das selbstständige Denken anzufangen und außerhalb der ausgetretenen Pfade zu recherchieren. Das geschieht derzeit in Leipzig in der Universitätsklinik für Zahnärztliche Prothetik. Dort wirkt seit 2000 Dr. Oliver Schierz als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Auffällig an seinen bisher zu lesenden Werken ist die Tendenz, sich von der in Deutschland (Ost und West) herrschenden Meinung zu lösen, TMD (in Deutschland noch hartnäckig CMD genannt) sei eine Erkrankung, die der Hilfe von mikrometergenauer Mundmechanik bedürfe.

Zusammen mit Dr. Daniel R. Reißmann schrieb Oliver Schierz im September 2008 den zweiteiligen SchierzAufsatz „Die elektronische Vermessung der Gelenkbahn“ , aus dem ich das Schlußkapitel zitieren möchte:

Zitat

Fazit
Es stellt sich nun die Frage, inwieweit die Vermessung der Gelenkbahn einen Nutzen for den Patienten mit sich bringt. Dieser Nutzen kann in Form einer effektiveren Therapie, dem Unterlassen einer unnötigen Therapie oder der Vermeidung weiterer beziehungsweise anderer diagnostischer Maßnahmen bestehen. Gleichzeitig sollte die Gelenkbahnvermessung keinen Schaden am Patienten hervorrufen. Für die Gelenkbahnvermessung im Rahmen einer umfangreichen prothetischen Rehabilitation liegen aktuell keine sicheren Belege für einen direkten Nutzen für den Patienten vor. Eine Studie belegt sogar, dass bei Anfertigung von Totalprothesen durch die Anwendung umfangreicher Registriermaßnahmen kein zusätzlichen Nutzen fUr die Zufriedenheit des Patienten zu erreichen ist22. Inwieweit der Patient im individuellen Fall von einer Gelenkbahnvermessung und der individuellen Programmierung des Artikulators dennoch profitieren kann, lasst sich nicht abschließend beantworten.
Obwohl eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft for Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde die instrumentelle Fu nktionsanalyse als ein wissenschaftlich anerkanntes Diagnoseverfahren darstellt’1, wird über den Wert der Gelenkbahnaufzeichnung für funktionsdiagnostische und therapeutische Zwecke kontrovers diskutiert2. Einige Autoren sehen durchaus Vorteile im Verfahren der Gelenkbahnvermessung. So nutzten Olaf Bernhardt und Kollegen die Axiografie bei Patienten mit unklaren Befunden bei der klinischen Kiefergelenkdiagnostik zur Einteilung von Erkrankungen in Mikro- und Makrotraumata und zur Einleitung einer entsprechenden Therapie23. Es wurden weiterhin verschiedene Gelenkparameter z. B. Länge der Gelenkbahn und Überkreuzungen der Gelenkbahnen – überprüft, um auf pathologische Veränderungen im Kiefergelenk Rückschlüsse ziehen zu können24. Die einzelnen Gelenkparameter gewähren bisher allerdings keine zuverlässige Zuordnung zu spezifischen Diagnosen25 26.
Ein Argument for die Anwendung elektronischer Verfahren bei der Kiefergelenkdiagnostik ist die starke Korrelation instrumentell gewonnener Befunde der Gelenkbahnvermessung mit den klinisch gewonnenen Befunden. Dieses Argument ist dahingehend wenig überzeugend, als dass es die Frage aufwirft, warum zusätzlich zum klinischen Befund eine instrumentelle Funktionsanalyse überhaupt sinnvoll ist, wenn hierdurch lediglich vorhandene Befunde bestätigt und keine therapeutisch relevanten neuen Informationen generiert werden. Da sich mit der elektronischen Gelenkbahnvermessung gesunde Probanden nicht zuverlässig von funktionell erkrankten Patienten unterscheiden lassen, besteht vielmehr sogar das Risiko einer falschen Diagnose und die Einleitung einer nicht indizierten Therapie. Daher wird der Einsatz instrumenteller Verfahren, wie der elektronischen Gelenkbahnvermessung, nur in Ausnahmefällen im Rahmen der Kiefergelenkdiagnostik empfohlen, wenn durch Anamnese und klinische Untersuchung keine klare Diagnose gestellt werden konnte28. Inwieweit hierdurch aber ein Nutzen for den Patienten entsteht, kann derzeit nicht beantwortet werden. Teilweise wird daher der Wert dieses Verfahrens sogar auf ein reines Dokumentationsinstrument reduziert291. Im Rahmen der Kiefergelenkdiagnostik bilden weiterhin die ärztliche Anamnese und die klinische Funktionsdiagnostik den Standard. Der Einsatz von Systemen zur elektronischen Gelenkbahnvermessung sollten, wenn überhaupt, nur zusätzlich erfolgen.
16    DIGITALDENTALNEWS 2. Jahrgang. September 2008

Schlussfolgerung
Die elektronische Vermessung der Gelenkbahn kann hauptsächlich aufgrund zweier Intentionen erfolgen. Während die Vermessung zum Zweck der Artikulatorprogrammierung im Laborversuch zu einer Verbesserung der okklusalen Parameter führte, steht ein Nachweis für die klinische Relevanz jedoch noch aus. Die Vermessung zum Zweck der Funktionsanalyse birgt die Gefahr einer Übertherapie und kann derzeit in der Praxis nur zur Verifizierung und Dokumentation von klinisch unklaren Gelenkpathologien empfohlen werden. Ihr Einsatzgebiet wird hauptsächlich in Lehre und Forschung gesehen.

Die Literaturliste kann bei der Redaktion angefordert wetrden.

Kontakt
Univesität Leipzig – Polildinik for ZahnäztIiche Prothetik und Werkstoffkunde
Nürnberger StraI3e 57
D-04103 Leipzig
www.prothetik-Ieipzig.de
Dr. Oliver Schierz Leipzig, Deutschland
1993-1994 Ausbildung zum Zahntechniker
1995-2000 Studium der Zahnmedizin an der Univesität Leipzig
2000 Zahnärztliche Approbation
2004 Promotion I seit 2000 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der
Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde des Universitätsklinikums Leipzig, seit 2005 Oberarzt an der Poliklinik for Zahnärztliche Prothetik u nd Werkstoffkunde des Universitätsklinikums Leipzig
Kontakt: oliver.schierz@medizin.unrleipzig.de

 

Zitat Ende

 

Kommentar

Kollege Schierz aus Leipzig fällt jetzt zum dritten Mal angenehm auf:

Ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) will ja nicht schon von Trendwende reden, aber die Zeichen der Zeit deuten auf einen ganz allmählichen Beginn des Siegeszug der Vernunft beim Verständnis der Erkrankung TMD in Deutschland hin. Der Tag wird kommen, an dem der unsägliche Begriff Dysfunktion aus der Bezeichnung CMD endgültig eliminiert wird. Und daran werden die deutschsprachigen TMD Profis wie Türp, Palla, Schindler, Madsen, Schierz etc maßgeblichen Anteil haben. Ob es den eingefleischten Funktions-CMDler aus der Reihe Ahlers, Jakstadt, Freesmeyer, Kordaß, Slavicek etc. gefällt oder nicht: Der Zug fährt an, aber nicht in ihre Richtung.

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