Experten und Zocker – unsere Privatzahnärzte

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Ein nicht begeisterter Privatpatient schreibt hier im Forum:

………………… Schon faszinierend, was einem als Privatpatient alles angeboten wird: Der eine will sofort alle Zähne röntgen, selbst wenn das schon ein Jahr vorher gemacht wurde. Bei nächsten wird einem Elektroakupunktur angeboten, woanders Funktionsdiagnostik, Wurzelspitzenresektionen, etc. Und der Endodontologen verlangt einen derart hohen Satz bei der Abrechnung, dass meine private Kasse selbstverständlich ablehnt.

Nach wie vor habe ich immer noch nicht wieder den halbwegs schmerzfreien Zustand erreicht, den ich vor dem Beginn der Zahnarztodysee vor zwei Jahren hatte. Ich spiele mittlerweile ernsthaft mit dem Gedanken, mich trotz der damit verbundenen Kosten in den USA behandeln zu lassen, wo ich einmal gelebt habe, und wo die Ärzte und Zahnärzte nach meiner Erfahrung zwar teuer, aber dafür verlässlich sind. ……………


Die zahnärztlichen Tarife in den USA sind alles andere als günstig. Ein Implantat für 3000 $ (incl. Krone), die Endo-Behandlung für 1500 $, die Krone für 500 bis 1000 $ (das Labor sieht davon 100 $). Warum benutzt der Patient in diesem Zusammenhang das Wort „verlässlich“? Wegen der hohen Wahrscheinlichkeit, als Zahnarzt mit einer „malpractice suit“ überzogen zu werden. Das sind von Patienten angestrengte Schadenersatzverfahren wegen echter oder vermeintlicher Falschbehandlung. Es geht hier um Big Business.

PriceWaterhouseCoopers schätzt die Gesamtkosten aller Maßnahmen zur Vermeidung, Abwehr und Bezahlung juristischer Folgen des ärztlichen Tuns auf satte 10% der gesamten Medizinkosten. Hier eine Probe: „In 2004 medical malpractice costs totaled over $28.7 billion, up from about $26.5 billion the previous year.“

In den USA überlegt es sich jeder Kollege dreimal, bevor er auf seine Patienten einen dieser (nicht EBM) Sätze losläßt:

  • Amalgam ist gefährlich, deshalb sollten Sie die Füllungen austauschen lassen.
  • Ihre Schmerzen kommen von zu hohen Frühkontakten, deshalb brauchen Sie eine Funktionsdiagnose.
  • Wir machen mal eine WSR und dann verschwindet das Problem am Schneidezahn.

Jeder einzelne dieser Sätze wird ihm nämlich in einem Schadenersatzprozess von dem Sachverständigen (ADA gelisteter Kollege, Grundlage: wissenschaftliche Evidenz) zu Recht zerpflückt, und die Versicherung kündigt ihm nach Zahlung von 1.000.000 $ an den Geschädigten den Versicherungsschutz. Dann ist der Kollege nicht mehr arbeitsfähig. Und einen Prozess anfangen ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine der leichtesten Übungen: bei einer Rechtsanwaltsdichte von 60 : 1 (auf 60 Einwohner einen Anwalt !) und der üblichen Vorgabe, dass der Anwalt nur erfolgsbezogen kassiert – let’s have a trial.

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