Chemotherapie macht extreme Neuropathie

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IMG_0296 Heute ist Frau M.P. (59) wieder in der Lage, meine Zahnarztpraxis zu besuchen, weil sie sich von ihrer neuesten Darmkrebsbehandlung durch  Operation und nachfolgender chemischer „Kur“ wieder leidlich erholt hat. 1999 erfolgte der erste Eingriff gegen den Krebs, 2003 der zweite und 2010 nun die Nummer 3.

Auszug aus dem Arztbrief der Krebsabteilung der Klinik zur Chemotherapie: “ f) 11 Kurse einer adjuvanten Chemotherapie nach FOLFOX-IV-Schema mit Oxaliplatin (130 mg Tag 1, Verzicht ab Kurs 5 wegen Polyneuropathie) / Calciumfolinat (300 mg Tage 1+2) / 5-Fluorouracil (Bolus mit 620 mg Tage 1+2 und 930 mg über 20 h Tage 1+2) seit 03/2010.“

 

Was sich im Arztbrief der Krankenhausärzte so kurz und trocken unter „Verzicht ab Kurs 5 wegen Polyneuropathie“ findet, beschreibt mir die Patientin von Angesicht zu Angesicht erheblich drastischer. Sie bekam durch das erwähnte Oxaliplatin:

  • taube Finger
  • Brennen im Mund
  • derart überempfindliche Zähne, dass sie kein Brot mehr, also fast nichts mehr essen konnte

Und weil der Zustand noch immer anhält, ist sie nicht in der Lage, ihre Zähne mit der Zahnbürste zu bearbeiten. Bei der zahnärztlichen Befunderhebung heute versuche ich, mit einer zahnärztlichen Sonde die Zahnhälse auf Erweichung (= Karies) abzutasten. Rechts oben (= 1. Quadrant, Versorgungsgebiet des 2. Trigeminusastes rechts) ist das nicht möglich; die Patient zuckt so stark vom Metallinstrument weg, dass ich auf eine rein optische Betrachtung der Oberflächen angewiesen bleibe. Links oben (= 2. Quadrant, Versorgungsgebiet des 2. Trigeminusastes links) erträgt Frau P. die Berührung der Zahnhälse mit der zahnärztlichen Sonde dagegen ohne jede Klage. IMG_0297

Dazu erläutert sie mir, dass die gewaltige Überempfindlichkeit bei ihr hauptsächlich nur den Oberkiefer betrifft und interessanterweise sich die Seiten abwechseln. Wenn also die rechte Seite hoch empfindlich ist, läßt es links nach und umgekehrt.

Die eingesetzten Mittel in der Chemotherapie machen sich den Umstand zu nutze, dass Krebszellen sich viel häufiger teilen, also wachsen, als normale Körperzellen. Kurz gesagt, Chemotherapeutika sind in der Regel Zellteilungsgifte, sie be- oder verhindern die Zellteilung. Die Nebenwirkungen solcher Mittel betreffen deshalb auch besonders alle sich häufig teilenden Körperzellen, bekannt sind Haare-, Darm- und eingeschränkt Nervenzellen.

Den Doktoren der Krebsklinik war diese Nebenwirkung ihres Mittels auf den Trigeminus offensichtlich schon bekannt, weil sie das in ihrem Bericht ausdrücklich erwähnen. Mir nicht.

 

Auffällig

am hier gezeigten tatsächlichen Fall von Frau M.P. sind die Muster der ausgelösten Polyneuropathie (= mehrfachen Nerverkrankung). Während die langen Nerven aus der Wirbelsäule (= Spinalnerven) z.B. in die Hand einfach taub werden, geschieht beim Kopfnerv Nummer 5, dem Trigeminus das genaue Gegenteil: er wird heftigst überempfindlich. Der Mund brennt, die Zähne dürfen mit nichts mehr in Berührung kommen, soll der starke Schmerz vermieden werden. Dazu kommt noch der seltsame Seitenwechsel der Überempfindlichkeit. Noch fehlt es an grundlegender Forschung, warum sich der Trigeminus Nerv so anders als der Nerv in die Finger hinein verhält, obwohl beide vom gleichen Chemotherapeutikum beschädigt wurden. Von der Klärung dieser Frage würden auch alle Zahnpatienten profitieren, deren Problem nicht wirklich von ihren Zähnen herrührt.

 

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