Eine WSR und dabei 4 dicke Fehler begangen

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Bild 1

Wie immer handelt es sich bei diesem Fall in Zahnfilm DE um einen aus dem wirklichen Leben. Die Betroffene schreibt im Forum zahnforum.org  folgendes:

 

Vollbildaufzeichnung_30.10.2010_144704Zitat

ich hab ein Problem am 7.9.2007 wurde an einen zahn(vorletzter Backenzahn)eine WSR  durchgeführt. Ich habe mir die Röntgenbilder vom Arzt per Mail schicken lassen, weil ich im mai dieses jahre böse schmerzen bekam, und ich mich selbt überzeugen wollte, was der Notzahnarzt gesagt hat. Er hat auf dem Röntgenbild  gesehen das der Zahn, der resesziert werden sollte, noch eine wurzelspitze hatte(die eigentlich entfernt werden sollte), und dem letzen Backenzahn auch eine wurzelspitze fehlte. Machen sie sich selbst ein Bild, anbei die Röntgenbilder. Können sie mir bitte ihre meinung dazu sagen. Über ihre antworten bin ich dankbar:)

Zitat Ende

Und jetzt kommt Bild 2Vollbildaufzeichnung_30.10.2010_144616

Die ersten 2 Fehler ergeben sich bereits im Bild 1 in dem Moment, in dem der Behandler äußert, eine WSR = Wurzelspitzenresektion = Entfernung der Wurzelspitze vornehmen zu wollen.

Fehler 1

Warum um alles in der Welt wollte der Zahnarzt überhaupt die Wurzelspitzen irgendeines Zahns rechts unten abschneiden? Das qualitativ eher minderwertige OPG (= Orthopantomogramm), aus dem der Bildausschnitt stammt, rechtfertigt auf keinen Fall einen derart brutalen Eingriff. Beide Wurzelspitzen des Zahn 46 sind ohne erkennbare Entzündung, denn sonst müssten dort dunkle Stellen zu sehen sein. Die einzige dunkle Stelle befindet sich in der Teilungsstelle der beiden Wurzeln viel weiter oben und daran ist  wahrscheinlich durch einen Seitenkanal ausgetretenes weißes Wurzelfüllmaterial (siehe Bild 1) schuld. Die Patientin berichtet nicht von „bösen Schmerzen“ im September 2007, also vor der WSR, sondern von solchen im Mai 2010. Diese wurden 100% sicher durch die WSR verursacht, erstaunlicherweise aber erst mit 2 1/2 Jahren Verspätung.

Fehler 2

Der Zahn 45 befindet sich in den Bildern rechts von dem mittleren (wurzelgefüllten) 46. Für jeden teilbegabten Zahnbohrfachmann britzelt dort die ganz helle rote Blinkleuchte „hier ist eine riesige fette Karies im Gange“. Das bedeutet für den normal tickenden Bohrer, dass er alle anderen Pläne zunächst fallenläßt und sich gefälligst ausschließlich dem Vitalerhalt (= Lebenderhalt) des Zahnnerven 45 widmet. Denn das wird schwer genug, so tief, wie die Matsche (= Karies) in dem Zahn 45 vorgedrungen ist. Aber nein, unser Mann von der Operationsabteilung interessiert sich ja nicht für die gemeine Karies, er sucht die Herausforderung – und wühlt sich lieber (zu) schräg durch den Unterkieferknochen.

 


Fehler 3

Diesen Fehler sieht jeder: statt der 2 Wurzeln des wurzelgefüllten Zahns 46 in der Mitte, wurde die hintere Wurzel von 46 und die vordere Wurzel von 47 wurzelresiziert. An dieser Stelle möchte ich feststellen: errare humanum est = irren ist menschlich. So krass wie der Fehler hier im konkreten Fall auch erscheinen mag,es  sage mir aber niemand, das könnte ihm nicht passieren.

Fehler 4

Jetzt kommt der unsichtbare, aber schlimmste Fehler. Die Patientin hatte keine Ahnung von dem Fehler 3, der dem Behandler im September 2007 unterlaufen ist, weil der Mann es nicht über sich gebracht hat, seinen Bockmist einzugestehen. Möglicherweise war er so besoffen von seiner – in seinen eigenen Augen – „gelungenen“ Blutorgie, dass er glatt die Wurzelzuordnung im Kopf ausgeblendet hat. Peutetre. Jedenfalls überraschte der Notdienstzahnarzt die Patientin  2 1/2 später mit der Hiobsbotschaft, dass wohl bei der WSR die Wurzelspitzen der letzten beide  Zähne verwechselt worden sein müssen.

 

Schadensbegrenzung

Ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) weiß natürlich auch nicht, welcher der 3 gefährdeten Zähne 47,46,45 im Mai 2010 den richtig „bösen Schmerz“ verursacht hat. Realistisch betrachtet dürfte der 47 oder 45 die Ursache gewesen sein. Wie dem auch sei, lautet die Formel für eine möglichst sinnvolle Schadensbegrenzung jetzt so:

  • 1. Versuch einer Lebenderhaltung 45 .
  • 2. Systematische Desinfektion des bakteriell infizierten und hochwahrscheinlich gangränösen (= ohne lebende Zellen) Zahns 47, vorzugsweise nach dem Timbuktu Protokoll, welches unter www.tarzahn.de gut beschrieben wird.

 

Forderung an die Politik

Angenommen, in Deutschland würden auch nur annähernd die strengen gesetzlichen Regeln im Arzthaftungrecht gelten wie in den USA, dann müßte sich die Haftpflichtversicherung des Behandlers hier auf eine Schadenssumme im bis zu 7-stelligen (= 1 Million) Eurobereich an Schmerzensgeld, sonstiger Entschädigung und Strafe für das Verschleppen der  Fehleraufklärung einstellen. Denn dass hier klare Fehler zahnärztlicher aber besonders solche der Aufklärung nach der OP vorliegen, ist sicher und auch leicht beweisbar. Solche Steilvorlagen landen in den USA immer (!) vor dem Kadi, dafür sorgt schon der Hunger des gewaltigen Rechtsanwaltsheeres auf die übliche Gewinnbeteiligung (bis 50%) aus der erstrittenen Entschädigungssumme.

Nur: Wir befinden uns mitten im alten Europa, in Deutschland, da wo für das grob fahrlässiges Verschulden eines Todesfalls durch einen niedergelassenen Arzt  vor dem Amtsgericht Leverkusen ein „Schmerzensgeld“ von 15.000 (Fünfzehntausend) Euro zugesprochen wird. Wenn Sie das für einen Skandal halten, dann sage ich Ihnen; es ist einer. Warum unmotivierte Amtsrichter solche Billigstabspeisungen zugunsten der ärztlichen Haftpflichtversicherungen für korrekte Urteile „im Namen des Volkes“ halten, ich weiß es nicht. Nur darf man sich als Geschädigter keinen Illusionen hingeben, der „Verbraucherschutz“ im Bereich der so genannten „Kunstfehler“ durch Ärzte findet in Deutschland de facto (= in Wirklichkeit) kaum statt.

Dafür sorgen die Hürden bei der Ingangsetzung einer Anklage, für die der Patient a) einen langen Atem, b) viel Zeit, c)  viel Geld und d) einen aufgeweckten Anwalt braucht. Fehlt es auch nur an einer dieser Zutaten, würde ich erst gar nicht anfangen. Und der Patient sollte sich auch noch moralisch darauf einstellen, dass das Gericht in erster Linie nur das Verfahren schnellstmöglich beenden will, am liebsten durch einen Vergleich (= fauler Kompromiss) und im Falle einer nicht mehr zu vermeidenden Verurteilung des Arztes bzw. Zahnarztes durch das Austeilen eines Trostpreise an den Geschädigten in lächerlich niedriger Höhe.

Nun die Forderung

Die Entschädigungen für nachgewiesene „Kunstfehler“ sollten endlich auch hierzulande auf ein halbwegs menschenwürdiges Maß angehoben werden. Darunter verstehe ich, dass ein grob fahrlässiger Todesfall niemals unter einer Million Euro ausgehen darf, egal wie wichtig oder nicht der Verstorbene war. Einerseits würde eine solche Maßnahme die riesige Kluft zwischen der Theorie der Unbezahlbarkeit eines Menschenlebens und der schäbigen Abfindungspraxis in den wirklichen Schmerzensgeld Prozessen verkleinern. Aber andererseits – und darauf käme es viel mehr an – würden die um den Faktor 10 bis 100 vervielfachten Schadenssummen den Druck der Versicherungsunternehmer auf ihre Doktoren etwa verhundertfachen. Das sieht dann im Extremfall so aus wie in den USA: der Versicherungsschutz eines einzelnen Zahnarztes liegt heute bei bis zu 20.000 US-$ pro Jahr und der schlimmste Fall tritt dann ein, wenn die Versicherung nach einem verlorenen Prozess und Zahlung dem Zahnarzt die Versicherung kündigt. Dann findet er keinen anderen Versicherer mehr und ist allen Ernstes zur Ausübung des Berufs in den USA nicht mehr fähig. Das wiederum wissen alle Zahnärzte dort drüben ganz genau, was die Kollegen dort zu erheblich regelgerechterem Behandeln veranlaßt.

Und darum geht es.

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