Der Holländer ändert auch einfach den Biss

P1020524Prof. Dr. Cees de Baat, Prof. Dr. Arie van Nieuw Amerongen und Prof. Dr. Frank Lobbezoo haben 2009 zusammen ein Buch mit dem Titel „Gebitsslijtage“ (= niederländisch für Gebiss – Abrieb, Abnutzung) herausgegeben, das auf 251 Seiten  einen gut bebilderten Überblick verschafft, wie die akademischen Vordenker der Universitäten Nijmegen (Baat) und Amsterdam (Amerongen und Lobbezoo) sich heute das Gesamtgebiet Erosion und Knirschen vorstellen. Und zwar zum Glück mit geringem Theorie-, aber großem Praxisteil.

 

Aus dem Praxis teil kommt die Fallvorstellung „Casus 9“, der so beginnt:

Zitat

Gegeven
Een 26-jarige vrouw was drie jaar geleden door de huistandarts verwezen naar een academisch centrum voor tandheelkunde in verband met ernstige gebits- slijtage. Zij had geen enkele klacht. De diagnose luidde toen erosie met  maagzuur als zeer waarschijnlijke oorzaak. Daarom had zij het advies gekregen zich te laten onderzochen door een maag-darm-leverarts. Deze heeft inderdaad gastro-oesofageale reflux gediagnosticeerd, maar gezien haar jonge leeftijd nog geen therapie ingesteld en zich beperkt tot het geven van adviezen over haar slaaphouding. Omdat de gebits slijtage daarna toch nog progressief bleef, wird zij door de huistandarts verwezen naar een centrum voor bijzondere tandheelkunde.“

Zitat Ende

Auf Deutsch:

Daten
Eine 26-jährige Frau wurde vor drei Jahren durch den Hauszahnarzt an das akademische Zentrum für Zahnmedizin überwiesen, um die Ursache für den schweren Zahnabrieb zu finden. Sie hatte keine Beschwerden. Die Diagnose Säureerosion wurde als sehr wahrscheinliche Ursache ermittelt. Deshalb wurde ihr empfohlen, sich einer Untersuchung bei einem Magen-Darm-und Leberarzt zu unterziehen. Dort wurde in der Tat gastroösophagealer Reflux (= zurücklaufende Magensäure) diagnostiziert, aber aufgrund ihres jungen Alters wollte man keine Therapie, z.B. eine Beratung über ihre Schlafposition, durchführen. Da die Auflösung der Zähne damals noch progressiv war, wird sie durch den Hauszahnarzt zu einem Zentrum für spezielle Zahnheilkunde überwiesen.

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Bild 1

Die 26 jährige Frau leidet noch nicht bewußt. Aber dem Betrachter der ersten Aufnahme fällt sofort der Verlust der Ecke am rechten mittleren Schneidezahn  (11) auf. Und aufgrund des Verlaufs der Schneidekanten aller Schneidezähne weiß jeder Behandler auch instinktiv, dass in diesem Gebiss zuviel Druck, zuviel Kraft und zuwenig Höhe und zuwenig Platz vorhanden ist. Nur ein Anfänger versucht hier noch, isoliert die Ecke des Zahns 11 mit Kunststoff aufzubauen.

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Bild 2

offenbart, dass mindestens 2 Millimeter Höhe alleine im Unterkiefer auf den beiden 6-ern (= vorletzte Backenzähne) fehlen. Der Zahnschmelz fehlt auf der kompletten Kaufläche und vom Dentin wurde auch bereits etliches entfernt. Die Diagnostiker führen es auf (nachts) rückfließende Magensäure zurück.

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Bild 3

Genau so sehen Magensäure Erosions Fälle in relativ jungen Jahren im Oberkiefer aus. Alle Palatinalflächen (zum Gaumen geneigte Flächen) der Oberkieferzähne haben große Substanzverluste erlitten, in der Regel wurde die komplette Schmelzschicht abgetragen.

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Beweisfoto 4

Ohne langes Nachdenken beschichten die niederländischen Kollegen alle Palatinalflächen der 6 Schneidezähne mit einer ordentlich dicken Schicht aus Kunststoff in der Größenordnung der früheren Schmelzschicht.

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Bild 5

Das Ergebnis zeigt sich sofort im Biss. Was vorne in der Höhe aufgeschichtet wurde, fehlt anschließend hinten zwischen den Backenzähnen

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Bild 6

Ebenso auch auf der linken Seite.

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Bild 7

Weil therapeutisch ein Umkehren des Schmelzverlustes beabsichtigt war, haben sich die Behandler für das Aufkleben von Keramikteilchen ohne eine Präparation (= ohne vorheriges Schleifen) an den Zähnen entschieden.

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Bild 8

Die Bilder 7 und 8 zeigen den Zustand nach dem Fertigstellen der Keramik.

 

Niederländische Besonderheiten

Im Unterschied zu deutschen Lehrbüchern lichten die Kollegen aus dem benachbarten Flachland nirgendwo in ihrem Buch bei ihren Bisshebungen die Werkzeuge aus der Bissvermesser-Kiste ab. Vergeblich wartet man als deutscher Prothetiker also darauf, dass chromblitzende Bissgabeln, Gesichtsbogen, Artikulatoren oder Computer-Anschlüsse hochwichtig ins Bild gehalten werden. In der Tat bringen es die Tomatenfarmer fertig, auf den kompletten 251 Seiten über Knirschen, Bißhöhe und deren Reparatur nur ein (!) einziges Bild eines Artikulators einzusetzen. Und das auch nur um eine solide Bisshebung – ohne Schiene natürlich – für die Leser des Buchs optisch besser darzustellen. Welch ein Gegensatz zu den Materialschlachten unserer bissgläubigen „Funktionsspezialisten“.

Zwischen Bild 3 und Bild 4 vermisst der deutsche Durchschnitts Zahnarzt eine 5 seitige Theorie Abhandlung, wieso und warum es erlaubt ist, einfach 1 mm bis 2 mm Material unter die Frontzähne zu pappen. Diese Bilder verunsichern ihn. Für den einfachen Wald- und Wiesenzahnarzt stellt eine solche Maßnahme bis heute – wir reden vom Beginn des Jahres 2011 – noch immer ein Sakrileg, also eine schwere Sünde dar. Ja, sicher. Was da alles passieren kann. Das Kiefergelenk könnte explodieren, die Schneidezähne schwerstens geschädigt werden, die Schmerzen unendlich …

 

Keep cool

Bezeichnenderweise verliert das Verfassertrio Baat, Amerongen und Lobbezoo in der ganzen Fallbeschreibung 9 praktisch kein Wort über „den Biss“. Sie machen einfach. Sie labern nicht, sondern zeigen, wie es geht. Denn sie sind dazu berechtigt, weil sie nicht zum ersten Mal genau diese Behandlung genau so – natürlich ohne „Biss-Komplikation“ – durchziehen.

 

Kommentar

Deutschland braucht noch 10 Jahre, bis hier ein ähnliches Buch von einem Professor in ähnlich hoher Position veröffentlicht werden wird. Wer es nicht weiß: Alle 3 Autoren Prof. Dr. Cees de Baat (101), Prof. Dr. Arie van Nieuw Amerongen (43) und Prof. Dr. Frank Lobbezoo (116) gehören in die intellektuelle Schwergewichtsklasse. De Baat und Lobbezoo betätigen sich wissenschaftlich im eigentlichen Zahnmedizin Bereich, van Nieuw Amerongen an der Schnittstelle Biochemie/ Zahnmedizin. Die Zahlen in Klammern geben die zur Zeit bei Medline abrufbaren englischsprachigen Arbeiten der Genannten an.

Wer also denkt, „was interessiert es mich, was ein holländischer Hansel in seinem holländischen Buch schreibt“, ist gut beraten, sich zu informieren, mit wem zusammen beispielsweise Dr. Lobbezoo Studien veröffentlicht hat. Ich zähle hier nur den Bereich der RDC/TMD (für Deutsche = CMD) Forschung auf:

  • Manfredini D  , derzeit Italiens fleissigster TMD Forscher mit guten internationalen Kontakten
  • Schierz O,   , vielversprechender Newcomer aus Leipzig, Deutschland
  • Dworkin SF.  , Übervater der modernen (seit 1992) RDC/TMD Forschung,  inzwischen emeritiert, Anwärter auf den Zahnmedizin Nobelpreis, Seattle, USA
  • Lavigne GJ. ,  der derzeit hellste Bruxismus Forscher weltweit, Montreal, Kanda

 

Kurzgesagt; der Inhalt von „Gebitsslijtage“ bewegt sich auf dem denkbar höchsten EBM (= durch Beweise gestützte Medizin) Niveau. Prof. Dr. Frank Lobbezoo wird sich hüten,  irgendwelchen unbewiesenen Unsinn über das Knirschen loszulassen, wie man das hierzulande noch häufig genug auch aus akademischen Mund (z.B. „Knirschen ist eine schädliche Angewohnheit“, „Knirschen wird durch Stress verursacht“ …) vernehmen kann. Sonst wird ihm der Kollege Lavigny aus Kanada ins Gewissen reden.

Und jetzt zum 31-ten Male: Für eine rustikale Bisshebung braucht der Patient weder eine „Funktionsanalyse“, noch einen Gesichtsbogen, noch eine Schiene und ich bringe es auf die Spitze: Im Grunde auch keinen Artikulator. Und gerade nicht beim Knirscher. Diese Botschaft aus dem niederländischen Buch sollte den deutschen Zahnarzt zum Nachdenken anregen..

 

Stichwort: Dahl-Prinzip

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