Psychiatriekongress 2010: Borderline Störung

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P1010647Prof. Dr. B. Bandelow hatte am 25.11.2010 die Aufgabe, den Wissbegierigen die psychiatrische Störung „Borderline Syndrom“ anhand seines Modells der „EOS Theorie“ der Borderline Störung nahezubringen. Diese läuft letztlich darauf hinaus, dass die Borderliner eigentlich einen Mangel an Opoid Rezeptoren für die körpereigenen Endorphine aufweisen und daraus ihre Symptome zu erklären wären.

Zuhächst zur Definition. In erster Näherung sind Borderliner = emotional instabile Persönlichkeiten mit den folgenden Kennzeichen:

  1. Impulskontrollstörung (aggressiv, launenhaft, Ausbildungsabbrüche)
  2. „Sensation-seeking behaviour“ (= Dauersuche nach dem Kick)
  3. Sucht
  4. Essstörungen (Magersucht, Bulimie)
  5. selbstverletzendes Verhalten
  6. Depression, Suizidversuche
  7. Unfähigkeit zur Selbstkritik, Egoismus
  8. Narzissmus
  9. Partnerschaftliche Probleme

 

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Opiatrezeptoren (= Andockstellen für Morphium und körpereigene Endorphine) kommen im Hirn an vielen Stellen vor. Sie haben dabei verschiedene Aufgaben, je nach Stelle die Schmerzstillung, Herstellung von Wohlgefühl, sexuelle Stimulation, persönliches Belohnungsgefühl etc. Alleine diese Aufzählung macht die Verführungskraft  deutlich, die Rezeptoren auch bewußt/unbewußt zusätzlich zu reizen.

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Borderliner sind oft genug interessante Menschen. Sensation seeking behaviour (= Nervenkitzel suchendes Verhalten) lautet das Motto des Bildes 3. Nicht nur der Bungee Springer drückt auf die eigene Endorphin Tube, sondern auch im Showgeschäft finden sich gehäuft Menschen, die eben das tun. Nicht selten steckt ein Borderliner dahinter. Sie haben eine faszinierende Seite, eine Rolle, in der sie brillieren können. Denn Drama ist ihr zweiter Vorname.

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Der Nucleus Accumbens liegt mitten im Hirn und ist Teil des körpereigenen Belohnungssystem. Letzteres kann direkt den Nuclues Accumbens elektrisch (sozusagen) ansteuern, was zu einer Ausschüttung von GABA (Gamma Amino Buttersäure) führt, die ihrerseits die Freisetzung von Dopamin zur Folge hat. Dopamin macht letztlich die erwünschten Wirkungen, wie Wonnegefühl, Stimmungshebung, Schmerzminderung etc.

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Gibt man nun hirngängige Substanzen mit Bindungsvermögen am Opiatrezeptor wie Heroin, Kokain, Nikotin, Morphin, Tilidin, Tramadol oder die körpereigenen Endorphine dazu, dann erhöht das den Ausstoß an GABA und das wiederum den Ausstoß an Dopamin. Kurzfristig fühlt sich der Betroffene gut. Und das um so stärker, je schneller die Dosis anflutet, weshalb Junkies die Einnahmeform bevorzugen, die den schnellsten Blutpegelanstieg verursacht. Obwohl Heroin, Kokain etc. auch problemlos über den Mund eingenommen werden kann, bevorzugen die Abhängigen die riskanteren Verfahren über die Nase bzw. Spritze.

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75% aller Borderliner (miss)brauchen Substanzen, 45% aller Heroinabhängigen sind Borderliner. Hier liegt übrigens einer der Gründe, warum man heute in der Drogenberatung nicht mehr versucht, Heroinabhängige in die Entwöhnung zu drängen, sondern mit Substituierung (Stichwort Methadon) das Absinken der Menschen im sozialen Bereich zu verhindern. Das Entwöhnen funktioniert deshalb nicht, weil Borderliner bis zu einem gewissen Grad ihr Nikotin, Alkohol, … teilweise auch Heroin Quantum haben müssen, um überhaupt zu existieren.

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Häufige und riskante Sexualkontakte fällt in die Abteilung „selbstverletzendes Verhalten“. Mich selber verletzen kann ich mit einem Messer, Säge, Peitsche usw auf allen erreichbaren Körperteilen, aber eben auch indirekt. Von Manisch-Depressiven Störungen ist ein ähnliches Verhalten in der manischen Phase bekannt, in der die Betroffenen ohne Rücksicht auf Verluste ihr Geld verschleudern und sich in fast jedes erreichbare sexuelle Abenteuer stürzen, bis die Phase zu Ende geht. Interessanterweise wechseln Borderliner ebenfalls ohne Übergang von einer promiskuiven (mehrere Partner) Phase in eine anhedonische (Null Sex) und umgekehrt.

Prof. Bandelow führt diese seltsamen Verhaltensweisen wiederum auf die bekannte Tatsache zurück, dass das gesamte mit Sex zusammenhängende Antriebs- und Belohnungssystem ausschließlich mit Opiatrezeptoren gesteuert wird.

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