Hausbesuch: warum Zahnärzte keine Lust darauf haben

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Nicht weniger als 3 Hausbesuche mußte ich heute erledigen:

  1. Pat. H.U.(72) im Stadtteil Steinbüchel liegt seit 2 Jahren mit schweren cerebralen Ausfallserscheinungen zuhause im Bett und wird von seiner 70 Jahre alten Ehefrau gepflegt. Zum gewaltigen Knirschen kam in den letzten Tagen auch ein offensichtlicher Zahnschmerz. Die Inspektion vor Ort ergab ein sehr tiefes Loch im Eckzahn. Dieser konnte nach einem ersten Bruch mit einiger Mühe und dem fleißigen Gebrauch des kleinen Hebels entfernt werden.
  2. Pat. G.H. (69) im Stadtteil Schlebusch hat schon mehr als 5 Jahre eine zunehmende Muskelschwäche, die es ihm nicht mehr erlaubt, eine auch nur 10 cm hohe Schwelle zu erklimmen. Für das Beseitigen einer Druckstelle an der Prothese muß entweder der Patient mit dem Rettungswagen und Trage zum Zahnarzt gefahren werden (was die Krankenkasse übrigens 600 Euro kostet), oder der Zahnarzt kommt zu ihm.
  3. Drei Altenheim-Bewohner in Leverkusen-Alkenrath benötigten a) einen Abdruck für eine neue Prothese, b) die Entfernung von 2 zerstörten Zähnen und c) die Begutachtung eines Knirschschadens.

Für 1.) gab es insgesamt Euro 82,53, für 2.) Euro 71,40 und für 3.) allemann zusammen Euro160,47. Gedauert hat das Gesamtmanöver von 9:15 bis 12:00 die Fahrzeit mitgerechnet. Der Gesamtumsatz liegt bei rund Euro 315,– und das für einen verbrauchten Vormittag. Wäre ich freischaffender Künstler ohne Zahnarztpraxis mit Angestellten am Bein, dann gingen 315,– ohne große Kosten natürlich voll in Ordnung. Da ich aber 3,5 Vollzeitkräfte in der Praxis beschäftige (für Telefon, Verwaltung, Arbeitvor- und nachbereitung, Desinfektion, Sterilisation, Röntgen, Eigenlabor ….), sieht die Rechnung völlig anders aus.

Pro Arbeitstag (220 im Jahr) fallen an Personal- und Sachkosten etwa 1.000 bis 1.100 Euro an. Ein Vormittag kostet also mindestens 500 Euro. Und jetzt wissen wir, warum Zahnärzte keine Hausbesuche lieben. Wir müssen bei Hausbesuchen Geld mitbringen, und das ist ernstgemeint. Übrigens: bei Hausärzten ist das schon lange so. Dreimal dürfen Sie also raten, warum der Hausbesuch eine vom Aussterben bedrohte Behandlungsform ist.

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