Einschleifen nein danke Teil 2

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Bild 1

Unlängst besuchte mich eine neue Patientin, Frau U.D. (74) und trägt ihre Teleskop Prothese des Oberkiefers nicht im Mund, sondern in ihrer Handtasche bei sich. Das gute Stück wäre etwa 3 Jahre alt, sie habe es ein halbes Jahr versucht zu tragen, weil sie aber die Konstruktion kaum aus dem Mund bekommen hätte und dazu der Gewinn an Kauleistung eher schwach bis nicht vorhanden wäre, hätte sie es einfach aufgegeben.

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Bild 2

Mit diesen blanken Gold Innenkronen der Teleskopkonstruktion läuft Frau U.D. also jetzt seit 2 1/2 Jahren herum. Auf der rechten Seite betrifft das überflüssigerweise auch noch 2 Zähne (13 + 14), auf der linken Seite nur den Zahn 23.

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Bild 3

Vergleicht man den Abstand der Innenkronen in den zusammengelöteten Außenkronen mit der Wirklichkeit des Bildes 2, dann braucht man keinen Abschluss als Raketen Ingenieur, um zu wissen, dass die Kronen 13, 14 nicht mehr aufzupassen sind. Alle Kronenzähne haben sich in den vergangenen 2 Jahren massiv verschoben.

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Bild 4

Ich setzte der Patientin auseinander, dass die vorhandene Prothese in keinem Fall mehr brauchbar zu gestalten wäre. Da Frau U.D. verständlicherweise aber Interesse an einer weißen Verblendung der Goldkappen hat, schlug ich als ad hoc Maßnahme das Heraustrennen der Außen-Kronen aus der Prothese und deren schlichtes Einzementieren im Mund vor.

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Bild 5

Damit war Frau U.D. einverstanden. Im Bild 5 ist der Zustand unmittelbar nach dem festen Zementieren der Außenkronen 13 und 23 zu sehen. Wegen der Zahnwanderung mußte dabei die Außenkrone 14 zerstört  (= entfernt) werden. Deutlich zu erkennen ist die Bissstörung durch die jahrelang nicht getragenen Kronen in Höhe von geschätzten 1 bis 1,5 mm (= 1.000 bis 1.500 ym).

 

Hingewiesen auf den jetzt dramatisch veränderten Biss sagte die Patientin nur: Zitat „Gewöhn ich mich dran“, denn sie war überglücklich, endlich wieder halbwegs unauffällig auszusehen. Und das ohne, dass sie als Rentnerin wieder tief in die Tasche hatte greifen müssen.

Das Geschilderte geschah Ende Januar 2011 in meiner Sprechstunde. Ich habe Frau U.D. seitdem nicht mehr gesehen, obwohl sie die Aufgabe erhielt, nach einer Woche Einbeißzeit selbstständig den Biss zu beurteilen und im Zweifel noch einmal für kleine Korrekturen bei mir zu erscheinen. Offenbar hat sich der Biss jetzt von alleine korrekt eingebissen.

Genau das wiederholt sich immer häufiger. Vier von fünf Patienten kommen nicht wieder, die entweder eine Krone, eine Brücke oder ähnliche Dinge bei mir neu eingesetzt bekommen haben, und deren Bisserhöhung (durchaus auch bis 1.000 ym) ich zunächst nicht eingeschliffen habe. Ich sehe diese Patienten häufig erst zum nächsten TÜV Termin wieder und erfahre dann, dass es keine ernstzunehmenden Probleme gegeben hat.

 

Farce

Tritt man einen Meter zurück und betrachtet sich die ganze Geschichte aus der richtigen Entfernung, dann eignet sich der Fall U.D. – wie so viele meiner Biss- und Funktionsgeschichten aus dem wirklichen Leben – vorzüglich dazu, die Märchen über die Wichtigkeit der Seitenzahnabstützung, der Eckzahnführung und der Okklussion überhaupt in das zu zerlegen, was sie sind: unbewiesene Behauptungen von Blinden, die alles akzeptieren wollen, nur nicht die Wirklichkeit.

Das geht los mit der Blödsinnsidee, Frau U.D. einen herausnehmbaren Ersatz für die fehlenden Zähne 16,17 als unbedingt notwendig aufzuschwatzen. Womöglich noch mit der Begründung, damit das Kiefergelenk auf der rechten Seite entlasten zu wollen. Wir wissen schon lange aus empirischen Untersuchungen (Nachschauen in wirklichen Mündern von wirklichen Menschen mit fehlenden Backenzähnen), dass es für solche Aussagen keine Grundlagen gibt. Und deshalb hier zum 39. Mal: Mit herausnehmbarem Ersatz können Zahnlücken zwar optisch ordentlich geschlossen werden. Funktionell im Sinne der Funktion von richtigen Zähne funktioniert das aber eher nicht. Deswegen brauchen wir uns ja auch nicht wundern, dass das Weglassen der Kunststoff Kauleiste in den 2 1/2 Jahren weder auf die Patientin, noch ihr Kiefergelenk irgendeinen Eindruck hinterlassen hat.

Eckzahnführung

Die Eckzahnführung hat sich ein Theoretiker als zahnmedizinische Ersatzreligion ausgedacht, um Generationen von Zahnmedizinern an der Nase herumzuführen. Nichts anderes beweist der Fall hier. Frau U.D. montiert sich selbst vor 2 1/2 Jahren mal eben schnell 1 mm Material von beiden Eckzähnen ab, in dem sie ihre Teleskopprothese exkorporiert (= wegläßt). Anstatt dass nach der Theorie der Eckzahnführung nun die Kiefergelenke kränkeln oder die ganze Patientin unter CMD schwächelt, ist der einzig feststellbare Effekt im Mund von Frau U.D. der, dass die 2-er (= kleine Schneidezähne neben den Eckzähnen) sichtbar runtergeraspelt werden.

Umgekehrt passiert nach dem Einbau der zu hohen Außenteleskope im Januar 2011 auf die extrudierten (= aus dem Knochenfach herausgewachsenen) Eckzähne genau so wenig: Die Patientin meldet sich kein einziges Mal zur Korrektur des nun viel zu hohen Bisses. Offensichtlich lohnt es sich aus ihrer Sicht nicht.

Das nenne ich einen satten Schlag ins Gesicht der Eckzahnführungs Theorie und auch der Okklussions Theorie der Verursachung von TMD (in Deutschland noch CMD genannt).

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