Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig

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Bild 1

Auf den ersten Blick offenbart sich noch nicht, warum der Notfallpatient U.F. Schmerzen links oben im Bereich des Eckzahns spürt. Nur beim Abklopfen der Zähne mit einem Metallinstrument fällt der linke Eckzahn unangenehm auf.

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Bild 2

Der Kälteprobe am 23 läßt sich keine klare Aussage entlocken, angeblich reagiert der Zahn verzögert aber noch leicht auf die Kälte. Per Mundspiegel läßt sich dafür eine eindeutige Press- und Knirschstelle des entsprechenden Unterkieferzahns auf der Fläche zum Gaumen hin finden. Weil ich den Zahnnervuntergang am 23 vermute, schlage ich dem Patienten eine Probeöffnung der Krone ohne Betäubung vor. Nur damit läßt sich letztlich sicher entscheiden, ob erkrankte Zähne bereits im Zustand des Zahnnervverfalls sind. Das hier sichtbare Loch entsteht also in der Notdienstsitzung.

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Bild 3

Kaum hat der Bohrer die Metallschicht durchdrungen, fällt das Werkzeug im freien Fall in das Innere der Krone. Das kann nur bedeuten, dass sich unter der Metallkrone kein normaler Stumpf mehr befindet, sondern Karies im fortgeschrittenen Stadium. Deshalb schlage ich dem Patienten auch vor, die offensichtlich freischwebende Krone 23 an der Lötung zum Nachbarzahn 22 abzutrennen. Erwartungsgemäß zeigt sich daraufhin, dass kein Krümel Zement mehr zwischen Krone und ehemaligem Zahnstumpf 23 anzutreffen war.

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Bild 4

Die grobe Entfernung der „Matsche“ (= Karies) läßt vom ursprünglichen Zahnstumpf nur noch einen Wurzelrest zurück. An dieser Stelle dürfte für jeden klar sein, warum es hier Zahnschmerzen gegeben hat.

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Bild 5

Der Blick in das Kroneninnere beweist, dass seit Monaten, wenn nicht sogar Jahren sich zwischen Zahnstumpf und Krone kein Zement mehr befunden haben kann.

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Wie erklären wir das Geschehen?

 

Ein Blick in die Geschichte hilft, die seltsamen Vorgänge um die Erscheinung „Verblockte Kronen“ besser einzuordnen. Verblockte Kronen erfreuten sich in den 60-er und 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Deutschland einer enormen Beliebtheit bei den Zahnmedizinern. Und das kam so: a) Behaupteten die damaligen Zahnersatz Experten, dass es „sicherer“ wäre, bei festsitzenden Brücken zum Ersatz fehlender Zähne mehr als einen Pfeiler pro Hälfte der Brücke heranzuziehen, b) Hielt die damalige Gebührenordnung für Zahnersatz sowohl in der privaten als auch später der kassenzahnärztlichen Variante eine hohe Extragebühr für das „Parallelisieren mehrerer Pfeiler“ zusätzlich zum Abschleifhonorar bereit.

Die Wiederholung zum Kapieren: Der einzelne kleine Zahnmediziner vor Ort bekam 1960/70 vom großen Guru (Professor der Prothetik) sowohl in der Uni als auch in seinen Lehrbüchern erklärt, dass bei 2 fehlenden Zähnen 4 abzuschleifende Pfeilerzähne die bessere Versorgung wäre als nur 2 Pfeiler abzuschleifen. Dann konnte sogar jeder Zahnmediziner leicht ausrechnen, dass das Schleifhonorar von 4 Pfeilern doppelt so hoch ausfiele, wie bei 2, obwohl die Gesamtarbeitszeit an dem Werk sich natürlich nicht verdoppelt. Und dazu kam noch das großzügige Extrahonorar zum „Parallelisieren“, für das er genau genommen keinen Schlag extra arbeiten musste.

Im Ergebnis wurden damit 99% aller Zahnmediziner dieser Jahre „überzeugt“, mehr gesunde Zähne zusammenzuschleifen als wir heute für sinnvoll halten. Man hat diesen Wahnsinn übrigens erst in den 80-er Jahren nach und nach aus den Gebührenordnungen gestrichen, indem zuerst die Parallelisierungsgebühr ersatzlos wegfiel, dann die Honorare für Kronen allgemein gekürzt wurden und schließlich ein Passus eingeführt wurde, dass Brücken grundsätzlich nur noch einen Pfeilerzahn auf jeder Seite brauchen.

Aus dieser „goldenen Zeit“ der Zahnmedizin stammt die Denke für die Lötstelle zwischen den Kronen 22 und 23. Die Bilder 1 bis 5 legen nahe, dass die Lötstelle die unmittelbare Ursache für die kariöse Zerstörung des Zahns 23 darstellt. Falls Ihnen das nicht einleuchtet: Nehmen wir einfach an, die Lötstelle hätte es nicht gegeben, die Frontzahnbrücke hätte mit dem Pfeiler 22 (der Zahn, der jetzt noch eine Krone trägt) geendet und der Zahn 23 würde eine Einzelkrone tragen. Was wäre nach einem vollständigen Dezementieren von 23 passiert? Die Krone wäre heruntergefallen und zwar zu einem viel früheren Zeitpunkt. Das ist nicht die einzige negative Auswirkung der Lötstelle. Zähne sind leicht beweglich im Knochen befestigt, können also „arbeiten“. Die starre Lötstelle verhindert die Einzelbewegung von Zähnen auf Kosten der Dauerbelastung des Zementes. Wenn dann noch Fehler beim Schleifen hinsichtlich des richtigen Winkels begangen werden, kann man regelrecht vorhersagen, dass irgendwann eine oder mehrere Zementierungen versagen werden. Und hier oben sehen Sie wieder ein solches Ereignis.

14 Replies to “Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig”

  1. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Frage:

    Ist es daher unsinnig einen 6er durch eine Brücke mit 3 Pfeilern (4,5,7) zu ersetzen oder ist es doch besser 2 Prämolaren einzubeziehen, die beide eine große Füllung haben ?

  2. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Eine Brücke zum Ersatz eines Zahnes benötigt keine 3 Pfeiler bei stabilen Verhältnissen. Deshalb zum Ersatz wenn Brücke gewünscht nur die Nachbarzähne mit einbeziehen (5 und 7) und den 4er, falls überkronungsbedürftig einzeln versorgen.
    Ich würde aus rein statischer Sicht im Hauptkaudruckzentrum einer konventionellen Brücke den Vorzug gegenüber einer Freiendbrücke geben.

    VG, Markus

  3. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    wenn sonst alles kariesfrei ist und vielleicht nur eine Füllung in den beiden 7-er und beide 6-er zu ersetzen wären, könnte man auch über eine Teleskopversorgung nachdenken, mit Teleskopen auf den 7-ern und Auflage auf den 5-ern. Dies hätte den Vorteil, dass kein 5-er beschliffen werden muss und die überkronten 7-er lange erhalten würden, weil die Reinigungsmöglichkeit bei einer Teleskopversorgung am optimalsten ist.

  4. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Hallo Sven. Bei so einer Ausgangssituation wie von Ihnen beschrieben ist eine Telekopprothese ohne Ihnen jetzt zu nahe treten zu wollen absouter Schwachsinn.
    Den Querverbinder wird keine Sau akzeptieren. Dann lieber belassen der Situation oder Implantatversorgung.
    Viele Grüße, Markus

  5. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Was aber ist, wenn die Implantate-Lösung ausscheidet? Dann bliebe nur die Brücke übrig.
    Eine Brückenlösung erhält aber nicht dauerhaft die eigenen Zähne, schon beim Beschleifen können gesunde Zähne vernichtet werden.

    Was hält die Zahnmedizin parat, wenn Patienten minimal-invasive Lösungen und langfristig-zahnerhaltende Lösungen wünschen???

  6. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Lieber Sven,
    warum scheidet denn ein Implantatversorgung grundsätzlich aus? Es scheint doch, gesetz dem Fall, dass Sie dem Implantatologen vertrauen, in Ihrem Fall tatsächlich die beste Lösung zu sein, zumal herausnehmbarer ZE in jedem Falle seine verschiedentlichen Tücken hat und eine Brücke eben auch die Beschleifung der Brückenanker erfordert. Eine Teleskopversorgung ist in dieser Ecke, wie Markus richtigerweise festgestellt hat, tatsächlich unsinnig. Sie haben, wie Sie selbst erwähnt haben, eine hervorragende Mundhygiene, so dass in einem solchen Falle bei einem gut gesetzten Implantat von einer langen Lebensdauer ausgegangen werden kann.
    Gibt es denn Probleme mit dem Kieferknochen?

    Mfg der kaffeedurstige Drache, 😉
    War Spaß, ich will Sie nicht noch in Verlegenheit bringen 😛

  7. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Nein Frau Ertl, es geht nicht um meinen Fall.

    Implantate sind ne feine Sache. Aber Implantate sind nicht immer möglich, aus verschiedenen Gründen (medizinisch/monetär/psychisch/ideologisch(Metall usw.).

    Mein Kritikpunkt bei Zahnersatz ist, dass zu wenig über minimalinvasive und gleichzeitig gute (ästhetisch und kautechnisch) Lösungen nachgedacht und geforscht wird.
    Und vor allem über Lösungen des langfristigen Zahnerhalts.

    Mit Schrecken las ich auf dieser Seite erstmals, dass 20% Verlust an Zähnen allein durch Beschleifen für Brücken einfach so hingenommen wird. Warum wird das nicht deutlich den Patienten gesagt? „Lieber Herr/Frau Maier-Müller-Schulze wir machen ihnen eine Brücke, um Zähne zu ersetzen, aber dabei können weitere Zähne kaputtgemacht werden, die Wahrscheinlichkeit hierfür liegt bei 20%.“

  8. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Also Sven, was Sie ansprechen, hat schon wieder umfangreiche Hintergründe. Die Forschung schreitet durchaus voran, was sich bzw. gerade an den Implantaten zeigt. Vernünftige Zahnmedizin scheitert einfach daran, dass die erforderliche Erhebung der Anamnese oft nicht stattfindet und der Patient in den allerwenigsten Fällen vom ZA in der Weise ernstgenommen wird, dass die individuellen Behandlungsoptionen mit Vor- und Nachteilenfür den Pat. nachvollziehbar dargestellt werden. Im Falle einer Brücke oder auch einer anderweitigen Versorgung wäre der ZA vertraglich zu einer Aufklärung für mögliche Komplikationen verpflichtet. Verwirklicht sich das aufklärungspflichtige Risiko, so haftet der ZA für alle daraus resultierenden Schadensfolgen. Eine Untersuchung hat zum Ergebnis geführt, dass ZE sehr häufig fehlerhaft ist, weil die erforderliche Sorgfalt bei der Planung und Durchführung unterblieben ist.
    ZE muss gerade im Seitenzahnbereich einem enormen Kaudruck statthalten, was

  9. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    die Verwendung geeigneter Materialien erfordert, wobei der Pat. in der Regel auch noch ein ästhetisch ansehliches Ergebnis wünscht. Über die Funktion macht sich der Pat. erst dann Gedanken, wenn funktionelle Störungen iatrogen verursacht wurden.
    Was hilft die beste Forschung, wenn in der Praxis geschludert wird. Ich denke die Möglichkeiten für guten ZE sind allemal vorhanden. Gute Arbeit hat alerdings auch ihren Preis, auch dies sollte der Pat. bedenken.

  10. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    [quote name=“Ertl“]…
    Was hilft die beste Forschung, wenn in der Praxis geschludert wird. Ich denke die Möglichkeiten für guten ZE sind allemal vorhanden. Gute Arbeit hat alerdings auch ihren Preis, auch dies sollte der Pat. bedenken.[/quote]
    Manchmal denke ich, man sollte das Ganze völlig umkehren: Der Zahnarzt kriegt dann Geld, wenn sein Patient gesund ist. Sobald der Pateint aber krank ist, wird solange nicht gezahlt, bis alles wieder in Ordnung ist.

    Auch wenn das nicht umsetzbar und durchsetzbar scheint, ist es doch mal ein interessantes Szenarium, wie dann behandelt werden würde.
    Zum Beispiel kann ich mir nicht vorstellen, dass dann die präventive Wirkung von Xylitol bewußt verschwiegen würde. Und beim Beschleifen – wenn es dann mal sein muss- hätte man längst Methoden gefunden, durch die der Zahn nicht zu 20% gefahr läuft, iatrogen verursacht, zerstört zu werden. Da würden alle schön langsam schleifen, dass nur ja keine Pulpa sich entzündet, usw.

  11. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Es verwundert mich auch etwas, dass Xylit von den ZÄ eigentlich nicht empfohlen wird.
    Ich denke, dass es, wie in jedem anderen Beruf verantwortungsvolle oder weniger verantwortungsvolle ZÄ gibt. Ob der ZA den erforderlichen Anstand im Falle eines von ihm zu verantwortenden Fehlers besitzt ist eine andere Sache. Ich darf Ihnen als schwer geschädigte Pat. versichern, dass es meinem ZA gänzlich am A…. vorbeiging, welchen Schaden er angerichtet hatte. Gerade weil die Folgen möglicherweise nicht mehr durch die Versicherung des ZA gedeckt sind, wird bei großen Fehlern „die Sau rausgelassen“. Ob hier das Elementarbedürfnis der Nahrungsaufnahme über Jahre hinweg schwer gestört ist, das interessiert dann keinen.
    Dennoch verwehre ich mich immer wieder auch gegen eine allgemeine Verurteilung der zahnärztlichen Zunft, zumal ich denke, dass Fehler vorkommen können. In den Kliniken geht der Trend zu einer raschen Schadensregulierung.Dieser Entwicklung sollten sich ZÄ nicht entziehen.

  12. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    XYLIT

    Ertl 2011-07-13 14:51
    Es verwundert mich auch etwas, dass Xylit von den ZÄ eigentlich nicht empfohlen wird.

    Danke für den Hinweis. Tolle Sache.

  13. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    [quote name=“schulze“]XYLIT

    Ertl 2011-07-13 14:51
    Es verwundert mich auch etwas, dass Xylit von den ZÄ eigentlich nicht empfohlen wird.

    Danke für den Hinweis. Tolle Sache.[/quote]

    stimmt!
    Da muss man sich eben selber schlau machen. Wiki hilft 😉
    http://de.wikipedia.org/wiki/Zahnkaries
    …unter dem Kapitel „Vorbeugung“ erhält man die ersten Hinweise und kann dann im Internet weiter recherchieren.
    Ich finde, in Kindergärten sollten Tees mit Xylitol (statt mit zucker) angeboten werden, ebenso Bonbons, und vor allem Eltern entsprechend aufgeklärt.
    Warum passiert das nicht!!?

  14. RE: Notdienst: Verblockte Kronen taugen wenig
    Es gibt Leute die verlieren Zähne nach jahrzehntelanger Parodontitis ohne zu wissen, was das wirklich ist oder was man dagegen tun kann. Und es gibt Leute die bekommen ihren ersten Zahnersatz im Jugendalter und sammeln im Laufe ihres Lebens noch jede Menge davon obwohl sie genau wissen, was ihnen droht, wenn sie ihre Zähne nicht gut pflegen und sich entsprechend ernähren. Das verstehe ich alles nicht, und die Zahnärzte die diese Patienten NICHT beraten schon gar nicht. Aber an gesunden Zähnen verdient der Zahnmediziner nichts, das ist das Dilemma in dem Beruf.

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