Notdienst: Knirscher beisst 2. Frontzahn Pulpa auf

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Bild 1

Nennen wir den 66 – Jährigen einfach Herrn D.C., der am Karfreitag mit dieser Fehlerbeschreibung in meinem Notdienst erschien: Auf den mittleren linken Schneidezahn (im Bild der rechte) kann er seit 1 Tag nicht mehr aufbeissen, dazu verspürt er ordentliche Spontanschmerzen.

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Bild 2

Beide 1-er (das sind die mittleren Schneidezähne) wurden über Jahre durch die unteren Schneidezähne von innen ausgehöhlt.

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Bild 3

So sehen die „Verbrecher“ aus, die im Gegenkiefer derartige Schäden angerichtet haben. Aber auch diese Zähne hat das Knirsch/Press Geschehen arg mitgenommen. Es fehlen an allen unteren Schneidezähnen mehrere Millimeter Höhe an der Hartsubstanz, die durch das jahrzehntelange Einwirken abnormaler Kaukräfte in Zahnstaub zermahlen worden sind.

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Bild 4

Der rechte 1-er (im Bild links) mußte vor einigen Jahren bereits wegen ähnlicher Beschwerden wurzelbehandelt werden. Zu erkennen ist das auch an der weißen Kunststofffüllung in der Mitte der Aushöhlung.

Tipp: Wenn Sie genau hinschauen und Ihr Monitor die Farben ordentlich abbildet, sehen Sie einen deutlichen Farbunterschied zwischen den beiden Zähnen: Der 21 (im Bild rechte) erscheint grünlich/grauer.

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Bild 5

Für die Nichtzahnmediziner: Die weißen Ränder bestehen aus Schmelz, der bei einem intakten Zahn auch die gesamte Rückfläche bedeckt. Sie sehen hier also vollständig weggeknirschten Schmelz und ca 3 bis 4 mm tiefe Aushöhlungen des weicheren Dentins (= Zahnbein) der Schneidezähne.

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Bild 6

Noch höher vergrößert zeigt sich am 21 (im Bild rechts) nach oben der Einbiss des unteren Schneidezahns in den noch vorhandenen Restschmelz, während im Dentin nicht mehr so deutlich feststellbar ist, wo der Kontakt genau passiert.

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Soweit  verstanden

Patient D.C. (66) ist es also in den vergangenen Tagen erfolgreich gelungen, einen zweiten Schneidezahn – Zahnnerv oben nur durch das Aufreiben des Nervraums mit den unteren Zähnen zu töten. *) Soweit, so schlecht. Dem Patienten können wir keinen Vorwurf machen, denn er hat auf sein Knirschen/Pressen so gut wie keinen Einfluss. Das läuft als Naturereignis jede Nacht einfach ab, ob er möchte oder nicht.

Der Behandler

Auch dem können wir bis zum Jahr 2011 keinen ernsthaften Vorwurf machen. Ein oberschlauer Kollege hätte – natürlich – das Ereignis vorhergesehen und dementsprechend dem Patienten einen Schoner, genannt Knirscherschiene, für seinen Ober- oder Unterkiefer angedient. Wenn wir als Behandler unter uns aber die oberschlaue Maske fallen lassen, dann zeigt sich oft folgendes Bild: a) Du kommst nie vorher darauf, dass ein Patient dabei ist, seine eigene Pulpa zu knacken, und b) Verzichten erfahrungsgemäß 50 % der Kunden, denen man (z.B. ich) einen solchen Schoner verpaßt hat, auf die Nutzung desselben, sobald sie näheren Kontakt – genau genommen also eine Nacht – damit hatten. Und wenn Sie das nicht glauben können, dann möglicherweise deshalb, weil Sie nicht in zurückhaltender Weise fragen. Auch Ihren Kunden sind solche Botschaften peinlich und sie wollen dafür nicht verbal ausgepeitscht werden. Was liegt dann näher als eine schnelle (Not) Lüge gerade und besonders beim Zahnarzt?

Zum Glück

Im Jahr 2011 verfügen wir zum Glück über halbwegs gesicherte Erkenntnisse, wie dieser Fall auch völlig anders zahnmedizinisch angegangen werden kann.  Jeder Zahnarzt, der sich die Bilder 1, 3  und 4 anschaut, müßte erkennen, dass unser Patient seinen scheinbaren Deckbiss aus Bild 1 nicht ererbt, sondern erworben hat. Sowohl die Ober- als auch die Unterkiefer Frontzähne zeigen Höhenverluste zwischen 2 bis 4 Millimeter, was sich auf ungefähr 2 mal 3 Millimeter addiert, also zu 6 Millimeter für Ober- plus Unterkiefer zusammen ausrechnet.

Ich – Joachim Wagner, Zahnarzt – komme nicht umhin festzuhalten, dass 6 Millimeter gleichzeitig auch 6 Tausend Mikrometer sind. Die Maßeinheit Mikrometer im Zusammenhang mit Zähnen kommt nicht von mir, sondern von meinen „Lieblingskollegen“ aus der Gnathologie. Damit das glasklar ist: Dieser Patient ist jetzt 66 Jahre alt, verfügt erst seit seinem 12. Lebensjahr über seine 2. Dentition (= Erwachsenenzähne)  und hat in dieser Zeit 6.000 Mikrometer Höhe im Frontzahnbereich verloren. Das bedeutet pro Jahr einen Verlust von 6.000 Mikrometer durch rund 60 Jahre, also 100 Mikrometer. Das wären knapp 10 Mikrometer pro Monat, jeden Monat neue 10 Mikrometer, versteht sich, und immer nur in einer Richtung: weniger. Für den überzeugten Gnathologen sind das Dimensionen, in denen er den Verstand verliert. Bildlich gesprochen.

So geschieht es jedoch im wirklichen Leben tagtäglich. Der Knirscher schabt derartig viel von seinen Beissern herunter, dass sich im Monat 10 bis 50 **) Mikrometer Gesamthöhe ringsum in Zahnstaub auflösen. Die zündende Idee in diesem Zusammenhang lautet darum: Vergiss den Gnathologen, der sich unnötig den großen Kopf wegen winzigster Bissänderungerungen macht, und tu das Naheliegende, nämlich den Ersatz des abgeknirschten Materials in voller Höhe. Das bedeutet konkret: Der Knirscher braucht keine Weichei – Warmduscher Pseudo Behandlung vom vor sich hin bramabasierenden Gnatholegen, sondern er braucht konkreten Ersatz der fehlenden Millimetern. Wie so etwas dann tatsächlich ins Werk gesetzt wird, wie also die fehlenden 6 Millimeter in der Front alle auf einmal an Höhe hergezaubert werden können, das lesen Sie hier nach:

 

*) Für die ganz Schlauen: Das Killen des Zahnnervs erfordert immer (!) das Einwandern von Bakterien, die dann das eigentliche Abmurksen des noch lebenden Nervs besorgen. Ein steriler (= bakterienfreier) aber offener Zahnnerv entzündet sich nicht und geht auch nicht unter. Darüber gibt es einschlägige Tierversuche. Da aber der Speichel 10 hoch 6 (= 1 Million) Bakterienkeime pro Milliliter enthält, bedeutet das Öffnen des Nervraumes in Gegenwart von Speichel auch fast immer eine Besiedelung mit Bakterien.

**) umgerechnet auf alle Zähne. Einen so fürchterlichen Knirscher lernte ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) in meiner Anfangszeit als Stabsarzt der Bundeswehr kennen. Der Mann (Uffz) schaffte es, innerhalb eines Monats, seinen linken unteren Eckzahn in der Höhe zu halbieren (!), nachdem ich auf die Idee kam, ihm eine dritte (!) OK-Knirscherschiene aus Metall mit Eckzahnführung herstellen zu lassen, weil er die vorherigen in einem atemberaubenden Tempo zerlegte.

One Reply to “Notdienst: Knirscher beisst 2. Frontzahn Pulpa auf”

  1. Dahl Prinzip
    Das Dahl Prinzip ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Es vermeidet Kronen! Man müsste unsere Zahnarztkollegen fragen: Schleifen Sie noch, oder kleben Sie schon? Bitte versetzen Sie mich nach Bad Soden.

    mfg
    Landenberger

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