Frage von Käferlein: Weiß nicht mehr weiter

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Hallo, bin hier neu in diesem Forum, habe aber schon viele Sachen im Forum gelesen. Meine Leidensgeschichte fing vor knapp sechs Jahren an bei einer Weisheitszahnoperation. Mir sind in Vollnarkose 2 Weisheitszähne gezogen worden und dabei ist mir der Zungennerv verletzt worde, seit dem leide ich unter Brennen,Kribbeln, Schmerzen und massiven Empfindungsströrrungen. Habe ganz viel durch, möchte aber jetzt erstmal nicht weiter darauf eingehen, weil mein momentanes Problem ist noch ein akutes anderes. Habe vor paar Wochen 2 Zähne im rechten Unterkiefer zwei Füllungen ausgebohrt bekommen und eine mit mit Kunststoff gefüllt und die andere mit Zement.Danach immer wieder Beschwerden, Füllungen immer wieder abgeschliffen wegen Biss, aber Schmerzen immer wieder. Ohne das die Schmerzen weggingen, bohrte sie mir auf der anderen Seite zwei provisorische Füllungen heraus und die eine wieder mit Kunststoff und die andere mit Zement gefüllt.Die ersten Tage immer wieder Schmerzen (hatte vorher garkeine Schmerzen auf der Seite)aber ich dachte das wäre erstma normal. Aber die Schmerzen wurden immer schlimmer, das ich wieder zu ZA gegangen bin, sie schliff wieder bissel rum und schickte mich heim, so nun müsste es besser werden. Leider ist es nicht besser geworden, sondern schlimmer.Bin wieder zum Arzt, aber sie kann nichts sehen, schliff wieder bissel rum und sagte wenn es jetzt nicht besser wird will sie eine WB machen. Die Schmerzen kommen meistens extrem beim Essen oder unmittelbar nach dem Essen, aber so massiv, das ich an die Decke gehen könnnte.Der Schmerz strahlt dann oft in den Kiefer, Nase und Oberkiefer, so als wenn da auch was am Zahn ist. Gestern Nacht bin ich dann vom Schmerz aufgewacht und so nach einer halben Stunde hat es dann nachgelassen. Ich bin mit den Nerven am Ende, ich kann nicht mehr. Ich traue langsam keinen Zahnarzt mehr. Habe schon massig Leid wegen der Zungennervverletzung und nun das noch dazu!!!! Sehr geehrter Herr Dr. Wagner, was raten Sie mir, was kann ich noch machen????

Vielen Dank, für alle die das lesen und mir vielleicht den ein oder anderen Rat geben könnten.

Käferlein

 

Antwort von Joachim Wagner Zahnarzt

Wenn ich mir Ihre Geschichte anschaue, fallen mir auf Anhieb 3 Artikel in Zahnfilm.de ein, die Ihre Situation als bebilderte Krankengeschichte in ähnlicher Form schildern. Es handelt sich um die Artikel

 

Im ersten Fall zerstören die behandelnden Zahnärzte die Backenzähne einer jungen Frau mit einem überempfindlichen Trigeminus durch das unnötige Herausbohren von Amalgam und Ersetzen durch Kunststoff, was mit einem Zahnverlust der Patientin und völliger Uneinsichtigkeit der Zahnmediziner endet.  Im zweiten Fall lernt ein Behandler auch im Wiederholungsfall nicht, dass ein Gesichtsnerv (= Trigeminus) – überempfindlicher Patient keine Zahnreinigung verträgt, und auch nicht, dass er keine Kunststoff Zahnhalsfüllungen auf seine Prämolaren (= kleine Backenzähne) erhalten darf. Auch dort kommt es zu Zahnkatastrophen. Im Fall 3 schildert eine Patientin den tragischen Verlauf dieser Zahnnerv Untergänge nach Kunststoff Füllungen eindrucksvoll in Tabellenform.

Das Problem

Genau genommen liegt die Hauptschwierigkeit der Trigeminus Neuropathie (= Ihre Krankheit) darin, dass bis heute etwa 99,8% aller Zahnmediziner keine Ahnung davon haben, dass es sie gibt. Und dass sie häufiger anzutreffen ist, als  andere Erkrankungen, um die die Zahnmediziner gerne den großen Fortbildungszirkus herum veranstalten, wie die CMD z.B.. Und wenn man als Behandler keinen Schimmer davon hat, was denn den schlimmen Dauerschmerzen seiner Patientin nun wirklich zu Grunde liegt, dann eiert man eben mit irgendwelcher Pseudozahnmedizin herum. Wie Ihre Zahnärztin, die offenbar recht erratisch (= unvorhersagbar) im Gebiss herumbohrt und als Universalmaßnahme bei Schmerzen aller Art nur wieder den Bohrer in Form von Zähne schleifen bzw. Wurzelbehandlungen bereit hält.

„Für den Hammer ist die ganze Welt ein Nagel“ lautet ein Sinnspruch, den besonders die Zahnärzte beherzigen. Soll heißen, dass in der Zahnmedizin alle Probleme nur vom Bohrerstandpunkt aus betrachtet werden.

In dieser Welt kommt ein Signalverarbeitungsfehler als Ursache der Schmerzen gar nicht vor. Der Zahnbohrfachmann interessiert sich überhaupt nicht dafür, dass Schmerzen immer und zu allererst ein neurologisches (= nervliches) Ereignis sind. Aber ohne die hochempfindliche Schmerzleitung des dreiteiligen Gesichtsnerves sind die Zähne doch vergleichsweise primitive Körperteile, die sich im Aufbau durchaus mit Fußnägeln vergleichen lassen. Man sollte sich klar machen, dass die Zahnmedizin ohne die dramatischen Schmerzsignale des  5. Kopfnerven (= Trigeminus) kaum über den Status einer Fußpflege im Mund sozusagen hinaus kommen würde.  Erst die wahnsinnige Empfindlichkeit der freiliegenden Zahnbein- und Zahnnerv- Oberflächen gibt der Zahnmedizin ihren inneren Wert für die Menschheit. Letztlich kann die Zahnmedizin darum auch als Schutzheilige gegen Zahnschmerzen betrachtet werden, der entsprechende finanzielle Opfer zu entrichten sind. Nach dem Ausflug in die Philosophie nun wieder …

 

Zurück zur konkreten Behandlung

Ich rate Ihnen, Käferlein, zu mehreren Schritten

1. Weniger ist mehr. In Ihrem Gebiss sollte in Zukunft möglichst wenig gebohrt werden. Und wenn, dann erst nach langer Überlegung und nur bei nachprüfbarer Begründung. „Etwas Karies“, die da ein unbedarfter Behandler gesehen haben will, reicht dafür nicht mehr aus. Entweder ist das Loch im Röntgenbild groß und eindeutig darstellbar, oder das Bohren fällt aus. Das Auswechseln von Füllungen nur wegen Schönheitsfehlern oder weil jemand das Amalgam nicht gefällt, muss bei Ihnen um jeden Preis verhindert werden.

2. Wenn ausnahmsweise doch Füllungen eingebracht werden müssen, dann sollten immer Materialien bevorzugt werden, die erfahrungsgemäß keinen reizenden Einfluss auf den lebenden Zahnnerv ausüben. Zu nennen sind hier: Amalgam, Glas Ionomer Zement und mit Einschränkung Zinkoxyd Eugenol Zement. Andere Materialien wie Kunststoff oder Keramikinlays kommen nur in Frage, wenn darunter eine säuredichte Unterfüllung aus Phosphatzement (= Harvard) oder besser aus konventionellem Glas Ionomer Zement verwendet wird.

3. Vom aktuellen Schmerzniveau kommen Sie auf 3 verschiedenen Wegen herunter:

  • a) Aushalten und nichts machen. Wenn der Dauerpegel nicht zu hoch (= nicht höher als 4 auf der Skala 0 bis 10) liegt, haben Sie eine berechtigte Aussicht auf eine Heilung von alleine. Unterstützend kann Tramal eingesetzt werden.
  • b) Die Schmerzen lokal (= an Ort und Stelle) mit antineuropathischen Mitteln wie Lidocain (= Betäubungsmittel), Capsaicin (= Wirkstoff im Cayenne Pfeffer), Gabapentin (= Nervzellenmittel) u.ä. begegnen. Wie das praktisch abläuft, habe ich hier in einigen Artikeln geschildert.
  • c) Bei hohem Dauerschmerzpegel empfiehlt sich die Behandlung mit einzunehmenden Mitteln aus der Antineuropathie Sammlung und unterstützenden Maßnahmen lokaler und allgemeiner Art.

2 Replies to “Frage von Käferlein: Weiß nicht mehr weiter”

  1. RE: Frage von Käferlein: Weiß nicht mehr weiter
    oh man ich habe noch nie so einen dünnpfiff gelesen. und sie sollen ZA sein? ich schäme mich für solch einen kollegen, der kunststoff und vor allem keramik als schlechte materialien darstellt. wo haben sie studiert?

  2. RE: Frage von Käferlein: Weiß nicht mehr weiter
    nicht, dass Herr Wagner die beiden Materialien als generell schlecht darstellt. Nur verträgt sich die Adhäsivtechnik nicht immer mit überempfindlichen Zähnen(Signalverarbeitung). Bei diesen Patienten sollte man andere Füllungsmaterialien vorziehen. Es gibt nunmal Menschen, deren Zähne nach einer harmlosen Zahnhalsfüllung Terror machen, aber auch welche, die selbst bei einer Pulpitis mit Eiterbildung so gut wie nichts merken… -> unterschiedlicher Verstärkungsfaktor der Signalverarbeitung

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