Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie

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Geplant war an diesem entspannten Mittwoch nachmittag der Einbau von 2 Stück Titan Implantat Schrauben der Marke „Camlog“ in der Größe 3,8 mm Durchmesser und einer Länge von 9 mm im Gebiet der ehemaligen Zähne 46 und 47 bei unserer Patientin Frau D.W. (53). Ich – Joachim Wagner, der Zahnarzt – war guter Dinge, weil alles schön zu passen schien, a) das Röntgenbild bestens zu den kurzen Implantaten, und b) das nach hinten offene Zeitfenster für den Eingriff.

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Um 15:45 Uhr, also 45 Minuten nach Beginn, trübte sich die die Stimmung jedoch merklich ein.  Frau D.W. eine erste Leitungsanästhesie mit 0,5 ml Articain um 15 Uhr erhalten, die bereits um 15:05 eine komplette Anästhesie der Unterlippe verursachte. Weil mir die hohe Empfindlichkeit der Patientin aus früheren Behandlungen bekannt war, legte ich – ohne weitere Prüfungen – noch 2 örtliche Betäubungen an Ort und Stelle des Geschehens nach. Die erste Ampulle war um 15:10 geleert, und die Arbeit sollte beginnen.

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Bereits beim ersten Kontakt des Pilotbohrers mit der Schleimhaut fühlte meine Patientin unangenehme Erscheinungen, die sie nicht als Schmerz einordnen wollte, aber auch nicht auf die Dauer ertragen konnte. Gut. Also zückte ich die Ampulle Nummer 2 und setzte eine 2. Leitungsanästhesie am Foramen mentale, eine 3. am Foramen mandibulare und noch 2 weitere Infiltrationsanästhesien in der unmittelbaren Umgebung der OP-Stellen. Das war etwa um 15:30.

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Nach Abwarten der Wirkung des Mittels wurde es mittlerweile 15:45. Es gelang nun zwar den Pilotbohrer 4 bis 5 mm im Unterkieferkörper zu versenken. Dann aber spürte Frau D.W. bei etwa 3 bis 4 bis 5 mm *) erneut deutliche Schmerzerscheinungen, die sich durch die  Tiefenmarkierungen des Bohrers reproduzieren ließen.

 

Diskussion

Um 15:50 wurden alle Gerätschaften aus dem Mund entfernt, die Patientin aus der OP Stellung wieder hochgefahren und mit ihr die möglichen Gründe für dieses eigenartige Verhalten der Schmerzempfindung versucht zu ermitteln. Als erstes stellt sich heraus, dass das simple Entfernen des letzten Backenzahns rechts unten, der Zahn 47, vor einigen Jahren von ihr bereits als „grenzwertig“ erlebt wurde. Sie schildert, dass die daran beteiligte Zahnärztin ebenfalls verzweifelt versucht habe, die Seite rechts unten zu betäuben, trotzdem habe sie als Patientin das Ganze so empfunden, als hätte man ihr den Zahn ohne jede Anästhesie rausgerissen.

Dann ergeben sich weitere Anhaltspunkte für Zahnschmerzen, die vermutlich nicht zahnbedingt sind, z.B. wiederkehrende Beschwerden im Gebiss links oben trotz völlig unauffälligem Röntgenbild. **) Wir beschliessen deshalb gemeinsam, den Implantat Eingriff abzubrechen und nicht nur das, sondern auch den Plan für Implantate komplett fallen zu lassen, weil zu vermuten ist, dass die höchstempfindliche Schmerzverarbeitung des Trigeminus von Frau D.W. auch nach einer gewaltsamen (z.B. in Vollnarkose erfolgenden) Implantation sich nicht beruhigen wird. Was zur Folge haben könnte, dass es im Bereich der Implantate Dauerschmerzen geben könnte.

*) Nein, es handelt sich mit Sicherheit nicht um den Unterkiefer Nervkanal, den ich da eventuell aufgebohrt habe. Von dem war ich noch mindestens 8 bis 10 mm weit entfernt!

**) Nachdem Frau D.W. wieder weg ist, erzählt mir meine Sprechstundenhilfe, dass die Patientin das Fiasko  beim Eintreten in die Praxis praktisch schon vorhergesagt hatte, mit zitternder Stimme und blassem Gesicht … Bingo.

7 Replies to “Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie”

  1. RE: Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie
    Hochinteressant!

    Danke für diese Fallbeschreibung.

    Denn nirgends steht bei Implantatärzten der Warnhinweis, dass bei „Trigeminus Hyperästhesie“ das erfolgreiche Setzen eines Implantates evenntuell fraglich ist und ggf. im Dauer-Schmerz-Patient-Dasein enden kann.

  2. RE: Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie
    Ja, eine wirklich interessante Fallbeschreibung!
    Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass das Röntgenbild, wie im Fall beschrieben, unauffällig war.

  3. RE: Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie
    Seit wann werden denn Camlogs transgingival inseriert?

  4. RE: Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie
    Hallo Assi, die Frage ist nicht seit wann, sondern von wem. Von mir natürlich. Abgekupfert bei Fuchs, Zürich. Einfach, elegant und zuverlässig, so möchte ich es beschreiben. Viele Grüße Joachim Wagner

  5. RE: Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie
    …aber auch risikobehaftet und unflexibel diese Methode.
    Ich sehe lieber wo ich arbeite. Das soll nicht heißen, daß es so nicht funktioniert, aber ich frage mich wie sie nachher die Attached-Gingiva circulär ums Implantat bekommen wollen?
    Und behaupten sie nicht, das sie dort nicht lieber welche hätten. Langzeitstabiler ist eine Manschette von keratinisierter Gingiva.
    Viele Grüße,
    Markus

  6. RE: Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie
    [quote name=“Markus“]…aber auch risikobehaftet und unflexibel diese Methode. …Viele Grüße,
    Markus[/quote] Jein, Herr Kollege Markus. Mit der angewachsenen / nicht angewachsenen Schleimhaut gebe ich Ihnen Recht, aber den Vorwurf „risikobehaftet“ bestreite ich entschieden. Wenn Sie beispielsweise an das Bonesplitting denken bei einem zu schmalen Unterkiefer Kamm, dann ist das nicht verletzte = nicht entfernte Periost auf dem beweglich gemachten bukkalen Knochendeckel die Garantie für das Weiterleben. Viele Grüße Joachim Wagner

  7. RE: Implantat Eingriff abgebrochen – offensichtlicher Fall von Trigeminus Hyperästhesie
    Hallo Herr Wagner,
    da haben sie recht. Beim Deperiostieren riskieren sie immer einen Ernährungsverlust des Knochens.
    Risikobehaftet meinte ich in dem Fall, daß durch die transingivale Implantation die Stellung des Implantates fix vorgegeben wird ohne Möglichkeit der Umorientierung oder des evtl. nötigen lateralen Knochenaufbaus. Sie könen so nicht gewährleisten, daß das Impantat circumferent von mindestens 1mm Knochengewebe umgeben ist um eventuelle spätere Einbrüche zu umgehen. Beim Bonesplitting lasse ich schon das Perost stehen, mache aber vorher einen Splitflap und bohre mir eine Sollbruchstelle durch die Kompakta um den Knochen später nach bukkal zu mobilisieren. Habe ich Ackermann abgeschaut.
    Viele Grüße

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