Herber Fall von Hemicrania continua gelöst

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IMG 1886Herr R.V. (42) erscheint im August 2011 erstmals in unserer Sprechstunde. Seine Hauptanliegen sind migräneartige Kopfschmerzen mit einer Anfallsdauer von mehr als 24 Stunden und einer Häufigkeit über 4 mal pro Monat. Die hohe Schmerzstärke von gleichbleibenden VAS = 8 auf der Skala 0 bis 10 an durchschnittlich 10 Tagen im Monat machen dem Patienten das Leben zur Hölle. Leider wirken alle rezeptfreien Medikamente nicht wirklich gegen seine  Schmerzen.

IMG 1889Zusätzlich klagt der Patient auch über „zu hohe“ Backenzähne im Unterkiefer. Es sei „Druck von unten“ speziell an den vorletzten Backenzähnen 36 und 46 zu spüren, sagt er. Beim Vorbehandler wurde der Zahn 36 wegen unklarer Schmerzen versuchsweise (!) wurzelbehandelt, leider ohne Erfolg. Genauswenig von Nutzen waren mehrfache Einschleifversuche durch Kürzen der unteren Molaren (siehe auch Bild 2). Das Gefühl des „Zuhochseins“ besteht nach wie vor.

In der ersten Sitzung berät meine angestellte Zahnärztin Dr. S. den Patienten. Die Verdachtsdiagnose lautet zunächst: Fehlfunktion im Trigeminus speziell 3. Ast rechts und links mit zahnunabhängigem Schmerz. Als vorläufige Therapie erhält der Privatpatient eine Medikamentenschiene mit einem 2% Lidocaingel für 2 mal 1 Stunde über 4 Wochen. Hinsichtliche des starken Kopfschmerzes ist sich meine Kollegin noch nicht sicher und bespricht den Fall mit mir.

IMG 1887Der Patient berichtet in der nächsten Sitzung, dass die Anwendung des Betäubungsmittels eine erhebliche Verbesserung seiner Anfälle bewirkt habe, leider jedoch keinen durchschlagenden Erfolg.

Meine Befragung des Pat. bringt dann aber einige Details zum Kopfschmerz ans Licht, die den Verdacht in eine weitere Richtung lenken. Wenn der Anfall kommt, dann geht er ohne Unterbrechung über bis zu 48 Stunden in grausamer Stärke über die Bühne. Dazu ist er einseitig.

Das erinnerte mich an eine gelesene Krankengeschichte aus einem amerikanischen Patientenforum. Dort schilderte ein Betroffener, wie er nach vielen erfolglosen Behandlungsversuchen in Fort Worth, Texas endlich den einen Doktor traf, der ihm ohne langes Federlesen eine Probepackung Indometacin verordnete und damit das Leiden praktisch umgehend beendete. Was ich bis dahin nicht wußte: diese spezielle Form des Kopfschmerz – die Hemicrania continua – ist die einzige, die auf das Medikament Indometacin reagiert. Und zwar schnell und gründlich.

IMG 1888Auf den Verdacht hin, Herr R.V. (42) könnte unter dieser speziellen Form des Kopfschmerzes leiden, händigte ich ihm ein Rezept über eine Kleinpackung mit Indometacin aus. Telefonisch meldete der Patient nach einigen Wochen einen vollen Erfolg. Seine Anfälle haben sich seitdem auf nahe Null reduziert.

Gestern sah ich Herrn R.V. anläßlich einer Routinekontrolle. Wortwörtlich: „Ich bin überglücklich, endlich wieder normal leben zu können.“ An seine Anfallstage kann er sich noch gut erinnern: „damals habe ich mir nur noch überlegt, an welchem Baum ich mich aufhängen kann.“

Und jetzt zum zahnmedizinisch interessanten Teil. Der Druck unter den unteren 6-ern ist seitdem verschwunden. Das Gefühl, dass die unteren Backenzähne zu hoch stehen, hat sich in Luft aufgelöst. Und schaut man sich das Bild 2 an, auf dem die Einschlaufspuren in der Krone 36 nicht zu übersehen sind und dazu Bild 4, das eine sichtbare Lücke zwischen 26 und 36 offenkundig macht, fragt man sich ohnehin, wie denn bei diesem Nichtkontakt noch ein Gefühl von „zu hoch“ auftreten kann.

Kommentar

Der Fall R.V. ist geeignet, 2 Fragwürdigkeiten in der Zahnmediziner Ausbildung zu beleuchten. Angesichts der engen Beziehung zwischen Fehlern des Trigeminus Schmerzsignal Systems und Dauerschmerzen im Mund, die oft mit normalen Zahnschmerzen verwechselt werden, muss doch gefordert werden, dass Zahnmediziner wenigstens eine Grundausbildung in Neurologie erhalten. Tatsache ist, dass sie hier regelmäßig unterbelichtet werden.

Auf der anderen Seite wird in der Zahnmedizin Ausbildung ein totales Übermaß an Zeit für den „Biss“ verschwendet. Und zwar unabhängig vom konkreten Fach, das zieht sich von der KFO, über die Konserve, die Prothetik bis hin zur Chirurgie, die neuerdings dafür zuständig sein soll, nicht wenigen jungen Menschen per Messer und Knochensäge den „richtigen“ Biss zu verpassen.

Unser Fall hier zeigt nachdrücklich, dass das Bissgefühl sich von der tatsächlichen Situation im Mund völlig loslösen kann – während des Hemicranie Zustandes. Wird dieser entsetzliche Kopfschmerz medikamentös beseitigt, dann merkt der Patient auch wieder, dass der Biss sich so anfühlt, wie er auch von außen aussieht. Daraus folgt, dass man sich als Behandler besser nicht immer auf die Worte der Patienten verlassen sollte, wenn es um den Biss geht.

2 Replies to “Herber Fall von Hemicrania continua gelöst”

  1. Seit Monaten beschwerdefrei
    Sehr geehrter Herr Wagner,
    ein halbes Jahr später und ich bin nahezu beschwerdefrei.
    Die Tage mit Schmerzen in den vergangenen 6 Monaten waren weniger wie sonst in einem und dabei war die Schmerzintensität weitaus geringer.
    Indometacin nehme ich nur wenn sich der Schmerz ankündigt. Ich fühle mich geheilt. 🙂
    Vielen, vielen Dank!

  2. Hallo Hr. Wagner,

    nach über 5 Jahren noch mal ein, ich sage mal Endergebnis.
    Seit meinem letzten Eintrag nahmen die Tage mit Schmerzen und vor allem ihre Intensivität stetig ab. Ich hatte sogar Schmerztage an denen ich mir das Indometacin verkniffen habe und es dennoch gut aus zu halten war.
    Seit nunmehr über 365 Tagen habe ich keinen einzigen Schmerztag mehr gehabt.

    Danke!

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