Neuropathikerin der Woche 7

IMG 1943 Meine Patientin B.S.  (38) erscheint am Montag 20. Feb. 2012 ohne Termin in der Sprechstunde und schildert, dass sie am Wochenende zwingend den Notdienst habe aufsuchen müssen wegen starker Zahnschmerzen rechts oben.

Der diensthabende Notdienstzahnarzt sieht sein übervolles Wartezimmer und entscheidet sich – ohne Röntgenbild – dafür, den 16 mit Spritze aufzubohren. Der einzige Anhaltspunkt für diese Entscheidung dürfte die relativ große Amalgamfüllung gewesen sein. Denn bei meiner Untersuchung reagiert der Zahn 15 leicht auf das Klopfen, der 16 jedoch nicht, auf Kälte reagieren beide nicht.

roe16bIch lasse darum sofort ein neues Röntgenbild anfertigen (Bild 2). Auf dieser Aufnahme ist an der Wurzelspitze kein Grund zu erkennen, warum dieser Zahn nun unbedingt aufgebohrt werden mußte. Auch die Amalgamfüllung gibt keinen Anlaß zu Undichtigkeitsvermutungen. Das beigefügte Bild 3 mit einer Röntgenaufnahme des Zahns 16 aus 2007 zeigt mehr oder weniger die gleichen Füllungs- und Wurzelverhältnisse am 16 wie das Bild 2 von 2012.

Beim vorsichtigen Öffnen der provisorischen Füllung muss ich erkennen, dass der Kollege mitten in die Pulpa (= Zahnnerv) hineingebohrt hat. Frau roe16aB.S. kommentiert dazu, dass in der Notdienst Sitzung eigentlich geplant war, eine Wurzelbehandlung vorzunehmen. Davon habe der Kollege aber abgesehen, als er im Zahnnerv angekommen sei, mit der Begründung, das könne auch der Hauszahnarzt erledigen.

Nun hilft also alles nichts mehr, ich muss in der Montagssitzung eine Anästhesie legen, dann die 3 Wurzelkanäle des 16 finden, die noch lebenden Zahnnervteile entfernen und das Freitagsmedikament „Ledermix“ einfüllen, denn die einmal aufgebohrte Pulpa läßt sich nicht mehr reanimieren. Ich  teile aber der Patientin meine Bedenken hinsichtlich der Diagnose mit. Meiner Meinung nach ist der Zahn 16 nicht schuld gewesen. Dazu fällt der Patientin  ein, dass nach dem Abebben der örtlichen Betäubung am Wochenende der Zahnschmerz noch stärker war als vorher.

Nach einer Woche sehe ich Frau B.S. routinemäßig wieder zur Auswechslung der zweifelhaften Chemiemischung „Ledermix“ gegen ein stark wirkendes Desinfektionsmittel „CHKM“ (nach dem „Timbuktu“ Protokoll). Der Zahnschmerz ist nicht vollständig verschwunden, ist aber im Rückgang begriffen. Die Patientin ist angewiesen, in 2 Wochen wieder zu erscheinen, um die 2. Desinfektionsrunde mit Jodoformpaste durchzuführen.

Nach 10 Tagen steht Frau S. aber schon wieder außerplanmäßig am Empfangstresen, sie hat jetzt starke Zahnschmerzen. Im Arztgespräch stellt sich heraus, dass Frau S. einmal im Monat unter extremer Migräne mit Aura und 2 vollen Tagen Dauer leidet, eine Zeit, in der sie arbeitsunfähig ist. Diese Migräne war vor 2 Tagen, gleichzeitig begann der Zahnschmerz wieder am 16 und tobt jetzt in großer Stärke.

Ich als Neuropathie erfahrener Zahnarzt  diagnostiziere damit im Nachhinein als ursprüngliche Schmerzursache eine „Zahn Migräne 16“ und überzeuge die Patientin, dass der Zahn in der laufenden Sitzung besser unangetastet bleibt.

Heute, Montag 12.03.2012, strahlt Frau S. wieder: Der Zahnschmerz ist gleichzeitig mit dem Rest Migräne wieder verschwunden. Damit bleibt es beim geplanten Verlauf: Auswechslung der Desinfektion gegen Jodoformpaste und Wurzelfüllung in 4 Wochen.

Betrachtung

Es gibt leider eine verbreitete Unsitte bei Zahnmedizinern, in Schmerzfällen auf das sorgfältige Sammeln von Indizien für eine zutreffende Diagnose zu verzichten und dafür einfach mal auf „Gut Glück“ loszubohren. Das kostet jedes Jahr viele hunderttausend unschuldigen Zähnen das Leben. So wie hier. Der Zahn 16 hatte mit dem Schmerz nichts zu tun. Und es wäre durchaus machbar gewesen, das auch im Notdienst herauszuarbeiten.

Wenn mir  der Zahn 16 mit aufgebohrtem Zahnnerv 2 Tage nach dem Notfall vorgeführt wird und auch dann immer noch nicht auf das Klopfen mit einem Metallinstrument reagiert, dann kann daraus messerscharf geschlossen werden, dass er das auch vorher nicht tat. Das nur zur Feststellung, warum ich sicher bin, dass der Nofall Kollege die einfachste Pulpitis Diagnostik nicht angewandt hat. Das hätte ja den Ablauf gestört.

Hier liegt einer der Gründe, warum eine große Menge von Zahnmediziner nie erkennen wird, dass es durchaus mehr Ursachen für Schmerzen gibt, als die 3 übersichtlichen Zahngeschichten Pulpitis, apikale Ostitis und akute Gingivitis.

Ich habe meine Patientin darüber informiert, dass der besagte Migräne Zahnschmerz am 16 jederzeit wiederkehren kann und dass dieses völlig unabhängig vom Zustand der Wurzelbehandlung am 16 geschehen wird. Die Pflicht des Zahnarztes ist darin zu sehen, den unnötig geöffneten Pulpenraum jetzt nicht auch noch mit Mundbakterien zu infizieren. Dann wäre der Schaden nochmals verschlimmert.

10 Replies to “Neuropathikerin der Woche 7”

  1. Nicht überzeugend
    Ihr Bericht überzeugt mich nicht, und auch ein Fehlverhalten des Notfall-ZA kann ich nicht erkennen, bzw. reichen Ihre Angaben hier nicht aus, um ihm ein solches zu Unterstellen. Lediglich der (angebliche) Verzicht eines Bildes ist nicht schön.Das von Ihnen angefertigte Rö-Bild schließt jedoch eine akute Pulpitis doch auch in keinem Fall aus.Für diese Diagnose braucht man doch keine apikale Aufhellung an der Wurzel. Im Gegenteil, da reicht eine abnormale Kältereaktion bei Vit-Probe und entsprechende anamnestische Angaben, auch ohne Perk+. Auch die extrem tiefe Füllung stärkt diesen Verdacht eher. Das keine Klopfempfindlichkeit und Vit-Verlust zwei Tage nach Trepanation vorliegt, ist doch normal und lässt keinen Rückschluss auf den Notdienst-Befund zu. Und dass auf eine ganze WKB im Notdienst verzichtet wurde, kritisieren Sie doch nicht im ernst??!! Völlig ausreichende Notfall-Endo ist Trep,Pulpotomie,NaOCl-Splg und Prov-Verschluss, lässt sich überall nachlesen.

  2. RE: Neuropathikerin der Woche 7
    [quote name=“ZA Koswig“]Ihr Bericht überzeugt mich nicht, und auch ein Fehlverhalten des Notfall-ZA kann ich nicht erkennen, bzw. reichen Ihre Angaben hier nicht aus, um ihm ein solches zu Unterstellen. Lediglich der (angebliche) Verzicht eines Bildes ist nicht schön.Das von Ihnen angefertigte Rö-Bild schließt jedoch eine akute Pulpitis doch auch in keinem Fall aus.Für diese Diagnose braucht man doch keine apikale Aufhellung an der Wurzel. Im Gegenteil,
    (…)
    Und dass auf eine ganze WKB im Notdienst verzichtet wurde, kritisieren Sie doch nicht im ernst??!! Völlig ausreichende Notfall-Endo ist Trep,Pulpotomie,NaOCl-Splg und Prov-Verschluss, lässt sich überall nachlesen.[/quote]
    Sind Sie sicher, dass Sie verstanden haben, was Herr Wagner hier thematisiert? Wahrscheinlich vorsaetzlicher Zahnmord durch Anbohren der Pulpa bei nicht befundgerechtem Murks.

    Gute Besserung.

  3. RE: Neuropathikerin der Woche 7
    Und ich thematisiere, das dieser von ZA Wagner propagierte „Murks“ wohlmöglich keiner war. Bei Vit +++ und entsprechender Schmerzanamnese (und diese Befunde aus erster Sitzung kennen wir doch garnicht!) hätte ich diesen Zahn im Notdienst auf gleiche Art und Weise gekillt, erst recht wenn ich im RÖ diesen mesialen stark erweiterete PA-Spalt und eine in die Pulpa ragende Füllungen gesehen hätte (gar von Herrn Wagner gelegt??)

    Ich mag diesen Blog, aber man darf ja auch mal anderer Meinung sein!

    Ebenfalls gute Besserung.

  4. RE: Neuropathikerin der Woche 7
    Können Sie auch sachlich zum Thema diskutieren, oder nur dumme Sprüche absondern?
    Dies waren meine ersten Kommentare in diesem Blog, und meine letzten. Ist ja total sinnlose Zeitverschwendung hier! Auf Wiedersehen

  5. Wissenschaftsrat der Bundesregierung droht
    [quote name=“ZA Koswig“]Können Sie auch sachlich zum Thema diskutieren, oder nur dumme Sprüche absondern?
    Dies waren meine ersten Kommentare in diesem Blog, und meine letzten. Ist ja total sinnlose Zeitverschwendung hier! Auf Wiedersehen[/quote]
    Der Wissenschaftsrat der Bundesregierung hat der Zahnmedizin gedroht. Zahnaerztliche Lehreinrichtungen zu schliessen.

    DIMDI sagt: Kieferorthopaedie ist ueberfluessig. So gut wie abwarten.

    Risse sagt:
    http://www.cmd-institut.de/

    Zwei Zahnaerzte. Fuenf Meinungen.

    Mir waere das auch wurscht. Aber „Zahnklempner“ haben mir aus einem einseitigen Kreuzbiss eine fast lebensgefaehrliche Situation erzeugt. Vorsaetzlich.

    Ich entschuldige mich fuer meine uebertriebene Aggresivitaet. Bei Herrn Wagner kann man viel lernen. Aber nichts ueber iatrogenes okklusales Trauma.

    Mit freundlichen Gruessen

    H. P.

  6. RE: Neuropathikerin der Woche 7
    Guten Morgen Herr Horst P, so ganz sind doch die sachlichen Argumente des Herrn ZA Koswig nicht von der Hand zu weisen. Was mir sehr seltsam vorkommt, dass sich die angebeliche Neuropathie dieser Pat. im Zusammenhang mit einer Migräne auf einen einzelnen Zahn beschränken sollte.
    Nachdem ich selbst aufgrund einer fast 10 Jahre unerkannt bestehenden Neuroborreliose aufgrund des radikulären Befalls periodisch unter heftigstenen permanent wechselnden „Zahnschmerzen“ an den unterschiedlichsten Zähnen litt, kann ich mir nicht vorstellen, dass sich das hier in den Raum gestellte Schmerzgeschehen einer Neuropathie angeblich auf einen einzelnen Zahn konzentrieren sollte. Der Trig.-Nerv projeziert seine Schmerzausstrahlung nicht auf einzelnen Zähne, weshalb an eine Radikulitis oder auch Neuropathie stets dann gedacht werden sollte, wenn ein diffuses Schmerzgeschehen an verschiedensten Zähnen ohne fassbaren Befund angegeben wird.Das trifft hier nicht zu.

    MfG Ertl

  7. RE: Neuropathikerin der Woche 7
    Ich kann dem Kollegen Koswig nur zustimmen.
    Von Murks kann hier keine Rede sein.
    Einziges Manko ist die fehlende Röntgenaufnahme. Auch der Kommentar „das könne auch der HZA erledigen“ ist wahrscheinlich auf die Kanal-Darstellung und Extirpation der Pulpa bezogen.
    Ohne Gegendarstellung des notdienstbehandelnden Kollegen würde ich mich mit einer solchen Darstellung nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Und das ein Patient einen Behandlungs-Dialog subjektiv wertefrei wiedergibt habe ich selten erlebt.
    VG, Markus

  8. RE: Neuropathikerin der Woche 7
    Vielen Dank Herr Wagner für den Hinweis auf den aufschlussreichen Artikel, den ich mit meinen eigenen Erfahrungen insofern untermauern kann, dass auch entzündliche ZNS-Erkrankungen zu diesem vom Autor geschilderten Phantomschmerz führen können.
    Im vorliegenden Pat.-Fall fehlt mir jedoch der eindeutige Hinweis, dass die Pat. an schlecht abgrenzbaren Zahnbeschwerden leidet, vielmehr konzentriert sich die Diskussion und Behandlung auf Zahn 16. Herr ZA Koswig bringt einen stark verbreiterten PA-Spalt und pulpanahe Füllung ins Gespräch, so dass es doch auch möglich gewesen wäre, dass die Pat. neben ihrer Migräne zahnursächliche Schmerzen hat. Aus meiner Laiensicht wäre eine Trepanation des Zahns allerdings erst nach entsprechender Diagnostik auch unter Berücksichtigung des von Herrn ZA Koswig erwähnten Paradontalspalts als Sofortmaßnahme indiziert gewesen. Aber so ganz genau lässt sich die Sicht post ex ohnehin nicht nachvollziehen.

    MfG Ertl

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