82% aller nicht behandelten kariösen Milchzähne bleiben schmerzfrei

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Br Dent J. 2002 Jul 27;193(2):99-103.

Das Schicksal von 1.587 unrestaurierten kariösen Milchzähnen: Eine retrospektive – in zwei allgemeinen zahnärztlichen Praxen durchgeführte – Studie von Nordengland.

 

Quelle

Dental Health Services Research Unit, University of Dundee Dental School, Park Place, Dundee DD1 4HR. ronnielevine@onetel.net.uk“>ronnielevine@onetel.net.uk
Abstrakt

ZIEL:
Ziel der Studie war, das Resultat einer Nicht-Behandlung von kariösen Milchzähnen durch eine retrospektive Analyse von klinischen Fall-Notizen von Kindern, die regelmäßig an zwei allgemeine Zahnarztpraxen erschienen und dort die Vorsorge erhielten, zu untersuchen.

StudienDESIGN:
Benutzt wurde ein sorgfältig definiertes Protokoll, um das Schicksal von kariösen Milchzähnen mit Karies bis ins Dentin, die aber symptomlos und unbehandelt blieben, festzustellen. Dafür wurden sequenzielle (aufeinander folgende Karteneinträge)  Analyse der klinischen Daten von 481 Kindern verwendet, die die Praxis mindestens einmal jährlich besucht haben.

Ergebnisse:
Das Alter bei der Erstdiagnose von kariösen Zähnen lag zwischen 1-12 Jahren; die der Mehrheit der Hohlräume (1005) präsentierte sich im Alter von 6 Jahren. Insgesamt wurden 1587 Zähne bis zum Verlust aus dem Mund gefolgt. Von diesen wurden 190 (12%) aufgrund von Schmerzen gezogen und weitere 60 (4%) wurden schmerzhaft und behandelt, so dass 1337 (84%) Milchzähne komplett symptomlos blieben, bis verloren gingen. Von den 1.337 symptomlosen Zähnen wurden 178 unter Vollnarkose zur gleichen Zeit mit den schmerzhaften extrahiert. Die übriggebliebene Gruppe von 1.159 (74%) Zähnen ohne Schmerzen fielen nach einer mittleren Überlebenszeit von 1.332 Tage von alleine aus.

 Nimmt man von der Analyse die 178 extrahiert, aber symptomlosen Zähnen heraus, dann bleiben insgesamt 1409 Zähne übrig, von denen 18% Schmerzen verursachten und extrahiert oder behandelt wurden und die restlichen 82% fielen ohne Symptome von alleine aus. Die stärkste Determinante (= Vorhersagewert) für den Schmerz war das Alter bei der Diagnose, die anderen Faktoren waren Zahnart und Umfang der Kavität bei der Erstdiagnose. Die kariösen Zähne, die am wahrscheinlichsten Symptome verursachten, waren Backenzähne mit entwickelt Hohlräumen mit Pulpa Beteiligung bis zum Alter von 3 Jahren. Von diesen verursachten 34% Schmerzen. Im Gegensatz dazu wurden die wenigsten Schmerzen verursacht von kariösen Backenzähne  ohne Pulpa Beteiligung nach 8 Jahren.  Nur 6% von denen verursachten Symptome.

FAZIT:
Bei diesen Patienten bleibt die Mehrheit der unrestaurierten kariösen Milchzähne symptomlos bis zum Ausfallen. Die Ergebnisse legen Beweise vor, um die Planung der Behandlung von kariösen Milchzähne bei Kindern bei regelmäßiger vorbeugender Zahnpflege auch in Richtung Nicht-Behandlung zu unterstützen.

    Die Behandlung von kariösen Milchzähnen. [Br Dent J. 2002]
    
Unrestauriert kariöse Zähne. [Br Dent J. 2002]

PMID:
    
12199130
    
[PubMed – indexed for MEDLINE]

 


 

Br Dent J. 2002 Jul 27;193(2):99-103.

The fate of 1,587 unrestored carious deciduous teeth: a retrospective general dental practice based study from northern England.

Source

Dental Health Services Research Unit, University of Dundee Dental School, Park Place, Dundee DD1 4HR. ronnielevine@onetel.net.uk

Abstract

OBJECTIVE:

To investigate the outcome of non-restoration of carious deciduous teeth by means of a retrospective analysis of clinical case notes of children regularly attending two general dental practices and receiving preventive care.

DESIGN:

Using a carefully defined protocol the fate of deciduous teeth diagnosed as carious into dentine but symptomless and left unrestored was determined from the sequential examination of the clinical records of 481 children attending at least annually.

RESULTS:

The age at initial diagnosis of carious teeth ranged from 1-12 years with the majority of cavities (1,005) presenting by 6 years of age. In all, 1,587 teeth were followed until loss from the mouth. Of these, 190 (12%) were extracted because of pain and a further 60 (4%) became painful and were treated, leaving 1,337 (84%) that remained symptomless until being lost. Of the 1,337 symptomless teeth, 178 were extracted under general anaesthesia at the same time as painful ones. The final group of 1,159 (74%) teeth were exfoliated without causing pain after a mean survival time of 1,332 days. Excluding from the analysis the 178 extracted, but symptomless teeth, leaves a total of 1,409 teeth of which 18% gave pain and were extracted or treated and the remaining 82% exfoliated. The strongest determinant of pain was age on diagnosis, the other factors being tooth type and extent of the cavity when first seen. The carious teeth most likely to cause symptoms were found to be molars that developed cavities with pulpal involvement by the age of 3 years, 34% of which caused pain. In contrast, those least likely to cause pain were carious molar teeth presenting without pulpal involvement after 8 years, only 6% of which produced symptoms.

CONCLUSION:

In these patients, the majority of unrestored carious deciduous teeth remain symptomless until shed. The results provide evidence to aid the treatment planning of carious deciduous teeth in children regularly receiving regular preventive dental care.

Comment in

PMID:
12199130
[PubMed – indexed for MEDLINE]

 


 

 

Kommentar

Von dieser Sorte von Studien, also denen, die die relative Überflüssigkeit eingreifender Maßnahmen bei Kindern zeigen, gibt es leider viel zu wenige. Wer sich die Mühe macht, diesen Sachverhalt in Medline (http://www.ncbi.nlm.nih.gov) nachzuforschen, wird zudem feststellen, dass nicht eine einzige derartige Studie in Deutschland erstellt wurde. Sie kommen fast ausschließlich aus Großbritannien.

Das hat u.a. damit zu tun, dass in Großbritannien die Forschungsgelder in der Zahnmedizin nicht von Zweitspenden der zahntechnischen Industrie (ganz vorne alle Implantathersteller z.B. Nobel, Straumann … oder auch Sirona, KaVo …) abhängen, sondern von Direktiven des NHS (National Health Service), welches die staatliche Krankenversorgung in ganz Großbritannien managt. Während in England wirklich wichtige Fragen gestellt und beantwortet werden, werkeln die wenigen deutschen Zahnmediziner, die noch selber forschen, häufig genug nur an Apparatemedizin herum.

Dabei ist die Frage, ob ein halbkaputter Zahn, den beispielsweise ein 3-jähriger Junge in seiner Kauleiste stecken hat, unbedingt behandelt werden muss, alles andere als unwichtig. Warum interessiert das dann aber die deutschen Zahnmediziner nicht? Ich wette, dass bei einer spontanen Umfrage unter den jetzt Dienst habenden Zahnmediziner hier, mindestens 2 Drittel dem 3-Jährigen unbedingt den Zahn ziehen oder füllen wollen. Mit der Begründung, dass es sonst zur Katastrophe komme.

In der Untersuchung hier oben lesen wir aber, dass sich selbst im schlimmsten Fall (3-jähriger mit Karies im Backenzahn mit Pulpabeteiligung) auch nur in 34% der Fälle Schmerzen entwickeln. Bei 66% der bei der Erstdiagnose so vorgefunden Zähne tun sie es nicht, bis zum Ausfallen von alleine!

Fazit

1. Die Evidenced Based Medicine (EBM = auf Beweisen ruhende Medizin) hat in der Zahnmedizin noch ganz viele weiße Flecken zu bearbeiten. U.a. auch die Frage, was muss wirklich behandelt werden, bei Kindern?

2. Die Behauptungen der sogenannten spezialisierten Kinderzahnärzte, wonach jedes kleine Loch sofort und unbedingt behandelt und jeder tote Milchzahn in Vollnarkose gezogen werden muss, sind nachgewiesener Unsinn.

3. Der Hauptgrund für das Nichtvorliegen der hier vorgestellten Untersuchung in Deutschland ist übersichtlich: Das kostet Umsatz und Arbeitsplätze bei den sogenannten Spezialisten wie: Kinderzahnarzt, Kinderanästhesist (für die Vollnarkose), Kinderphysiotherapeut …

 

5 Replies to “82% aller nicht behandelten kariösen Milchzähne bleiben schmerzfrei”

  1. RE: 82% aller nicht behandelten kariösen Milchzähne bleiben schmerzfrei
    Im Grossen und Ganzen sehe ich die Sache genauso. Als Ausnahme -und diese Zähne behandele ich immer – betrachte ich die Milch-5-er und da jeweils die distalen Flächen bei eruptierten 6-Jahr-Molaren. Dort eine Glasionomerfüllung als Kariespropyhlaxe für die 6-er, das zahlt sich aus. Was man sich natürlich fragen kann, inwieweit das bekterielle Milieu im Mund durch die offenen kariösen Läsionen bestimmt wird, und damit auch das Schicksal der permanenten Zähne beeinflusst.
    Und zur Motivation der Studie – vielleicht dient es auch nur dazu die knappen Zahnarzressourcen zu schonen? Die sleben Tendenzen sehe ich hier in Norwegen. Da verlängert man auch die Untersuchungsintervalle. Je weniger man die Patienten sieht – desto seltener sieht man auch Löcher und desto gesünder sind die Patienten. 😆

  2. RE: 82% aller nicht behandelten kariösen Milchzähne bleiben schmerzfrei
    Ich bin zwar auch sehr zurückhaltend, was die Behandlung von frühkindlicher Karies anbelangt und Narkosegegner. Aber:
    -34% MIT Schmerzen, das halte ich für einen extrem hohen Wert! Hier in dem Blog wird ja da WSR-Erfolgsquote von 34% (zurecht) als völlig unzureichend betitelt. Aber bei Kinderzahnschmerzen gelten solche Maßstäbe nicht?!
    -In der Studie wird nur von Schmerzen gesprochen. Die Gefahr, die für die bereits durchgebrochenen, bleibenden Zähne im verseuchten Mundhöhlenmilieu ausgeht, bleibt unangesprochen. Und was ist mit dem Zahnkeim unter einem Milchzahn, wo mit 3 Jahren beginnend über zig Jahre hinweg massiv Bakterien durch Pulpabeteiligung Richtung apikal wandern?
    Von den (zurecht) besorgten Eltern, die die Gesundheit ihres Kindes vernachlässigt sehen mal ganz zu schweigen.
    Ausserdem habe ich schon zu viele Fisteln, Abszesse und vor Schmerzen schreiende Kinder gesehen, um so lax und locker an der Sacher heran zu gehen.

  3. hp
    [quote name=“Ruth Schneider“]Im Grossen und Ganzen sehe ich die Sache genauso. Als Ausnahme -und diese Zähne behandele ich immer – betrachte ich die Milch-5-er und da jeweils die distalen Flächen bei eruptierten 6-Jahr-Molaren. Dort eine Glasionomerfüllung als Kariespropyhlaxe für die 6-er, das zahlt sich aus. Was man sich natürlich fragen kann, inwieweit das bekterielle Milieu im Mund durch die offenen kariösen Läsionen bestimmt wird, und damit auch das Schicksal der permanenten Zähne beeinflusst.
    Und zur Motivation der Studie – vielleicht dient es auch nur dazu die knappen Zahnarzressourcen zu schonen? Die sleben Tendenzen sehe ich hier in Norwegen. Da verlängert man auch die Untersuchungsintervalle. Je weniger man die Patienten sieht – desto seltener sieht man auch Löcher und desto gesünder sind die Patienten. :lol:[/quote]

    Ein Hammer Beitrag.

    Wenig Zahnarzt heißt viel Zahngesundheit?

    LG

    HP

  4. Milchzahnkaries
    Wenig Zahnarzt heißt viel Zahngesundheit?

    LG

    HP[/quote]

    Jepp….. Der Intervall für Routineuntersuchungen für Kinder wurden inzwischen auf 21 Monate verlängert.
    Lg Ruth Schneider

  5. Jepp.
    [quote name=“Ruth Schneider“]Wenig Zahnarzt heißt viel Zahngesundheit?

    LG

    HP[/quote]

    Jepp….. Der Intervall für Routineuntersuchungen für Kinder wurden inzwischen auf 21 Monate verlängert.
    Lg Ruth Schneider[/quote]

    Hallo Frau Schneider,

    vielen Dank fuer diese klare Ansage.

    Ich denke, es haette mir besser getan, wenn das Intervall fuer Routineuntersuchungen fuer Erwachsene auf 120 oder 240 Monate verlaengert worden waere.

    LG

    HP.

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